Geglücktes Experiment

PLAYOFFS ⋅ Davos-Trainer Arno Del Curto (60) hat bei einem Goalie-Poker alles riskiert – und einmal mehr gewonnen. Jetzt fordert er mit dem jungen Gilles Senn im Tor den EV Zug heraus.
18. März 2017, 09:00

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch

Es kommt im Eishockey meistens anders als erwartet. Vor dieser Saison hat ein guter Freund HCD-Trainer Arno Del Curto per SMS wissen lassen, dass es nicht gut komme und die Playoff-Qualifikation, ja der Liga-Erhalt in Gefahr sei. Weil Torhüter Gilles Senn an Nando Wieser mahne.

Nando Wieser? Da horcht jeder im Zuger Hockey-Land auf. Ja, richtig: Nando Wieser stand im Final von 1998 im HCD-Tor. Seine Fehlgriffe wiesen den Zugern den Weg zum bisher einzigen Titel. Er wurde als «Fliegenfänger» geschmäht. Und schon damals stand Arno Del Curto an der HCD-Bande. Der charismatische Engadiner ist der einzige «Finalteilnehmer» von 1998, der jetzt wieder dabei ist. Nun hat er nach vollbrachter Halbfinalqualifikation gegen Lausanne seinem Freund ein SMS zurückgeschickt: «Halbfinal erreicht – sind in Abstiegsgefahr!»

Erneut erhalten Nobodys das Vertrauen

Gilles Senn wie Nando Wieser? Kein Schelm, wer vor der Saison so fragte. Ja, die ganze Saison liess sich im letzten Herbst auf eine einzige Frage reduzieren: Wie gut sind die beiden jungen HCD-Goalies? Del Curto hatte in der Vergangenheit schon zweimal mit hochriskanten Torhüter-Experimenten durchschlagenden Erfolg erzielt. Im Frühjahr 2005 hexte Jonas Hiller, zuvor in Lausanne nicht einmal die Nummer 1, den HC Davos gleich zur Meisterschaft, wurde 2007 nochmals Meister, später in der NHL Dollar-Millionär und hat soeben mit Biel den Viertelfinal gegen den SCB verloren. 2007 legte Del Curto das HCD-Schick­sal in die Fanghandschuhe von zwei 20-jährigen Nobodys, die noch nie zuvor in der NLA die Nummer 1 waren: Leonardo Genoni und Reto Berra. Im Frühjahr 2009 waren beide Meister.

Und nun also der grosse Goalie-Poker mit Gilles Senn (21) und dem Zuger Joren van Pottelberghe (19). Erneut hat Del Curto auf Anraten von Marcel Kull alles auf zwei namenlose Torhüter gesetzt, die in der höchsten Liga noch nie eine Rolle gespielt haben. Marcel Kull ist einer der meistunterschätzten Männer der Liga. Der erfolgreichste Torhütertrainer im Land. Der «Macher» von Jonas Hiller, Reto Berra, Leonardo Genoni – und nun Gilles Senn. Die Rechnung ist wieder aufgegangen. Senn hat sich zur Nummer 1 entwickelt, ist im Februar Nationaltorhüter geworden und war beim Viertelfinal-Sieg gegen Lausanne ein wichtiger Faktor. Als Besonderheit hat Del Curto seinem Torhüter diese Saison ein absolutes Interviewverbot auferlegt, um ihn vor jeder Ablenkung zu bewahren. Das galt auch während des Nationalmannschaftseinsatzes. Er sagt: «Das ziehen wir jetzt bis Saisonende durch.» Der sanfte Riese Gilles Senn (195 cm) mahnt inzwischen sogar ein wenig an Zugs Tobias Stephan (192 cm).

Wieder ist ein riskantes Goalie-Experiment geglückt. Kein Wunder also, sitzt der eigenwillige Feuerkopf Del Curto entspannt am Gartentisch und blinzelt am frühen Donnerstagnachmittag in die Sonne. Noch weiss er zu diesem Zeitpunkt nicht, ob er in den Halbfinals gegen den SC Bern oder gegen den EV Zug antreten muss. Aber er scheint zu ahnen, dass es Zug sein wird. Seine Gedanken kreisen immer wieder um diesen Gegner.

Eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie

Del Curto hat sich intensiv mit den Stärken und Schwächen der Zuger auseinandergesetzt. Oder besser: eigentlich nur mit den Stärken. Er pflegt stets den Gegner starkzureden. Und schildert in lebhaften Worten gestenreich die Qualität des Zuger Powerplays. Er weiss, wer welche Rolle spielt. Tatsächlich hatte der EVZ in den Viertelfinals das beste Überzahlspiel (24,24 Prozent Erfolgsquote). Und dagegen setzt Del Curto nun die Stabilität seines Unterzahlspiels. Es ist das beste der Viertelfinals – und mit Daniel Rahimi (48 Spiele, 0 Tore, 4 Assists) steht ihm der beste Boxplay-Spieler der Liga zur Verfügung. Der schwedische Abwehrspieler hat diese Saison fast 115 Minuten in Unterzahl verteidigt und dabei nur vier Gegentreffer kassiert – den letzten Anfang Januar.

Hinten dichthalten und die gegnerische Abwehr sturmreif laufen. So einfach, aber auch so spektakulär und wirkungsvoll ist die HCD-Strategie. Sorgen macht Arno Del Curto eigentlich nur die fehlende Effizienz. Die Laufkilometer werden zu wenig in Tore umgemünzt. Aber das Wort «Sorgen» ist falsch. Wenn er über seine Mannschaft spricht, in lebhaften Gesten die Spielweise erklärt, Chancen und Risiken abwägt, dann personifiziert er die Lust und die Freude an diesem Spiel, als stehe er vor den ersten Playoffs seiner Karriere. Dabei hat er in den letzten Tagen die 43. Playoff-Serie seit seinem Amtsantritt im Sommer 1996 vorbereitet.

Halbfinals. 1. Runde. Dienstag, 19.45: Bern – Biel.

– 20.15: Zug – Davos (SRF zwei).


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