Im Vorhof einer sportlichen Krise

EISHOCKEY ⋅ Der EV Zug ist bei der empfindlichen 0:4-Niederlage in Berlin so aufgetreten wie eine Mannschaft, die mit sich nicht im Reinen ist. Aber was sind die Probleme beim NLA-Dritten?

06. Oktober 2016, 05:08

Es war eine günstige Gelegenheit für alle Anhänger der Zuger, die ihre Autogrammsammlung noch zu komplettieren hatten. Sie postierten sich gleich am Hoteleingang und fingen jeden Spieler ab, der die knapp 50 Meter Fussmarsch zwischen der Mercedes-Benz-Arena in Berlin und der Unterkunft hinter sich gebracht hatte.

Ein paar Meter davon entfernt, auf den gemütlichen Sesseln einer Lounge, versammelten sich die Granden des EVZ. Präsident Hans-Peter Strebel, CEO Patrick Lengwiler, Sportchef Reto Kläy und das Trainergespann Harold Kreis und Waltteri Immonen steckten die Köpfe zusammen. Es schien sich um ein entspanntes Gespräch zu handeln, und das kontrastierte zu den sportlichen Erfahrungen, welche die Klubleitung in den Stunden davor machen musste. Der EV Zug hat im Hinspiel der Sechzehntelfinals in der Champions League ein tristes Bild vermittelt und gleich 0:4 verloren gegen die Eisbären, die – bei allem Respekt – keine Übermannschaft stellen.

Probleme bei den Söldnern

Klar, bemühten sich Spieler und Trainer verbal um Schadensbegrenzung. Zugs Starverteidiger Rafael Diaz wollte nichts wissen von einer ungenügenden Leistung, auch wenn der EVZ zu viele Strafminuten (total 70) kassiert und in der Offensive erst zu wenig effizient und später ohne Druck gespielt hat. Auch Harold Kreis foutierte sich um eine qualitative Einschätzung dieser missglückten Vorstellung. Er sagte bloss: «Wir haben nicht gut genug gespielt.»

Damit hat er bestimmt nicht schwarzgemalt. In Tat und Wahrheit passt die Leistung in Berlin in eine Entwicklung beim EVZ, die nach einem fast schon optimalen Saisonstart seit gut zwei Wochen nach unten zeigt. Mittlerweile sind die Zuger gar im Vorhof einer sportlichen Krise angelangt, und die Gründe dafür sind nicht wirklich ein Mysterium. Die beiden neu verpflichteten Carl Klingberg und David McIntyre sind bisher den Nachweis schuldig geblieben, dass sie für die NLA taugen. Klingberg hat es bisher auf mickrige drei Assists in zehn Meisterschaftsspielen gebracht. Seine Verpflichtung mit zusätzlicher Wasserverdrängung zu rechtfertigen, reicht vor dem Hintergrund eines Leistungsprimats einfach nicht aus.

Bei McIntyre, der zuletzt wegen einer Muskelprellung fehlte, sind die statistischen Werte (3 Tore und 6 Assists) höher als sein kreativer Einfluss aufs Zuger Spiel.

Dazu kommt, dass die bisherigen Söldner, Captain Josh Holden und Jarkko Immonen, derzeit bloss noch Mittelmass sind.

Das Problem ist, dass Schweizer Spieler – nicht nur beim EVZ – von ihrer Mentalität her gerne mit dem Finger auf die Ausländer zeigen. Dabei hätten zum Beispiel ein Samuel Erni, ein Robin Grossmann und ein Sandro Zangger noch deutlich Luft nach oben. Auch Goalie Tobias Stephan scheint die Ausstrahlung eines unüberwindbaren Hexers abhandengekommen zu sein.

Für die Einkäufe verantwortlich ist Reto Kläy. Der Sportchef muss nun dafür schauen, dass ihm die Sache nicht aus den Händen gleitet. Schaut er sich bald nach einem neuen Ausländer um?

Andreas Ineichen/Berlinandreas.ineichen@luzernerzeitung.ch


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