«Meine Lehre war eine Lebensschule»

EISHOCKEY ⋅ Als Lehrling pfändete Reto Suri einst Wohnungen. Heute ist er der wichtigste Schweizer Angreifer im EV Zug. Ein Gespräch über Vorsätze, Ziele und Privilegien.

30. Dezember 2014, 20:05

Reto Suri (25) sitzt auf dem Sofa, soeben ist er in seine Baarer Wohnung zurückgekehrt nach einer morgendlichen Einheit mit dem EV Zug. Es ist Dienstagnachmittag, Suris Stimmung ist wie sein Logis: aufgeräumt. Im grossen Interview blickt der Angreifer zurück auf bewegte Zeiten – und voraus auf spannende Tage.

Reto Suri, seit dem WM-Silber von Stockholm sind anderthalb Jahre vergangen. Was ist geblieben?

Reto Suri: So ein Erfolg bleibt dir für immer, da waren so viele Emotionen dabei! Das Trikot mit allen Unterschriften hängt bei mir an der Wand, und die Medaille trage ich in Ehren.

Kurz nach der WM verständigten Sie sich mit Tampa Bay auf einen Vertrag, zu einem Wechsel kam es nie. Enttäuscht?

Suri: Na ja, daran erkennt man, wie schnell es im Sport geht. Nach der WM sah alles sehr rosig aus. Aber die Bestätigung ist mir dann nicht so gelungen, wie ich mir das erhofft habe. Bei den Olympischen Spielen in Sotschi sind mir die Grenzen aufgezeigt worden. Ein Wechsel in die NHL macht für mich nur Sinn, wenn ich mir selber den Durchbruch zutraue. In Sotschi spielten die besten Akteure der Welt, und ich habe realisiert, dass diese im Vergleich zu mir auf einem anderen Planeten spielen. Ich empfand Olympia als extrem lehrreich.

Auch Ihr früherer Teamkollege Damien Brunner ist desillusioniert aus der NHL zurückgekehrt. Vergrössert das den Respekt vor der Liga?

Suri: Viele sagen jetzt, Brunner sei gescheitert. Aber er hat in 135 NHL-Spielen durchschnittlich einen halben Punkt pro Partie produziert, das ist für mich eine respektable Duftmarke. Aber klar, wenn man sieht, dass ein Mann mit seinen Qualitäten sich nicht durchsetzen kann, gerät man schon ins Stutzen. Gleich verhält es sich mit Rafael Diaz. Wenn er im August jeweils in Zug mit uns trainiert, muss ich immer sagen: Der hat hier nichts verloren, auf dem NLA-Level ist er unterfordert. Und in der NHL klappt es doch nicht, da fehlt mir ehrlich gesagt etwas das Verständnis.

Träumen Sie noch davon, den Sprung doch noch zu schaffen?

Suri: Ich muss es nicht um jeden Preis versuchen. Wäre es eine tolle Erfahrung? Mit Sicherheit. Aber wenn ich sehe, dass ich keine Chance habe, lasse ich es lieber bleiben, mein Ehrgeiz würde das nicht zulassen.

Trauen Sie Ihrem Linienkollegen Lino Martschini dereinst eine NHL-Karriere zu?

Suri: Unrealistisch ist es nicht mehr. Er entwickelt sich in eine ähnliche Richtung wie einst Brunner. Man muss einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, das gilt nicht nur für ihn.

Sie haben im Herbst in Zug verlängert, bis 2019. Als Leistungsträger sind Sie kein günstiger Spieler. Wie sehen Sie die Entwicklung des Lohnvolumens in der Schweiz?

Suri: Der Markt wird durch Angebot und Nachfrage geregelt. Aber ich muss selber gestehen, dass die Entwicklung in eine ungesunde Richtung geht. Für die Teams ist das nicht gut. Ich habe keine Patentlösung, aber vielleicht müsste man einen neuen Ansatz wählen, die Saläre irgendwie begrenzen.

Stimmt eigentlich das Klischee vom verhätschelten Profi, der zwei, drei Stunden pro Tag ins Training investieren muss und sonst das Leben geniesst?

Suri: Wir sind auf jeden Fall privilegiert, schon nur wegen des Umstands, dass wir unser Hobby zum Beruf haben machen können. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber man darf nicht vergessen, dass der Job einem körperlich sehr viel abverlangt. Wir absolvieren inzwischen 70 bis 80 Spiele pro Saison. Da ist die Regeneration einfach wichtig. Ich habe das 2014 selber erlebt. Nach der WM in Minsk war ich am Ende. Und ausserdem ist es nicht so, dass wir nach dem Training jeden Tag auf den Weihnachtsmarkt gehen und Glühwein trinken. Man muss schon auf seinen Körper achten.

Fällt das manchmal schwer? Punkto Ernährung beispielsweise?

Suri: Man gewöhnt sich daran. Ich hatte in meiner Zeit in Genf ein paar Kilo zu viel auf den Rippen, einfach weil mir die Sensibilisierung gefehlt hat. In Rapperswil hat sich das geändert, da hat man mir gesagt: So geht es nicht. Das war schon ein Weckruf. Heute habe ich die Ernährung im Griff.

Als Eishockey-Profi verdient man in der NLA sehr gutes Geld. Sie selber haben in der Berufslehre ein anderes Extrem gesehen.

Suri: Das ist richtig. Ich habe meine Lehre auf dem Betreibungsamt gemacht, im Zürcher Kreis 4, rund um die Langstrasse. Dabei war ich ein halbes Jahr lang Pfändungsbeamter. Es ist nicht einfach, wenn man Leuten, denen die Probleme schon so über den Kopf wachsen, ihr letztes Hab und Gut wegnehmen muss. Das war schon eine prägende Erfahrung, eine Lebensschule.

Gab es nie Aggressionen?

Suri: Doch, schon, ich war froh, nie alleine einen Auftrag ausführen zu müssen. Das wäre teilweise nicht gegangen. Und manchmal ist ein Pfändungsgang nur mit polizeilicher Unterstützung möglich gewesen.

Welche Bedeutung hat Geld heute für Sie?

Suri: Geld ist nicht alles, aber es erleichtert vieles, wenn man darüber verfügt. Ich gehe sehr haushälterisch mit meinen Finanzen um. Luxus interessiert mich nicht. Ich lege lieber etwas zur Seite. Es gibt auch ein Leben nach der Karriere.

Apropos: Bei Ihren Teamkollegen lässt sich ein Trend zur Aus- und Weiterbildung ausmachen. Björn Christen wird Wirtschaftsprüfer, Fabian Schnyder arbeitet als Buchhalter. Was ist mit Ihnen?

Suri: Ich bin noch nicht so weit. Derzeit weiss ich noch nicht einmal, ob ich dereinst im Eishockey bleiben oder lieber etwas anderes machen möchte.

Ihr Vater Bruno weilt derzeit mit der U-20-Nationalmannschaft an der WM in Toronto. Wie kommt das?

Suri: Er war schon immer ein grosser Eishockeyfan. In meiner Kindheit besuchte er fast jedes Spiel der Kloten Flyers, heute hat er aber ein Abo beim EVZ. (lacht) In Kloten suchten sie im Nachwuchsbereich irgendwann einen Teammanager, da hat er sich gemeldet. Ihm macht das Spass, und inzwischen arbeitet er eben auch für den Verband. Für ihn ist es das Grösste, an der WM dabei sein zu können.

Zurück zu Ihnen: Seit dieser Spielzeit arbeiten Sie mit Harold Kreis in Zug sowie Glen Hanlon im Nationalteam mit zwei neuen Eishockeylehrern. Was ist neu?

Suri: Sehr viel. Zu Hanlon kann ich nicht allzu viel sagen, weil ich ihn erst während fünf Tagen erlebt habe. Aber Kreis ist das pure Gegenteil von Doug Shedden. Ich sehe seine Arbeit positiv, und natürlich geben ihm die Resultate recht. Gegenüber Shedden fände ich es allerdings nicht fair, die ganze Entwicklung nur auf den Trainerwechsel zu schieben. Wir haben starke neue Spieler geholt. Der Königstransfer war ohne Zweifel jener von Tobias Stephan. Es ist für ein Team Gold wert, wenn man über einen Torhüter seiner Klasse verfügt.

Der EVZ hat ein teures Team und steht in der Tabelle mit Platz 4 respektabel da. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass sich beispielsweise der Titelverteidiger ZSC Lions in anderen Sphären bewegt ...

Suri: Es hat schon einen Grund, weshalb sich Zürich, Bern und Davos von der Konkurrenz abgesetzt haben. Den anderen Mannschaften fehlt die Konstanz, auch uns. An einem guten Abend können wir jeden bezwingen. Aber wir müssen es endlich auch einmal schaffen, eine Erfolgsserie hinzulegen. Zu Zürich fehlt uns momentan ein gutes Stück.

Wie sehen Sie Ihre persönliche Entwicklung? Nach Zug kamen Sie 2012 als Ergänzungsspieler, heute sind Sie Führungskraft. Ist es schwierig, den gestiegenen Erwartungen gerecht zu werden?

Suri: Eigentlich nicht, ich mache mir über solche Dinge nicht viele Gedanken. Aber mir wird manchmal zum Verhängnis, dass ich kein Blender bin. Wenn es nicht läuft, sieht es manchmal unvorteilhaft aus, was ich auf dem Eis mache. Ich spiele geradlinig und ohne Firlefanz. Andere Spieler sind technisch besser, sie können auch einmal mit einer Finte etwas bewegen. Vielleicht wird das auch von mir erwartet. Aber es ist nicht mein Spiel.

Doug Shedden hat Ihnen letztes Jahr vorgeworfen, Sie seien von Ihrem physischen Spiel abgekommen.

Suri: Die Kritik war nicht unberechtigt. Aber wir spielten eine derart unbefriedigende Saison, dass ich nicht einfach sagen konnte: Ich spiele jetzt so weiter wie immer, egal was um mich herum passiert. Da habe ich mich verzettelt und meine Leistung nicht mehr immer gebracht.

Haben Sie sich für 2015 Vorsätze genommen?

Suri: Nein, da bin ich nicht der Typ dazu, ich habe eigentlich nur einen Vorsatz: gesund bleiben. Denn ist man nicht gesund, ist alles sekundär. Man kann nichts von der Welt sehen und keine Leistung bringen. Aber ich habe mir Ziele gesetzt. Persönlich würde ich gerne mit der Schweiz die WM in Prag bestreiten, das wäre eine grosse Ehre. Und mit dem EVZ wollen wir ins Playoff und dort so weit vorstossen wie möglich.


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