Analyse

Die ersten Tage eines neuen EV Zug

Eine Analyse von Eishockey-Experte und Sportreporter Klaus Zaugg.
15. April 2017, 05:00

Das Undenkbare denken. Der EV Zug zwingt uns dazu. Vor diesem Finale sind die Meinungen ausserhalb des Zugerlandes gemacht: Der Titan SC Bern wird nicht stürzen und den Titel verteidigen. Tobias Stephan kann das Duell mit Leonardo Genoni nicht gewinnen. Kari Jalonen ist der bessere Banden­general als Harold Kreis. Und ein bös­artiger Spötter versteigt sich zur Aus­sage, die Wahrscheinlichkeit eines Sex­skandals um Angela Merkel sei grösser als die Chance eines Zuger Titelgewinnes mit Harold Kreis. Und nach zwei Spielen führt der SCB 2:0. Alle diese Ansichten verfestigen sich zur Gewissheit.

Jedem Sturz eines Titanen gehen solche Ansichten, Behauptungen und Schmähungen voraus. Nun hat sich das Finale zu einem Hockey-Drama antiker Grösse entwickelt. Alles, was undenkbar schien, kann Wirklichkeit werden: Leonardo Genoni kann als tragischer Held enden und Kari Jalonen wie eine Figur aus einem Film von Aki Kaurismäki, dem finnischen Kult­regisseur und Melancholiker.

Oder doch nicht? Vielleicht rettet sich der SCB doch noch aus einer heiklen Lage. Nach wie vor sehen die Berner keine Veranlassung, irgendetwas zu ändern. Für Kari Jalonen sind die zwei Niederlagen Betriebsunfälle. Er hat nichts am täglichen Ablauf geändert, auch gestern so trainiert wie immer. Kein Grund zur Sorge. Nur ja nicht ändern, was am Ende doch den Sieg gebracht hat. Aber es gibt sehr wohl Grund zur Beunruhigung. Jede Mannschaft, die im Finale zweimal in der Verlängerung gewonnen hat, ist Meister geworden. Zug hat zweimal hintereinander in der Verlängerung gewonnen.

In der ungebrochenen Zuversicht der Berner liegt die Chance der Zuger. Der SCB strahlt die arrogante Ruhe aus, die für einen Grossen mit drei Titeln aus den letzten sechs Jahren typisch ist. Aber inzwischen sind die «weichen», nicht in Statistiken und Videoaufzeichnungen mess- und sichtbaren Faktoren wie Leidenschaft, Elan, Temperament, Lust und Wille der Zuger stärker, grösser als beim Gegner. In Bern eilen 17031 Männer und Frauen, Buben und Mädchen herbei, um den SCB zu sehen. In Zug sind es «nur» 7015. Aber die Stimmung in der Arena in Zug ist mitreissender, intensiver, kurzum: besser als in Bern. Die Zuger sind auf einer Mission, für alle ist dieses Finale zum Abenteuer geworden, und aus diesen besonderen Umständen schöpfen sie Energie. Für die Berner ist dieses Finale hingegen Alltag. Wir sind wieder im Finale, na und?

Unabhängig davon, wie dieses Drama enden mag– eines können wir jetzt schon sagen: Dieses Finale wird den EV Zug und damit unsere Hockeylandkarte verändern. Die Zuger spüren, dass sie in der Lage sind, eine Meisterschaft zu gewinnen. Sie bringen neben dieser Überzeugung alles mit, um den Titanen aus Bern, Zürich, Lugano und Davos über Jahre hinaus auf Augenhöhe zu begegnen. Die Arena, die Fans, die wirtschaftliche Stabilität und sportliche Substanz, das Management und die Nachwuchsorganisation. Was die Konkurrenz unterschätzt: Jetzt ist der Geist in Zug aus der Flasche. Es ist nicht mehr die Frage, ob, sondern nur noch wann der EVZ zum zweiten Mal nach 1998 Meister wird. Im Rückblick wird sich zeigen: Das Finale von 2017 war die Geburtsstunde, waren die ersten Tage eines neuen EV Zug.

 

Klaus Zaugg, Sportreporter

sport@luzernerzeitung.ch


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