Der Urgrossvater an der Seitenlinie

AMERICAN FOOTBALL ⋅ Dick LeBeau müsste längst im Ruhestand sein. Doch auch mit 80 Jahren steht der Abwehrkoordinator der Tennessee Titans an der Seitenlinie – in der Nacht auf morgen im Playoff gegen die New England Patriots.
13. Januar 2018, 10:31

Jeden Morgen, wenn Dick Le­Beau in sein Büro läuft, sagt er diesen Satz: «It’s great to be ­alive», es ist wunderbar, am Leben zu sein. Oft genug ist das eine Phrase, ein billiger Kalenderspruch, aber LeBeau befindet sich in einem Alter, in dem man die Tage zu schätzen lernt. Le­Beau ist zweifacher Urgrossvater, 80 Jahre alt und nicht einfach ein rüstiger Rentner, sondern Abwehrkoordinator der Tennessee Titans.

Die Bezeichnung tönt weniger wichtig, als sie ist; LeBeau ist dafür verantwortlich, welche Spielzüge die Abwehr ausführt, welche Strategien sie wählt. Es ist ein Posten, den vorab gescheite junge Männer innehaben, die in horrendem Tempo Wahrscheinlichkeiten berechnen. LeBeau wirkt mit seinem Jahrgang wie aus der Zeit gefallen, aber er ist es nicht. Es ist auch ihm zu verdanken, dass die Titans in der vergangenen Woche überraschend die Kansas City Chiefs eliminierten. Und nun steht LeBeau vor der kniffligsten Aufgabe überhaupt: In der zweiten AFC-Playoff-Runde von heute Nacht muss er die New England Patriots um den Quarterback Tom Brady stoppen.

Eine «nationale Kostbarkeit»

LeBeau ist eine der faszinierendsten Figuren der NFL, er passt eigentlich nicht in diese von Machos dominierte Liga. Aber er gehört ihr seit 59 Jahren ohne Unterbruch an. Der «Sports Illustrated»-Journalist Peter King nennt LeBeau nichts weniger als «eine nationale Kostbarkeit». LeBeau ist der mit Abstand älteste Coach in einer Liga, die auf beide Seiten keine Extreme kennt: Die Los Angeles Rams, in der Vorwoche im Playoff an Atlanta gescheitert, machten vor Jahresfrist den 31-jährigen Sean McVay zum jüngsten NFL-Cheftrainer der Geschichte. Als McVay 1986 geboren wurde, war LeBeau 49, Defensiv-Koordinator der Cincinnati Bengals und hatte schon etwas vom Leben gesehen – auch abseits des Football-Felds. 1970 war er im Kriegsdrama «Too Late The Hero» das Stuntdouble von ­Michael Caine.

LeBeau ist eines dieser Beispiele dafür, dass man nur so alt ist, wie man sich fühlt. Er ist nicht von gestern – und mit der raren Gabe der Selbstironie gesegnet. Er sagt: «Ich weiss meinen Namen, ich weiss, wo meine Autoschlüssel sind, und ich weiss, wie unser nächster Gegner heisst. Erst wenn sich das ändert, werde ich mir einen neuen Lebensinhalt suchen.» Beharrlichkeit war immer eine der Stärken LeBeaus: Als Jüngling nahm er sich vor, ein Jahr lang täglich mindestens einen Cheeseburger zu essen. Er stoppte nach 367 Tagen.

Bis heute keine E-Mail-Adresse

Aller Willenskraft zum Trotz ist es erstaunlich, wie lange LeBeau sich in der NFL halten konnte, einer Liga, die als eine Art Durchlauferhitzer funktioniert: Bei den Spielern beträgt die durchschnittliche Karrieredauer nur 3,3 Jahre. Das Spiel hat sich in den letzten sechs Jahrzehnten verändert, es ist schneller, komplexer, anspruchsvoller geworden. LeBeau hat es geschafft, all die Entwicklungen mitzugehen. Einzig mit der Technik mag er sich nicht recht anfreunden – was den Titans-Cheftrainer Mike Mularkey (56) feixen lässt, er schärfe Le­Beau fast jeden Tag ein, er solle diese und jene interne Information nicht auf Twitter preisgeben. Natürlich hat LeBeau kein Twitter-Konto. Er kann auch keines eröffnen – er hat noch nicht einmal eine E-Mail-Adresse.

Die Spieler mögen ihm keine Mails schicken können, doch sowohl bei den Titans wie bei den Pittsburgh Steelers, seinem Arbeitgeber von 2002 bis 2014, heben sie neben der fachlichen Kompetenz die erzählerischen Fähigkeiten heraus. LeBeau hat es sich zur Tradition gemacht, am 24. Dezember vor der gesamten Mannschaft die Weihnachtsgeschichte «A Visit From St. Nicholas» zu rezitieren. Und zwar auf so rührende Art und Weise, dass manche der in der Eigenwahrnehmung so unzerbrechlichen Muskelpakete in der Kabine in Tränen ausbrechen. Dick LeBeau mag sich das Alter nicht anmerken lassen. Aber in gewissen Dingen ist er doch ein typischer Urgrossvater.

 

Nicola Berger

sport@luzernerzeitung.ch

 

NFL-Playoffs. Divisional Round (Viertelfinals). NFC-Conference, heute, 22.35 Uhr: Philadelphia Eagles (als Nummer 1 gesetzt) – Atlanta Falcons (6). – Sonntag, 22.40 Uhr: Minnesota Vikings (2) – New Orleans Saints (3). – AFC-Conference, Sonntag, 0.15 Uhr: New England Patriots (1) – Tennessee Titans (5). – Sonntag, 19.05 Uhr: Pittsburgh Steelers (2) – Jacksonville Jaguars (3).

Alle Spiele werden live auf ProSieben bzw. ProSieben Maxx (Pittsburgh – Jacksonville) übertragen.

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