Lino Martschini – der moderne Winkelried

EISHOCKEY ⋅ Der EV Zug gewinnt in Bern in der Verlängerung 2:1. Der Playoff-Final, der bereits entschieden schien, ist wieder offen.
Aktualisiert: 
12.04.2017, 07:00
11. April 2017, 22:47

Klaus Zaugg, Bern

sport@luzernerzeitung.ch

Zug schien besiegt. Der Final entschieden. Der SCB gewinnt am Samstag auch die zweite Partie in Zug und führt 2:0. Aber Trainer Harold Kreis sagt, man müsse nur so weitermachen wie bisher. Verteidigerhaudegen Timo Helbling ist zuversichtlich und geht davon aus, dass seine Mannschaft bei gleicher Leistung die nächste Partie gewinnen wird. Und er sagt, der SCB spiele mit seinem destruktiven Defensivhockey mit dem taktischen Feuer. Es ist offensichtlich: Die Zuger hatten auch das zweite Finalspiel, aber nicht den Mut verloren.

Harold Kreis und Timo Helbling haben Recht bekommen. Zug ist unter dramatischen Umständen ins Finale zurückgekehrt. Natürlich ist es ein Sieg der Mannschaft. Aber es gibt zwei Helden, die wir ganz besonders zu loben haben. Lino Martschini und Tobias Stephan. 

Es war, als sei der Geist Arnolds von Winkelried, der mythischen Gestalt der helvetischen Geschichte, in Lino Martschini gefahren. So wie die alten Eidgenossen zu Sempach keinen Weg durch die dichten Reihen der Habsburger fanden, verzweifelten und sich schliesslich Arnold von Winkelried ein Herz fasste und die gegnerischen Reihen durchbrach, so überwand Zugs offensiver Zauberzwerg das Bollwerk der Berner. Sein Schuss fuhr ins SCB-Netz. Sein erster Treffer in diesen Playoffs, sein erstes Tor nach 1030 Minuten. Nach 55 Minuten und 9 Sekunden gleicht der EV Zug zum 1:1 aus. Bestraft den SCB für sein Spiel mit dem taktischen Feuer. Für das – aus neutraler und nichtbernischer Sicht – unsäglich langweilige Resultathockey. 

Zugs Jarkko Immonen kriegte einen Restausschluss

In der Verlängerung ist es wieder Lino Martschini, der den Siegestreffer einfädelt. Es ist der «Ketchup-Effekt»: Man kann an der Flasche rütteln und rütteln und rütteln, und der Tomatensaft will nicht herauskommen. Aber auf einmal flutscht der Inhalt doch auf den Teller. Lino Martschini hat es versucht und versucht und versucht, nie den Mut verloren und nun hat er gleich eine Lawine losgetreten: das Spiel mit seinem Treffer ausgeglichen (1:1) und den Siegestreffer eingefädelt. Und Tobias Stephan hielt gestern in diesem Final erstmals nicht bloss wie ein sehr, sehr guter, sondern wie ein grosser, wie ein Meistergoalie. 

Der SCB hätte es wagen können, den Zugern mit einem offensiven Feuerwerk den Atem, die Hoffnung, die Zuversicht und den Sauerstoff zu nehmen. Aber der grosse Bandengeneral Kari Jalonen scheute das Risiko. Er wollte wieder Hockey-Schach spielen. Warum auch nicht? Gegen Biel und gegen Lugano ist sein Spiel mit dem taktischen Feuer aufgegangen. Und alles schien erneut für seine Mannschaft zu laufen. Zugs Jarkko Immonen rumpelte David Jobin hinter dem SCB-Tor in die Bande und wurde unter die Dusche geschickt. Elf Sekunden vor Ablauf der Strafzeit traf Andrew Ebbett zum 1:0. Dieser Treffer schien die Entscheidung zu sein. Die Zuger verloren ihren wichtigsten Zweiweg-Center, und der Einzelrichter wird heute entscheiden, ob es bei diesem Ausschluss bleibt oder noch eine Spielsperre folgt. Aber dieses 1:0 ist Berns Verhängnis. Aus Selbstsicherheit wird Arroganz, und bei den Zugern erwacht der «heilige Zorn», jene Leidenschaft, die nur erwacht, wenn alles verloren scheint. Nun ist wieder alles möglich.

Bern - Zug 1:2 (1:0, 0:0, 0:1, 0:1) n.V.

17'031 Zuschauer (ausverkauft). - SR Wiegand/Vinnerborg, Wüst/Kovacs. - Tore: 15. Ebbett (Untersander/Ausschluss Immonen) 1:0. 56. Martschini (Helbling) 1:1. 65. Suri (Morant, Martschini) 1:2. - Strafen: 1mal 2 Minuten gegen Bern, 3mal 2 plus 5 Minuten (Immonen) plus Spieldauer (Immonen) gegen Zug. - PostFinance-Topskorer:

Bern: Genoni; Jobin, Krueger; Andersson, Gerber; Untersander, Blum; Kamerzin; Hischier, Plüss, Scherwey; Lasch, Ebbett, Bodenmann; Rüfenacht, Arcobello, Moser; Berger, Gagnon, Müller.

Zug: Stephan; Helbling, Grossmann; Diaz, Morant; Schlumpf, Alatalo; Erni; Senteler, Immonen, Klingberg; Martschini, Holden, Suri; Zangger, McIntyre, Lammer; Peter, Diem, Schnyder.

Bemerkungen: Bern ohne Reichert, Noreau (beide verletzt), Kreis, Thibaudeau, Gernett, Rochow, Dubois, Meyer (alle überzählig), Zug ohne Lüthi, Järvinen, Markkanen, Haller (alle überzählig). Pfostenschüsse von Blum (41.) , Moser (42.), Bodenmann (45.), Untersander (59.).

  • SC Bern - EV Zug
  • SC Bern - EV Zug
  • SC Bern - EV Zug

Der EV Zug gewann sein drittes Finalspiel auswärts beim SC Bern.

Video: «Jetzt redt de EVZ»: 3. Spiel der Finalserie

Im dritten Spiel der Playoff-Finalserie gegen den SC Bern hat der EVZ endlich das erste Spiel für sich entscheiden können. Das sagen Spieler und Trainer nach dem Match. (ars/chg, 11. April 2017)




1 Leserkommentar

Anzeige: