Josi, die Hockey-Antwort auf Federer

EISHOCKEY ⋅ Heute Nacht beginnt in Übersee die NHL-Saison. Die Garde der Schweizer Cracks wird vom Berner Roman Josi angeführt.
12. Oktober 2016, 05:00

Den Chronistinnen und Chronisten sind die Superlative längst ausgegangen. Vielleicht: Er ist der Roger Federer des Schweizer Mannschaftssports. Roman Josi (26) ist in Höhen aufgestiegen, die noch kein Schweizer Spieler erreicht hat. Er ist der erste Schweizer, der mit seiner Präsenz die National Hockey League (NHL), die wichtigste Liga der Welt, beeinflusst. Dazu war nicht einmal Mark Streit (38) als Captain der New York Islanders in der Lage. Die waren zu dieser Zeit (2011 bis 2013) draussen auf Long Island eines der uninteressantesten NHL-Teams und ohne jede sportliche Perspektive.

Roman Josis Arbeitgeber Nashville hat hingegen ein enormes Potenzial. Das 1998 gegründete Hockeyunternehmen ist inzwischen gut genug für den Stanley Cup. Auch dank Josi. Ja, man kann sogar sagen, dass die spielerische Entwicklung ziemlich jener von Roman Josi entspricht. Er ist seit 2011 mit dem Team gewachsen – und das Team mit ihm. Wenn er sagt: «Ich identifiziere mich mit dieser Stadt und dieser Mannschaft», dann meint er es auch so.

Er macht das ganze Unternehmen besser

Der ehemalige SCB-Junior hat sich als erster Schweizer zu einem «Franchise Player» entwickelt – zu einem Spieler, der nicht bloss eine Mannschaft, der ein gesamtes Hockeyunternehmen besser macht. Im Juni hat General Manager David Poile seinen Captain Shea Weber (31), den Titanen des Defensivspiels, bei Montreal gegen den Spektakelverteidiger P. K. Subban (27) eingetauscht. Was auf unsere Liga übertragen etwa einem Tausch von ZSC-Captain Mathias Seger (38) gegen Eric Blum (30) entspricht – wobei Weber jünger ist als Seger und Blum ungleich pflegeleichter als der exzentrische Subban.

David Poile hat Shea Weber weggegeben und einen unberechenbaren Paradiesvogel geholt, weil er weiss, dass Roman Josi längst zum Verteidigungsminister gereift ist. Wer den Stanley Cup holen will, braucht Verteidiger, die auch Ingenieure des Offensivspiels und nicht bloss Abräumer und Schussblockierer sind. Verteidiger wie Roman Josi und P. K. Subban.

Es ist ein Treppenwitz der Hockeygeschichte, dass ausgerechnet Roman Josi der unterbezahlteste Spieler der ganzen NHL ist. Denn sein Agent Georges Müller geniesst in der heimischen NLA den Ruf eines extremen Preistreibers. Josi verdient bei Nashville diese Saison 4,25 Millionen Dollar, nur unwesentlich mehr als Mark Streit (4 Millionen). Damit steht er in der NHL-Salärrangliste auf Position 162.

Gesamtlohnsumme von 67,2 Millionen Dollar

Zum Vergleich: Shea Weber kassiert diese Saison 12, P. K. Subban 9 Millionen. Dass unser WM-Silber-Held so wenig verdient, hat schon einen Grund. Im Sommer 2013 hatte Georges Müller für seinen Klienten zwei Optionen: einen Vertrag für ein oder zwei Jahre und möglichst viel Geld oder einen langfristigen Vertrag mit weniger Geld pro Saison, aber eine höhere Vertrags­gesamtsumme. Josi hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Gehirnerschütterungen erlitten. Jeder Check konnte das Karriereende bedeuten. Also war es klug, einen langfristigen Vertrag (bis 2020) mit einer hohen Gesamtsumme herauszuholen.

Die Lohnsumme der NHL-Teams ist begrenzt. Weil Nashville mit Josi einen der besten Verteidiger der Welt für so wenig Geld unter Vertrag hat, stehen mehr Mittel für die Offensivabteilung zur Verfügung. Das ist ein Grund, warum Nashville ein NHL-Spitzenteam geworden ist. Aktuell beträgt die Gesamtlohnsumme 67,2 Millionen Dollar, und General Manager David Poile hat noch einen Spielraum für Verträge in der Höhe von 5,7 Millionen. Mit Yannick Weber (575 000 Dollar) und Kevin Fiala (925 000 Dollar, im Farmteam 70 000 Dollar) stehen zwei weitere Schweizer im Kader.

«Man weiss in diesem Geschäft nie»

Spieler können den Klub in der NHL erst dann frei wählen, wenn sie 27 geworden sind und der Vertrag ausgelaufen ist. Die General Managers verschieben ihre Spieler nach Belieben, und nur ganz wenige Stars haben in ihrem Vertrag eine Klausel, die einen Tausch ohne ihre Einwilligung verbietet. Roman Josi hat diese Klausel nicht. Deshalb ist nicht auszuschliessen, dass er sich im Laufe der nächsten vier Jahre im Zentrum eines «Blockbuster- Trades» wiederfindet. Gerade wegen seines tiefen Gehaltes ist er wahrscheinlich der Spieler mit dem grössten Transferwert der Welt. Für ihn könnte Nashvilles Manager je nach Umständen wohl eine ganze erste Sturmlinie plus einen Torhüter Nummer 1 eintauschen. «Man weiss in diesem Geschäft nie», sagt Georges Müller. Und es ist mehr als nur eine beiläufige Bemerkung. Denn wer hätte je gedacht, dass Nashville Shea Weber gegen P. K. Subban eintauschen würde?

 

Roman Josi.– Geboren am 1. Juni 1990. – 1,87 m/91 kg. – Meister mit dem SC Bern 2010. – MVP und Finalist WM 2013. – 334 NHL-Spiele, 52 Tore, 136 Assists. – Playoffs: 30 Spiele, 2 Tore, 8 Assists. – NHL-Vertrag mit Nashville: 2016/17, 4,25 Millionen Dollar. – 2017/18, 5 Millionen. – 2018/19, 5,25 Millionen. – 2019/20, 4 Millionen.

Klaus Zaugg


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