Der EV Zug ist «Meister der Herzen»

EISHOCKEY ⋅ Der SC Bern gewinnt das sechste Playoff-Finalspiel gegen den EV Zug 5:1 (2:0, 2:1, 1:0) und holt sich den Schweizer-Meister-Titel.
17. April 2017, 23:22

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch

Wer ist nun Meister geworden? Nach der Schlusssirene stehen die Zuschauer auf und feiern den EV Zug minutenlang. Standing Ovations. Es ist die verdiente Anerkennung für eine Mannschaft, die alles gegeben hat und schliesslich gegen einen übermächtigen Gegner den Final verloren hat. Auf diese sympathische Art und Weise ist noch kein Finalverlierer von den eigenen Fans gefeiert und getröstet worden.

Der Trost ist verdient – und notwendig. Schon nach 3 Minuten und 32 Sekunden ist alles zu Ende. Rafael Diaz, Zugs wichtigster Feldspieler, Zugs Verteidigungsminister, Zugs Lenker und Denker an der blauen Linie, unterläuft der verhängnisvollste Fehler seiner Karriere. Der WM-Silberheld von 2013 verliert beim eigenen Tor den Puck. Der bissige Forechecker Thomas Rüfenacht trifft zum 1:0 für den SCB.

Einen «gewöhnlichen» Gegentreffer hätten die Zuger vielleicht, aber nur vielleicht verkraftet. Aber wenn dem Besten, dem Leitwolf, der Lichtgestalt ein solcher Fehler unterläuft, ist die Wirkung verheerend. Dann wissen alle: Es ist alles aus. Und noch im ersten Drittel folgt sogar der zweite Treffer, an den man sich noch lange erinnern wird. Berns Ryan Lasch überlistet Tobias Stephan. Er steht hinter dem Tor und spitzelt den Puck via Rücken des Zuger Torhüters ins Tor. Da werden Erinnerungen wach an Nando Wieser, den unglücklichen Davos-Goalie aus dem Final von 1998. Seine Fehlgriffe ebneten damals den Zugern den Weg zum Titel.

Wenn Rafael Diaz und Tobias Stephan versagen, dann ist Zug verloren. Daher ist die Versuchung gross, beide zu Sündenböcken für diese finale Niederlage zu machen.

Die Hockey-Maschine SCB war nicht aufzuhalten

Aber so einfach ist es nicht. Ja, es wäre billigster Hockey-Populismus, den Untergang der Zuger auf diese beiden ersten Treffer zu reduzieren.

Der SC Bern war gestern unbesiegbar. Es war noch einmal ein grosser SC Bern zu sehen. Der Meister hätte sich auch ohne die Fehler von Rafael Diaz und Tobias Stephan durchgesetzt. Die Berner spielten unerbittliches Resultathockey. So wie sie es diese Saison jedes Mal getan haben, wenn es notwendig geworden war. Deshalb haben sie die Qualifikation gewonnen. Deshalb haben sie jetzt den Titel verteidigt.

Die Zuger sind in dieser Finalserie nach zwei Niederlagen in wundersamer Weise noch einmal aufgestanden und haben zum 2:2 ausgeglichen. Aber der Blick zurück zeigt klar: Der EV Zug verbrauchte dabei zu viel Kraft. Die grosse, mächtige, perfekt getunte, gut geölte Hockey-Maschine aus Bern war in diesem Final nicht mehr zu stoppen. Es wäre vielleicht möglich gewesen, ihre Fahrt zum Meistertitel noch etwas zu verlangsamen. Aber aufzuhalten war sie nicht mehr.

Die Zuger waren in diesem Final besser, als es diese letzte Partie vermuten liesse. Nur sie vermochten den Meister im Laufe dieser Playoffs zweimal zu besiegen. Aber sie sind letztlich an einem Ernstfall zerbrochen, der nicht geübt und nicht trainiert werden kann. Denn nur drei Zuger wissen, wie man Meister wird: Robin Grossmann, Sven Senteler und Timo Helbling. Beim SC Bern sind es mehr als 15 Spieler.

Mit den Bernern stemmen schliesslich die wahren, die verdienten Meister den Pokal in die Höhe. Aber wer will, kann es auch so sagen: «Meister der Herzen» waren gestern die Zuger.

Martschini: «Bern ist ein verdienter Meister»

Reaktionen

Martschini: «Bern ist ein verdienter Meister»
Lino Martschini (Stürmer EV Zug): «Wir haben alles gegeben, aber in den letzten zwei Spielen kleine Sachen einfach nicht gut gemacht. Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll. Bern ist ein verdienter Meister.»

Harold Kreis (Trainer EV Zug): «Meine Mannschaft ist nicht so schlecht, wie sie in den letzten zwei Partien gespielt hat. Bern hat Muskeln gezeigt und unsere Fehler ausgenutzt.»

Leonardo Genoni (Torhüter SC Bern): «Mein Wechsel zum SC Bern war eine Herausforderung, aber es ist alles aufgegangen. Alle wussten, dass wir noch mehr machen müssen als beim Titel vor einem Jahr. Wir haben nie aufgegeben und wurden nun dafür belohnt.»

Martin Plüss (Captain SC Bern): «Wir hatten das bessere Team als vor einem Jahr und haben in dieser Saison weiter Fortschritte gemacht. Für mich ist es speziell, mit einem Titel gehen zu können. Wie meine Zukunft aussehen wird, kann ich im Moment nicht sagen. Zuerst wird einmal gefeiert.»

Kari Jalonen (Trainer SC Bern): «Ich bin glücklich für mich und meine Mannschaft. Für sie war es nicht immer einfach, weil ich sehr hart am System gearbeitet habe. Alles hat sich gelohnt. Ich forderte heute unser bestes Auswärtsspiel, und das haben meine Spieler abgeliefert.»

sda
 

Zug – Bern 1:5 (0:2, 1:2, 0:1)

7015 Zuschauer (ausverkauft). – SR Vinnerborg/Wiegand, Kovacs/Wüst.

Tore: 4. Rüfenacht 0:1. 13. Lasch (Ebbett) 0:2. 21. (20:19) Moser (Arcobello, Blum) 0:3. 22. (21:49) Untersander (Ebbett, Arcobello/Ausschluss Alatalo) 0:4. 37. Schnyder (Diem) 1:4. 49. Ebbett (Lasch, Bodenmann) 1:5.

Strafen: 5-mal 2 Minuten gegen Zug, 2-mal 2 Minuten gegen Bern.

Zug: Stephan; Helbling, Grossmann; Diaz, Morant; Schlumpf, Alatalo; Erni; Klingberg, Immonen, Senteler; Martschini, Holden, Suri; Zangger, McIntyre, Lammer; Peter, Diem, Schnyder; Fohrler.

Bern: Genoni; Untersander, Blum; Jobin, Krueger; Andersson, Gerber; Kamerzin; Rüfenacht, Arcobello, Moser; Hischier, Plüss, Scherwey; Lasch, Ebbett, Bodenmann; Berger, Gagnon, Müller; Randegger.

Bemerkungen: Zug ohne Lüthi, Järvinen, Markkanen und Bader; Bern ohne Noreau, Garnett, Reichert, Kreis, Thibaudeau, Rochow, Dubois und Meyer (alle überzählig). Lattenschuss Rüfenacht (0:15). Pfostenschuss Arcobello (31.).


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