Kolumne zur Causa Timo Helbling

Der Kurzschluss des Chamäleons

Der ehemalige Einzelrichter Reto Steinmann zum Fall Tim Helbling.
10. September 2017, 19:48

Als Verteidiger der obersten Hubraumklasse lässt Timo Helbling die gegnerischen Stürmer an seiner Masse abprallen. Der EVZ-Spieler kultiviert auf dem Eis das Stigma des bösen Buben und sieht keinen Anlass, dieses abzustreifen. Er wurde nicht nur Schweizer Meister mit Bern, sondern wäre auch in einer Meisterschaft der Provokateure mit Sicherheit in der Endausmarchung. Es gibt Spieler, die in der Gunst der Regelhüter höher stehen als er. Helbling ist ein Spieler, den man lieber in seinen eigenen Reihen hat als in den gegnerischen. Hat er sich denn einmal getrennt von den Schlittschuhen, mutiert die Reizfigur aus dem Baselländischen umgehend zum sanften Riesen mit Vordenkerqualitäten und Differenzierungsvermögen. Sein Blick reicht weit über die Bande hinaus.

Helbling hat es nun bereits im ersten Spiel der Saison fertig gebracht, die mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Startdrittel der Partie am Freitag in Davos waren keine elf Minuten gespielt, als er sich eine Denkpause gewährte, den Ausnahmezustand probte und Schiedsrichter Micha Hebeisen von hinten auf das Eis stiess, weil dieser ihm im Weg stand. Für diesen Kurzschluss hätte das Kraftwerk eigentlich sofort abgestellt werden müssen in Form einer Spieldauer-Disziplinarstrafe, doch der sichtlich irritierte, in seiner ersten Saison als Head stehende Hebeisen sah ab von einer Sanktion auf dem Eis. Nach dem Spiel bemühte sich Helbling, den Erklärungsbedarf zu decken. In einem Interview liess er die Interessierten wissen, die Angelegenheit sei besprochen worden und nach seiner Entschuldigung sowohl für ihn wie für den Unparteiischen erledigt. Als der Reporter nachhakte auf diese Bagatellisierung des Zwischenfalls mit der Frage, ob er hier noch mit Konsequenzen rechne seitens der Liga, folgte Helbling unbeirrt seiner Überzeugung und bezog eine klare Position. Es würde ihn überraschen, sagte er mit so viel Verve, dass es schon fast unwiderlegbar anmutete.

Nun, die alles andere als überraschenden Folgen liessen keine zwölf Stunden auf sich warten. Auf Antrag des Officiating Department wurde Helbling von der Liga für das Spiel vom Samstag gesperrt. Gleichzeitig wurde ein ordentliches Verfahren eröffnet gegen ihn. Das Urteil wird spätestens am Dienstagvormittag ergehen. Dass es weitere Sperren absetzen wird, ist viel eher Gewissheit denn Vermutung. Auf die laufende Saison hat die Liga die für den vorliegenden Fall anzuwendende Regel im Vergleich mit der Version des Internationalen Eishockeyverbandes präzisiert und betreffend Sanktionen eine klare Kategorisierung geschaffen. Eine Sperre für zwei bis vier Spiele wird ausgesprochen etwa für physische Drohungen, spucken in Richtung Schiedsrichter oder Anwendung von Gewalt beim Versuch, sich von einem Schiedsrichter zu befreien, der während oder nach einer Auseinandersetzung eingeschritten ist. Gewaltanwendungen ohne Verletzungsabsicht werden mit fünf bis neun Spielsperren sanktioniert. Die ganz happigen Fälle schliesslich werden mit mindestens zehn Spielsperren bestraft.

Aufgrund des Ablaufs der Aktion dürfte die Angelegenheit in die Kategorie zwei fallen. Pikant ist, dass die Klubs vor Saisonbeginn von der Liga eingehend orientiert wurden über diese Verfeinerung der entsprechenden Regel samt den Konsequenzen bei deren Verletzung. Offenbar ist dieser Prozess zumindest im smarten Kopf von Timo Helbling noch nicht nachhaltig in Bewegung geraten. Zu den Sperren dürfte sich auch noch eine Busse gesellen. Helbling war im letzten Oktober nach beleidigenden Worten an die Adresse von Schiedsrichter Danny Kurmann in einem Spiel gegen die ZSC Lions bereits mit einer happigen Busse belegt worden.

Zur Person: Reto Steinmann war Einzelrichter für Swiss Ice Hockey und praktiziert als Rechtsanwalt und Notar in Zug.

Reto Steinmann

sport@luzernerzeitung.ch


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