Nico Hischier: Der erste Schritt zum Leitwolf

EISHOCKEY ⋅ Kein Tor und kein Assist – und doch liefert das Schweizer «Hockey-Wunderkind» Nico Hischier (18) ein beeindruckendes NHL-Debüt ab.
09. Oktober 2017, 09:05

Klaus Zaugg, Newark

sport@luzernerzeitung.ch

Ist er schon bereit für die NHL? Ist er überhaupt körperlich robust genug, um sich in der härtesten, wichtigsten, besten Liga der Welt zu behaupten? Das waren die Fragen vor dem NHL-Debüt von Nico Hischier mit den New Jersey Devils.

Können wir seine NHL-Tauglichkeit bereits nach einem Spiel gegen Colorado (4:1) einschätzen? Ja, das können wir. Aber die Notizen der Statistiker – 15:44 Minuten Eiszeit, sechs Torschüsse und zwei Checks, null Tore und null Assists – helfen uns auf der Suche nach einer Einschätzung nicht weiter. Die wichtigste Szene, die bisher wichtigsten Sekunden seiner Karriere tauchen in keiner Statistik auf: In der 38. Minute bleibt New Jerseys Kyle Palmieri nach einem Kniestich von Colorados Erik Johnson auf dem Eis liegen. Ohne zu zögern, geht Nico Hischier auf den amerikanischen Riesen los. Er reagiert als Erster auf das Unrecht, das seinem Teamkameraden widerfahren ist.

Für Sekundenbruchteile halten alle den Atem an. Wird Erik Johnson die Handschuhe fallen lassen? Kommt es zum «Fight» zwischen dem 29-jährigen Titanen (193 cm/105 kg) mit der Erfahrung aus mehr als 500 NHL-Partien und dem vergleichsweise schmächtigen 18-jährigen NHL-Frischling (186 cm/81 kg)? Das Publikum in der ausverkauften Arena tobt (16 514 Fans, weniger als im ausverkauften Berner Hockeytempel).

Trainer: «Er denkt mehr an sein Team als an sich selbst»

Bevor die Situation eskaliert, eilt Taylor Hall herbei und nimmt den Schweizer aus der «Kampf­linie». Hätte Nico Hischier den aussichtslosen Kampf angenommen? Er sagt hinterher: «Wahrscheinlich schon. Ich war voller Adrenalin.»

Eishockey ist viel mehr als Statistik, Taktik und Tore. Eishockey ist Leidenschaft, Kameradschaft und Opferbereitschaft für die Mitspieler. Die Nordamerikaner betonen immer wieder, Eishockey sei der letzte echte Teamsport. Cheftrainer John Hynes kommt hinterher ausführlich auf diese Szene zu sprechen. Nico Hischier habe ein starkes Zeichen gesetzt. «Er denkt mehr an sein Team als an sich selbst.» Ein Zeichen, mit dem er den Cheftrainer und seine Teamkollegen stärker beeindruckt hat als mit spielerischen Kunststücken.

Nico Hischier soll bei den New Jersey Devils nicht nur erster Center, Spielmacher und Skorer werden. Vor allem soll er als Leitwolf diese junge Mannschaft zu neuem Ruhm führen. Mit der Art und Weise, wie er – ohne zu zögern, ohne Frucht – sofort bereit war, seinen gefoulten Teamkollegen zu «rächen», hat er diese Erwartungen bestätigt. In dieser Szene ist aus dem Junior ein Mann geworden. In dieser Szene hat Hischier den ersten Schritt auf dem langen Weg zum Leitwolf, zum Captain eines NHL-Teams, gemacht.

Dominant, dynamisch, mutig

Und wo steht Nico Hischier spielerisch? Auf NHL-Niveau. Er hat in seiner ersten NHL-Partie nicht anders gespielt als bei den Junioren (für die er noch spielberechtigt wäre): dominant, dynamisch, offensiv, mutig. Und so wie zuletzt bei den Junioren riss er das Spiel an sich. Auch wenn es keinen Vergleich mit Wayne Gretzky geben kann – Nico Hischier hat etwas vom Genie des grössten Spielers aller Zeiten: Er behält das gesamte Spielfeld im Auge. Er hat diese «360-Grad-Übersicht» und erahnt die Spielentwicklung. Seine Pässe sind perfekt getimt und präzis. Und es ist diese Übersicht, die ihn davor bewahren wird, das Opfer von rüden Checks zu werden.

Nun muss General Manager Ray Shero nach neun Partien entscheiden, ob Nico Hischier die Saison in der NHL fortsetzt oder zur Weiterbildung zu den Junioren oder zum SC Bern zurück­geschickt wird. Diese Option ist kein Thema mehr. Cheftrainer John Hynes sagt, Nico Hischier habe sich seit dem Draft als Persönlichkeit und Spieler stetig weiterentwickelt und alle Erwartungen erfüllt. «Er versteht es, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren und mit den hohen Erwartungen umzugehen.»

Nico Hischier ist ein Glücksfall für die Devils – und umgekehrt. Hier bekommt er die Zeit, um sein enormes Potenzial zu entfalten. Nach seinem beeindruckenden Debüt sei die Prognose gewagt: Er wird bereits diese Saison in zwischen 60 und 70 Partien in der NHL eingesetzt. Und in drei bis vier Jahren wird er der beste Schweizer Spieler aller Zeiten sein – und einer der besten in der NHL.

NHL

In der Nacht auf gestern: Florida Panthers (ohne Malgin/überzählig) – Tampa Bay Lightning 5:4. Pittsburgh Penguins – Nashville Predators (mit Josi und Weber, ohne Fiala/verletzt) 4:0. Washington Capitals – Montreal Canadiens (mit Streit) 6:1. Carolina Hurri­canes – Minnesota Wild (mit Niederreiter) 5:4 n. P. St. Louis Blues – Dallas Stars 4:2. Arizona Coyotes – Vegas Golden Knights (mit Sbisa) 1:2 n. V. Vancouver Canucks (mit Bärtschi) – Edmonton Oilers 3:2. Anaheim Ducks (ohne Berra/Ersatz) – Philadelphia Flyers 2:3 n. V. San Jose Sharks (mit Meier) – Los Angeles Kings 1:4. Calgary Flames – Winnipeg Jets 6:3. Toronto Maple Leafs – New York Rangers 8:5. Ottawa Senators – Detroit Red Wings 1:2 n. P. Chicago Blackhawks – Columbus Blue Jackets 5:1. New York Islanders – Buffalo Sabres 6:3.


Leserkommentare

Anzeige: