Toller Unterhaltungswert, aber ...

EISHOCKEY ⋅ Der EV Zug hat in dieser Saison ein doppeltes Spektakelteam. Das ist aber nur bedingt tauglich für die Champions Hockey League.

03. Oktober 2016, 05:11

Der Blick auf die Tabelle sagt uns: Zug ist spitze. Platz drei und nur zwei Punkte Rückstand auf Tabellenführer ZSC Lions. Fünf Heimspiele, fünf Siege. Bei einem zweiten Blick kommt der Chronist allerdings nicht um kritische Anmerkungen herum. Zwei Zahlen offenbaren die Schwäche der Zuger. 31:30. Das ist das Torverhältnis nach zehn Runden. Kein anderes der fünf Spitzenteams hat ein so knappes Verhältnis zwischen Plus- und Minustoren. Hier die vergleichbaren Werte: ZSC Lions 28:21. Lausanne 32:22. Biel 36:21. Kloten 33:30.

Diese Zahlen erklären den grandiosen Unterhaltungswert der Mannschaft. Der EV Zug präsentiert im Herbst 2016 ein «doppeltes Spektakelteam». Die Stürmer tragen das Spektakel vors gegnerische Tor, und in lichten Momenten zelebrieren die Zuger Offensivkraft von europäischem Niveau. Vor allem dann, wenn Lino Martschini durch die gegnerischen Reihen wirbelt. Wir können sogar sagen: Wer diese Saison Martschini nicht gesehen hat, weiss nicht, wie elegant und dynamisch Eishockey sein kann.

Zu grosses Leistungsgefälle

Aber das Spektakel findet eben auch vor dem eigenen Tor statt. Um nicht den Eindruck billiger Polemik zu erwecken, dazu wiederum objektive Zahlen. Im dritten Jahr beim EV Zug sind die Fangquoten von Torhüter Tobias Stephan in besorgniserregender Art und Weise zurückgegangen. Von 92,50 Prozent (2014/15) über 91,50 (2015/16) auf 90,28 Prozent.

Ist der sanfte Riese (192 cm/85 kg) ein Lotter-Goalie geworden? Nein. Aber er ist nicht mehr dazu in der Lage, die defensiven Nachlässigkeiten seiner Vorderleute auszubügeln. Warum das so ist, zeigen wieder Zahlen. Der wehrhafte Riese Timo Helbling und der kecke Offensiv-Verteidiger Robin Grossmann haben nach zehn Partien mit +7 (Helbling) und +6 (Grossmann) bäumige Plus-Bilanzen. Dominik Schlumpf (–2) und Raphael Diaz (–1) weisen hingegen Minuswerte auf.

Das ist beunruhigend. Denn Diaz (22:20 Minuten) und Grossmann (19:38 Minuten) sind die beiden Spieler, die durchschnittlich pro Spiel am längsten auf dem Eis stehen, länger auch als Timo Helbling (18:10 Minuten). Wir haben also in der Abwehr ein viel zu grosses Leistungsgefälle. Wenn die Abwehrspieler mit der längsten Arbeitszeit Minus-Bilanzen aufweisen, dann stimmt die Balance nicht. In diesem Zusammenhang sind die ungenügenden Werte von Jarkko Immonen und Carl Klingberg beunruhigend.

Immonen kann seine Minus-Statistik (–1) wenigstens mit offensiver Produktion (7 Punkte/davon 4 Tore) kompensieren. Klingberg ist hingegen offensiv völlig ungenügend (3 Punkte, 0 Tore) und defensiv auch nicht viel besser (–1).

Oder noch deutlicher gesagt: Der EV Zug ist zwar dazu in der Lage, sein Publikum in der Qualifikation als doppeltes Spektakelteam vortrefflich zu unterhalten. Aber so ist Zug nicht Playoff-tauglich und nur bedingt für die ­«K.-o.-Phase» der Champions League bereit.

Der Sechzehntelfinal gegen die Eisbären aus Berlin wird zu einem hochinteressanten Playoff-Test. Dieses Spitzenteam aus Europas rauster «Rumpelliga» DEL pflegt schon in der Qualifikation so intensiv zur Sache zu gehen wie die Mannschaften aus der Lauf- und Tempoliga NLA in den Playoffs.

Klaus Zauggsport@luzernerzeitung.ch


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