Fabrice Herzog schiesst die Schweizer ins Glück

SCHWEIZER NATIONALTEAM ⋅ Die Schweiz sorgt an der WM in Paris für eine Sensation. Nach dem 0:2-Rückstand bezwingt das Team von Patrick Fischer Titelverteidiger Kanada in der Verlängerung mit 3:2.
Aktualisiert: 
13.05.2017, 23:54
13. Mai 2017, 22:44

Klaus Zaugg, Paris

Ein Spiel wie ein Hurrikan. Es beginnt mit einer sanften Brise und endet mit einem Sturm, der alles verschlingt. So lässt sich die beste Partie seit der Silber-WM 2013 von Stockholm in einem Satz zusammenfassen.

Die Schweizer sind am Anfang völlig chancenlos. Ihr Spiel ist bloss eine sanfte Brise. Die Kanadier machen, was sie wollen. Dann kommt die Stunde des Bandengenerals Patrick Fischer. Nach dem 0:2 wechselt er Jonas Hiller in der 7. Minute aus. Wer es dramatisch mag: Es ist der Sturz des NHL-Titanen. Ausgerechnet gegen die Kanadier.

Ist Jonas Hiller schuld an diesen zwei Gegentreffern? Ja und nein. Ja, weil ein Torhüter mit einem aggressiveren Stil in beiden Situationen den Puck entweder aus der Gefahrenzone oder unter Kontrolle bringt. Nein, weil die Verteidiger auch Mitschuld tragen. Auch sie hätten mit einem aggressiveren Stil den Puck aus der Gefahrenzone wegspedieren können.

Titelverteidiger zu arrogant

Dieser Torhüterwechsel ist der Anfang vom Ende für den Favoriten – und es ist die taktische Massnahme, die Patrick Fischer in den Rang eines Bandengenerals erhebt. Noch plätschert das Spiel einige Zeit dahin. Zweimal treffen die Kanadier den Pfosten und verpassten das 3:0 oder gar das 4:0. Aber ohne den Beistand der Hockey-Götter geht es nicht. Die Windstärke des Schweizer Spiels nimmt zu. Die Kanadier sind lange Zeit zu arrogant, um die Gefahr zu erkennen, und schliesslich werden sie in der Verlängerung vom Eis gefegt. Leonardo Genoni zeigt nicht nur statistisch die beste Torhüterleistung gegen Kanada seit elf Jahren.

Nie mehr seit Martin Gerber beim 2:0-Triumph gegen Kanada beim olympischen Turnier von 2006 in Turin ist ein Schweizer Torhüter gegen eine NHL-Auswahl aus Kanada so lange ohne Gegentreffer geblieben. Es ist der vierte Sieg des Schweizer Nationalteams gegen diesen Gegner bei einem Titelturnier nach Turin 2006 und den WM-Turnieren von 2010 und 2013.

Symbolisch für die Wende ist eine Episode am Rande. Thomas Rüfenacht liefert sich mit Wayne Simmonds im Schlussdrittel noch von der Spielerbank aus ein heftiges Rededuell. Was ist da passiert? «Die Kanadier halten sich eben für unantastbar und werden schnell unwirsch, wenn sie herausgefordert werden.» Das freche Selbstvertrauen des SCB-Stürmers symbolisiert die Rückkehr der Schweizer. «Es stand 0:2, und da sagten wir uns: Es spielt keine Rolle, ob wir nun 0:2 oder 0:7 untergehen. Also versuchen wir es doch und gehen auf die Kanadier los und spielen vorwärts. Wir haben sozusagen doppelt oder nichts gespielt, und es hat funktioniert.»

Das Siegtor in der 64. Minute

Doppeltorschütze Fabrice Herzog – sein erstes Tor brachte den Energieschub für die Sensation, das zweite in der 64. Minute der Verlängerung bringt den Sieg – sagt: «Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich gegen Kanada zwei Tore schiessen könnte.» Das Unmögliche ist eben möglich. Diese Mannschaft ist talentiert genug für grosse Taten. Noch braucht es zur definitiven, auch theoretischen Sicherung der Viertelfinal-Qualifikation zwar noch drei Punkte – aber es kann unter guten Umständen auch jetzt schon reichen.

Kanada – Schweiz 2:3 (2:0, 0:0, 0:2, 0:1) n.V.

Paris. – 12 932 Zuschauer. – SR Odins/Salonen (LAT/FIN), Leermakers/Sormunen (NED/FIN).

Tore: 5. O’Reilly (Marner, Parayko/Ausschluss Hollenstein) 1:0. 7. Marner (Lee, Konecny) 2:0. 47. Herzog (Praplan, Richard/Ausschluss Matheson) 2:1. 50. Praplan (Hollenstein) 2:2. 64. Herzog (Ambühl) 2:3.

Strafen: 4-mal 2 Minuten gegen Kanada, 3-mal 2 Minuten gegen die Schweiz.

Kanada: Pickard; Parayko, Vlasic; Demers, De Haan; Lee, Matheson; Morrissey; Marner, Point, Konecny; Duchene, Couturier, Skinner; Simmonds, Giroux, Killorn; MacKinnon, Scheifele, O’Reilly; Schenn.

Schweiz: Hiller (7. Genoni); Diaz, Furrer; Untersander, Kukan; Loeffel, Genazzi; Marti; Rüfenacht, Almond, Schäppi; Praplan, Haas, Hollenstein; Brunner, Ambühl, Suter; Herzog, Richard, Bodenmann; Suri.

Bemerkungen: Kanada ohne Barrie (verletzt), Schweiz ohne Malgin, Schlumpf und Schlegel (alle überzählig). – Pfostenschüsse Simmonds (22./28.). – Schüsse: Kanada 45 (16-13-13-3); Schweiz 26 (6-7-12-1). – Powerplay-Ausbeute: Kanada 1/3; Schweiz 1/4.

  • Fabrice Herzog trifft zum 3:2-Endstand. (© Peter Schneider, Keystone / Paris, 13.05.2017)
  • Leonardo Genoni, links,  verteidigt offenbar erfolgreich gegen Brayden Schenn. (© Peter Schneider, Keystone / Paris, 13.05.2017)
  • Die Schweizer Anhänger machen Stimmung. (© Peter Schneider, Keystone / Paris, 13.05.2017)

Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft besiegt im Gruppenspiel den amtierenden Weltmeister Kanada in der Verlängerung 3:2.


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