Analyse

EVZ braucht mehr Feuer

EISHOCKEY ⋅ Der EV Zug hat gut die Hälfte der Qualifikationsspiele hinter sich. Die Halbzeit-Bilanz fällt durchzogen aus. Die bisherige Saison ist geprägt von Höhen und Tiefen. Dafür gibt es Gründe.
06. Dezember 2017, 04:39

Sven Aregger

sven.aregger@luzernerzeitung.ch

Als der EV Zug im Cup-Viertelfinal gegen den Swiss-League-Primus Rapperswil mit 1:5 unterging, war Sportchef Reto Kläy verärgert und ratlos. Verärgert, weil die Zuger leichtfertig die Chance vertan hatten, den einfachsten Titel im Schweizer Eishockey zu gewinnen. Und ratlos ob des blassen Auftritts des Teams – dies, nachdem der EVZ in der Meisterschaft in die Spur zurückgefunden und drei Siege aneinandergereiht hatte.

Das blamable Cup-Aus nach zuvor überzeugenden Vorstellungen war sinnbildlich für die bisherige Saison des Eissportvereins, dessen wesentliches Merkmal ausgeprägte Hochs und Tiefs sind. Auf den famosen Saisonstart mit zehn Siegen in den ersten zwölf Spielen folgte der Einbruch mit sieben Niederlagen in Folge, womit die Zuger ihren Negativ­rekord von 2005 egalisierten. Nach der Nationalmannschaftspause meldeten sie sich eindrucksvoll zurück und feierten fünf Siege in sieben Spielen. Die Fans, die von ihrem Team in den letzten Qualifikationen mit konstant guten Leistungen verwöhnt wurden, erleben ein Wechselbad der Gefühle mit dem EVZ der Ausgabe 2017/18. Bei keinem anderen Team in der National League ist das wahre Leistungsvermögen so schwer einzuschätzen wie bei den Zentralschweizern. Quo vadis (wohin gehst du), EV Zug?

Roe und Stalberg können es nicht allein richten

Natürlich gibt es Erklärungen für das Auf und Ab. Da ist einerseits die Verletzungsmisere. Verletzte Spieler haben auch andere Teams und sollen keine Ausrede für ungenügende Resultate sein. Aber den EVZ hat es besonders hart getroffen. So etwa fehlten zwischenzeitlich fünf Stammverteidiger. Ein solcher personeller Aderlass wäre auch für jeden anderen Klub in der Liga nur schwer verkraftbar.

Anderseits muss Zug den Spagat bewältigen, dem Anspruch als Spitzenteam gerecht zu werden und gleichzeitig junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs zu integrieren. Der Einbau von Talenten aus dem Farmteam EVZ Academy braucht Zeit und Geduld, in diesem Prozess sind sportliche Rückschläge in der National League nicht verwunderlich. Aber die Entwicklung von Spielern wie Tobias Geisser (18) oder Yannick Zehnder (19) sollte die Organisation darin bestärken, auf dem richtigen Weg zu sein. Durch die Verletzungen von etablierten Kräften wurde den Jungen mehr Verantwortung übertragen. Die Erfahrungen, die sie nun sammeln, werden sie weiterbringen. Wünschenswert ist, dass die jungen Spieler da und dort noch mehr Eiszeit erhalten. Nur so können sie sich ans höhere Niveau gewöhnen und damit künftig die erfahrenen Akteure entlasten.

Zumal nicht alle Routiniers über alle Zweifel erhaben waren. Und hier wären wir bei einem weiteren Grund für die Zuger Schwankungen: Lange Zeit liefen Leistungsträger wie David McIntyre, Raphael Diaz und Lino Martschini ihrer Normalform hinterher. Zuletzt zeigten sie aber deutliche Aufwärtstendenz. Und das ist auch nötig, weil die neuen Ausländer Garrett Roe und Viktor Stalberg es auf Dauer nicht allein richten können. Will der EVZ erfolgreich sein, ist er auf das sogenannte Secondary Scoring – also Tore von der zweiten, dritten und vierten Garde – angewiesen. Die Zuger müssen zurückfinden zur Ausgeglichenheit der vier Linien, die sie in der letzten Saison bis in den Playoff-Final geführt hat.

Führungsetage bewahrt die Ruhe

Verbesserungen drängen sich auch in Sachen Disziplin auf. Zwar spielt der EVZ das beste Boxplay der Liga, er gehört aber zu den Mannschaften mit den meisten Zweiminutenstrafen (124 in 26 Runden). Zudem ist er bei den Schüssen aufs Tor (28,9 pro Spiel) unterdurchschnittlich klassiert. Das sind messbare Werte.

Nicht messbar ist das Innenleben der Organisation. Die Führungsetage um CEO Patrick Lengwiler und Sportchef Reto Kläy bewahrte auch in der langen Negativspirale kühlen Kopf. Das spricht für ein überlegtes, strategisches, professionelles Denken. Diese Ruhe und Professionalität strahlen auch Trainer Harold Kreis und die Spieler aus. Doch mehr Emotionen und Feuer könnten nicht schaden. So wirkten die Zuger neben dem Cup zuletzt auch gegen Biel (1:2) seltsam blutleer. Dabei wird die Leidenschaft gerade in den Playoffs zum wichtigen Faktor.

Wohin geht es also, EV Zug? Findet er zur Stabilität und Konstanz zurück, ist eine Klassierung in den Top 4 durchaus machbar. Und da gehört er auch hin – nicht nur nach seinem Selbstverständnis.


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