Wenn der Trainer zum Star wird

EISHOCKEY ⋅ Harold Kreis ist in Deutschland eine Legende. Zu den Eisbären Berlin, dem heutigen Gegner in der Champions League, hat der EVZ-Coach ein paar Anknüpfungspunkte.

04. Oktober 2016, 05:00

Wenn ein deutscher Sportjournalist dieser Tage die Mannschaftsliste der Zuger durchgesehen hat, mag ihm wahrscheinlich der Name von Rafael Diaz, dem früheren NHL-Verteidiger, etwas gesagt haben. Und vielleicht noch ein weiterer von den Zuger Nationalspielern. Ganz sicher wird ihm aber der Name unmittelbar nach dem Listing ins Auge gestochen sein, dort, wo in aller Regel des Trainers Name genannt wird: Harold Kreis.

Der 57-Jährige ist in Deutschland eine Legende. Als Spieler bestritt der Deutsch-Kanadier 19 Saisons für Mannheim, seine Frau betreibt in dieser Stadt heute noch einen Coiffeursalon, sie haben dort ein Haus, in dem sie dereinst ihren Lebensabend verbringen wollen. Kreis machte 891 Spiele und kam auf 598 Skorerpunkte. 1980 und 1997 wurde der spielstarke Verteidiger deutscher Meister. Seine Rückennummer 3 wird von den Adler Mannheim nie mehr vergeben, sein Trikot hängt unter dem Hallendach der SAP-Arena. Für die deutsche Nationalmannschaft gelangte er 180 Mal zum Einsatz. Kennzahlen, die ihm die Aufnahme in die Hall of Fame Deutschlands eintrugen.

«Ach, hören Sie auf mit dem Legenden-Schmarren», wehrt Kreis mit einem Lächeln ab. Er sagt, dass seine Zeit als Spieler schon lange vorbei sei, dass er nicht mehr daran denke, dass er für den Moment lebe. Nur wenn ihm Leute von früher über den Weg laufen, kommen Erinnerungen hoch. Oder wenn er einen Spieler wieder sieht, den er früher mal gecoacht hat. «Es macht mir Freude, wenn ehemalige Spieler dem Eishockey erhalten bleiben. Marian Bazany zum Beispiel spielte unter mir in Düsseldorf, nun ist er Fitnesscoach bei den Eisbären Berlin.»

Berlin brachte Kreis bislang kein Glück

Kreis kennt auch Uwe Krupp gut, den Trainer der Eisbären, die den Zugern heute im Hinspiel der Sechzehntelfinals in der Champions League (19.30 Uhr, Teleclub) in der 17 000 Zuschauer fassenden Mercedes-Benz-Arena gegenüberstehen. Kreis assistierte Cheftrainer Krupp von 2010 bis 2012 bei der deutschen Nationalmannschaft. «Auch wenn uns ein kollegiales Verhältnis verbindet, so haben wir keinen Kontakt während der Saison, und ich glaube auch nicht, dass es einen in Berlin geben wird», sagt Kreis.

Als er selber noch aktiv war, spielte er immer gerne in Deutschlands Hauptstadt, damals noch im alten Stadion in Hohenschönhausen, weil «wir in Berlin immer übernachten durften», wie Kreis erzählt. Schmunzelnd erinnert er sich daran, wie «ich viel Geld für Taxis ausgegeben habe, um mich in coole Bars chauffieren zu lassen. Am Ende des Tages hatte ich gut 120 Mark ausgegeben für Taxis und 20 Mark fürs Bier. Dabei wäre ich besser in die erstbeste Bar gegangen, denn in Berlin sind alle Bars cool.»

Als Trainer brachte ihm die Metropole bisher weniger Glück. Die Eisbären, die zwischen 2005 und 2013 sieben Mal deutscher Meister wurden, tragen die Schuld daran, dass der zweifache Schweizer Meistertrainer (2006 mit Lugano, 2008 mit den ZSC Lions) noch keinen deutschen Arbeitgeber zum Titelgewinn coachen konnte. 2009 hatte Kreis mit den DEG Metro Stars im Final das Nachsehen, 2012 mit den Adler Mannheim. Stets geschlagen von den Eisbären. Darum bemerkt Kreis mit einem Augenzwinkern: «Es wäre schön, wenn ich die Pressekonferenz am Dienstagabend mit dem Gefühl eines Siegers bestreiten könnte. Das war bis jetzt eher selten der Fall.»

Nicht mehr die Dominatoren von einst

Die Chancen dazu stehen gar nicht mal so schlecht, weil die mit vier Siegen aus sechs Spielen in die DEL gestarteten Eisbären (Platz 2) nicht mehr die Liga-Dominatoren von einst sind. Klar kennt Kreis die DEL und deren Teams noch immer gut, und er gelangt zur Einschätzung, dass «die Eisbären Eishockey spielen und nicht bloss verteidigen. Das kommt unserer Spielweise entgegen.»

Seiner Mannschaft, die in der aktuellen Champions-League-Kampagne jedes der vier bisherigen Gruppenspiele gewonnen hat, gibt Kreis folgende Marschroute vor: «Wir müssen kompakt spielen und unsere Schnelligkeit nutzen.» Physisch könne sie mit jedem Team mithalten, auch mit den gewohnt körperbetont agierenden Deutschen, ist sich Kreis sicher. «Wichtig ist auch, dass wir geduldig agieren und dem Gegner wenig Überzahlsituationen zugestehen.»

Andreas Ineichen/Berlinandreas.ineichen@luzernerzeitung.ch


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