Sanfter Helbling ist ein gutes Zeichen

EISHOCKEY ⋅ Die Zuger reisen heute unter der Führung ihres sanften «Wikingers» Timo Helbling (35) nach Bern. Der Verteidiger ist im Herbst seiner Karriere so gut wie nie.
30. September 2016, 05:09

Wikinger? Die Bezeichnung wäre ja schon wegen der Postur des freundlichen blonden Riesen passend. Er ist 190 Zentimeter gross und 100 Kilo schwer. Aber es gibt noch einen anderen Bezugspunkt. Wir feiern Roman Josi und allenfalls Mark Streit als die ersten Schweizer, die als Feldspieler Amerika erobert haben. Sie geniessen diesen Ruhm so wie Christoph Kolumbus (35) die Ehre, Amerika entdeckt zu haben. Inzwischen wissen wir längst, dass Kolumbus keineswegs der Erste in Amerika war. Die Wikinger waren lange vor ihm dort und hatten sogar Siedlungen gegründet. Und lange bevor Mark Streit und Roman Josi amerikanischen Boden betraten, hatte sich dort Timo Helbling schon jahrelang behauptet. Zwischen 2000 und 2007 rumpelte er sich als Verteidiger in mehr als 300 Partien durch die Junioren- und Farmteamligen und kam auch elfmal in der NHL zum Zuge (ein Assist). Mark Streit kam erst 2005 nach Montreal.

2007 ist Timo Helbling heimgekehrt. Und nun ist er im Herbst seiner Karriere so gut wie nie. Im letzten Frühjahr war er beim SC Bern ein Schlüsselspieler im Meisterteam. Glückliche Umstände haben Zug diesen Verteidiger beschert: Erst konnten sich die Berner während der Wirren der letzten Saison nicht auf ein Angebot einigen, dann lösten die Klotener den Vertrag aus Kostengründen wieder auf, und so ist Timo Helbling in Zug gelandet. Nach acht Partien hat er nur knapp weniger Skorerpunkte (6) als Strafminuten (8) auf seinem Konto. Das hat es so in seiner ganzen Karriere noch nie gegeben. Schon fünfmal (zuletzt 2013/14 in Fribourg) hat er pro Saison mehr als hundert Strafminuten zusammengerumpelt.

Die Legende von der Prügelei mit Luganos Trainer

Wie ist diese Wandlung vom Strafbank-Saulus zum spielerischen Paulus möglich? Timo Helbling mag nichts von einer Wandlung hören. Vielmehr sieht er sich seit langem als spielstarken Abwehrspieler. «Das Körperspiel war immer meine Stärke, und im Laufe der Zeit bin ich auf meine Härte und meine Checks reduziert worden. Als Spieler kommt man schnell einmal in eine Schublade. Aber ich hatte schon immer mehr spielerisches Talent, als man mir zugestehen wollte.»

Es gibt in diesem Zusammenhang eine interessante Formel: Sage mir, ob Timo Helbling böse ist, und ich sage dir, wie es um das Innenleben eines Teams steht. Im Herbst 2010 war der Solothurner ganz böse. Die Legende geht um, er habe sich in Lugano im Training mit seinem Trainer Philippe Bozon geprügelt. Darüber mag Timo Helbling nicht mehr reden. Den Rest der Saison verbrachte er in der höchsten finnischen Liga bei Kärpät Oulu. Wo er sich bestens bewährte. Der Grund, warum der Hockey-Wikinger in Lugano böse war, ist offensichtlich. Es lief ganz und gar nicht, und der Trainer-Dilettant Philippe Bozon war der wichtigste Grund für die Krise. Er wurde gefeuert, und Lugano erlitt die Schmach der Playouts. Timo Helbling ist in der Art klar und wahr wie sein Spiel – und er wird sich so geärgert haben, dass er einfach nicht anders konnte, als handgreiflich zu werden. Was er aber, wie gesagt, weder bestätigt noch dementiert.

Dass er jetzt in Zug der punktbeste Verteidiger ist (einen Zähler mehr als Rafael Diaz) und ligaweit die Nummer fünf aller Abwehrspieler, spricht für den EV Zug. Bereits letzte Saison ist Timo Helbling beim SCB eine Rekordsaison (23 Skorerpunkte) gelungen. In einer Organisation, die trotz aller Trainer-Wirren auch in der vergangenen Spielzeit hoch professionell war. Einer wie Timo Helb­ling spürt, wenn etwas nicht stimmt und wird «böse» – und wenn es stimmt, dann ist er sanft.

So gesehen, stimmt es zurzeit in der EVZ-Kabine.

Klaus Zauggsport@luzernerzeitung.ch


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