Erster Ernstkampf für das Wunderkind Hischier

EISHOCKEY ⋅ Heute beginnt in New Jersey die NHL-Karriere von Nico Hischier (18). Der gesamte Medienzirkus dreht sich um ihn. Dabei wird ein zweiter Schweizer vergessen, der zur Überraschung der Saison werden könnte: Mirco Müller (22).
07. Oktober 2017, 10:01

Ein Wunderkind. Nie zuvor hat ein Schweizer Eishockeyspieler vor der ersten Partie mit seinem neuen Team so viel mediale Aufmerksamkeit erregt. Das letzte Training vor der Saisoneröffnung (heute, 20 Uhr Schweizer Zeit gegen Colorado) im Prudential Center zu Newark ist vorüber. Die harten Kerle sind in die Kabine zurückgekehrt. Die Chronistinnen und Chronisten haben ­Zugang zum Allerheiligsten des Mannschaftssportes. Wie das so üblich ist in Nordamerika. Nico Hischier steht noch in der Ausrüstung da und gibt Auskunft. 23 Mikrofone werden ihm entgegengestreckt. Klub-Medien­general James Stolfi greift ein und regelt den «Medienverkehr»: zuerst Fragen in Englisch, dann noch ein paar Fragen in der Muttersprache. Wie nun der 18-jährige Junge aus dem Wallis diese ­Situation meistert, ist beeindruckend. Die nordamerikanischen Medienschaffenden versuchen die Gefühlslage vor dem ersten Auftritt auf der grossen Bühne auszuloten. Ob er schon nervös sei? So oder ähnlich lauten die Fragen. Er antwortet in perfektem Englisch. Freundlich, mit weicher Stimme. Ja, ein wenig schon, aber das gehöre dazu. Nach dem ersten oder zweiten Einsatz werde sich diese Nervosität legen, und es werde einfach ein Hockeyspiel sein. Auf die Erkundigungen, wie er die Vorbereitung erlebt habe, antwortet er, wichtig sei gewesen, die Spiele zu gewinnen und dass er der Mannschaft dabei helfen konnte.

Die Zeit bis zum Spielbeginn heute 14 Uhr Lokalzeit werde er nützen, um noch einmal ein ­wenig abzuschalten. Seine Eltern seien hier. Und ja, auch er habe so sein Ritual. Er werde den rechten Schlittschuh zuerst binden und im Portemonnaie trage er ­einen Talisman bei sich.

Seit 2012 nicht mehr in den Playoffs

Nico Hischier ist ein kluger, sanfter junger Mann und spricht so, als sei er schon Jahre hier. Der Nummer-1-Draft hat auch neben dem Eis alles, um die grosse, zentrale Figur der New Jersey Devils zu werden. Das Gesicht eines ­Hockey-Unternehmens, das da­bei ist, sich neu zu erfinden und von ganz unten wiederaufzubauen. 2012 verloren die Devils den Final gegen Los Angeles. Seither haben sie fünfmal hintereinander die Playoffs verpasst. Für den Aufbruch zu neuen Ufern der einst so mächtigen und zuletzt so schmählich erfolglosen New Jersey Devils ist ein Slogan kreiert worden: «One Jersey». Dieses Team soll ganz New Jersey repräsentieren. Sozusagen als «Nationalmannschaft» des Staates New Jersey.

Und wie sieht es sportlich für Nico Hischier aus? Sehr gut. Er wird heute das Spiel als zweiter Center hinter Pavel Zacha (20) beginnen – wahrscheinlich hat noch nie ein NHL-Team die erste und zweite Centerposition zwei so jungen Spielen anvertraut. Auf den Aussenbahnen stürmt neben Nico Hischier links der smarte, flinke Schwede Marcus Johansson (27) und rechts der kräftige amerikanische Power­flügel Drew Stafford (31). Auch der äussere Rahmen für den ersten Auftritt ist ein besonderer: Soeben ist unter dem Dach der Arena der grösste Videowürfel der Welt installiert worden. Er wird heute eingeweiht. Angeblich weist er ein Gewicht von 40 Tonnen auf, und in 29 Millionen Bildpunkten werden die Kunststücke der Spieler zu sehen sein.

Zweite NHL-Karriere für Müller

Eine sehr gute Leistung von Nico Hischier wird hier allenthalben erwartet. Für eine unerwartete, grosse Überraschung könnte ein anderer Schweizer sorgen. Verteidiger Mirco Müller (22). Der Bruder von Nationalstürmerin Alina Müller ist letzte Saison in San José «versauert» und kam nur zu vier Einsätzen in der NHL. Nun beginnt seine NHL-Karriere in New Jersey ein zweites Mal. Er hat im zweiten Block hinter Nico Hischier trainiert. Boxplay, ­Powerplay und fünf gegen fünf. Ein unerhört flinker, smarter ­Defensivverteidiger. Ein Feinmechaniker des Defensivhandwerkes. Während des medialen Gedränges um Nico Hischier hat er sich in aller Ruhe aus seiner Ausrüstung geschält. Niemand wollte etwas von ihm wissen. Das könnte sich schon bald ändern.

 

Klaus Zaugg, Newark

sport@luzernerzeitung.ch

National Hockey League

Boston – Nashville (mit Fiala, Josi und Weber) 4:3. Buffalo – Montreal (mit Streit) 2:3 n. P. New York Rangers – Colorado (mit Andrighetto) 2:4. Detroit – Minnesota (mit Niederreiter) 4:2. Anaheim (ohne Berra/Ersatz) – Arizona 5:4. Chicago – Pittsburgh 10:1. Los Angeles – Philadelphia 2:0. Ottawa – Washington 4:5 n. P.


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