Ansichten eines NHL-Pioniers

EISHOCKEY ⋅ Jarmo Kekäläinen (48) war bei Rapperswil einst Ersatzausländer in der NLB. Heute ist er der erste und einzige europäische General Manager in der NHL: Er führt die Columbus Blue Jackets.

250 Scouts haben sich für die U-18-WM in Zug und Luzern akkreditiert. Mehrheitlich handelt es sich um «Fusssoldaten»: Amateurscouts, die in der nordamerikanischen Prärie zahllose Kilometer abspulen und Reporte über Nachwuchskräfte einreichen, die es niemals zu einer Profikarriere bringen werden. Mit Craig MacTavish, dem umstrittenen General Manager Edmontons, sowie Jarmo Kekäläinen, seinem Antipoden bei Columbus, haben indes auch zwei wirkliche Entscheidungsträger den Weg in die Schweiz gefunden.

Auf der «Scouts»-Tribüne der Zuger Bossard-Arena redete Kekäläinen – Glatze, feiner Zwirn und blaue Socken – über seine Pionierrolle, das Schweizer Eishockey – und sein Intermezzo in Rapperswil.

Jarmo Kekäläinen, Sie haben 1994 ein kurzes Gastspiel in Rapperswil gegeben. Wie kam es dazu?

Jarmo Kekäläinen: Pekka Rautakallio ist ein guter Freund von mir. Er war damals gerade Trainer in Rapperswil und hat mich gebeten, zum Team zu stossen. Für den Fall, dass sich einer der anderen Ausländer verletzt. Gegen Chur erhielt ich eine Chance, wir gewannen. Aber ich spielte trotzdem nie mehr.

Sie haben die NHL in vielen Rollen geprägt: Spieler in Boston, Scout in Ottawa, Assistent des General Managers in St. Louis. Inzwischen sind Sie zum ersten europäischen General Manager in der Geschichte der Liga aufgestiegen. Steigt das Ansehen des europäischen Eishockeys?

Kekäläinen: Es sollte keine Rolle spielen, aus welcher Nation ein Spieler stammt. Mich interessiert das überhaupt nicht. Ich will nur wissen: Wie gut ist er? Was meine Stelle betrifft, kann ich nur sagen: Ich hoffe, es habe fachliche Gründe, dass nicht mehr Europäer eine General-Manager- oder Trainerstelle besetzen. Es hat lange gedauert, bis es in der NHL einen europäischen Spieler gab. Noch länger, bis ein Europäer Cheftrainer wurde. Die Stelle des General Managers war das letzte «Tabu». Ich hoffe, dass meine Anstellung die Türe für Europäer weiter aufgestossen hat. Es gibt viele fähige Leute hier.

Derzeit beträgt der Anteil der europäischen NHL-Spieler rund 30 Prozent. Wird die Anzahl weiter steigen?

Kekälainen: Ich rechne nicht damit, dass sich die Zahlen allzu stark verschieben. Kanada stellt nach wie vor mit Abstand am meisten Spieler, und ich denke, das wird auch so bleiben. Der Sport hat eine immense Bedeutung dort. Und in den USA ist die Entwicklung erfreulich, sogar in den nicht-traditionellen Hockeymärkten gibt es aufregende Programme und Spieler: Florida, Texas, Kalifornien.

Auch Columbus ist kein typischer Eishockey-Markt. Die Blue Jackets spielen erst seit 15 Jahren in der NHL und bekundeten zu Beginn Mühe mit der Verankerung, die Zuschauerzahlen waren tief, auch wegen der lange mässigen Resultate. Inzwischen scheint sich die Organisation auf dem richtigen Weg zu befinden.

Kekäläinen: Sie sagen es korrekt – wir sind auf dem richtigen Weg, dieser ist aber noch sehr weit. Wir stellen momentan das viertjüngste Team der NHL, wir haben einen jungen Mannschaftskern. Das stimmt positiv, aber es braucht auch Geduld.

In der NHL gewinnen analytische Statistiken stark an Einfluss, es wird inzwischen alles vermessen und erfasst. Wie wichtig sind die Statistiken von Corsi und Fenwick für Sie?

Kekäläinen: Statistiken sind ein wichtiges Hilfsmittel, aber sie erzählen nicht immer die ganze Wahrheit. Ich habe die feste Überzeugung, dass die Instinkte eines Spielers mit am wichtigsten bei der Evaluation seines Leistungsvermögens sind. Instinkte lassen sich nicht immer in Zahlen messen.

Ende Juni findet in Florida der NHL-Draft statt. Gibt es in Ihren Augen im Schweizer U-18-Team Spieler, die herausstechen?

Kekäläinen: Siegenthaler und Malgin werden nicht umsonst überall hoch eingeschätzt. Sie verfügen beide über viel Talent. Malgin ist nicht besonders gross, aber er ist fraglos begabt.

Wie erleben Sie die Entwicklung des Schweizer Eishockeys generell?

Kekäläinen: Es ist beeindruckend, welche Fortschritte erzielt wurden. Die Schweiz muss sich vor keiner Nation in Europa verstecken. Ich habe mir einige der Partien zwischen Zürich und Davos im Stadion angesehen und war beeindruckt vom Niveau. Und dann stellt die Schweiz ja viele tolle NHL-Profis. Nehmen Sie nur Roman Josi: was für ein grandioser Verteidiger!

Sie arbeiten immer wieder für das finnische Nationalteam. Der EV Zug hat mit Jarkko Immonen für die nächste Saison einen langjährigen finnischen Nationalspieler verpflichtet. Was halten Sie von ihm?

Kekäläinen: Ich habe das Privileg, ihn persönlich kennen gelernt zu haben. Ein feiner Mensch, toller Teamkollege und herausragender Eishockeyspieler. Er ist weit gereist und hatte bisher in jeder Liga Erfolg, egal ob KHL oder Finnland. Ich habe keine Zweifel, dass das auch in Zug der Fall sein wird.

Interview Nicola Berger


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