Das Pokerspiel hat begonnen

EISHOCKEY ⋅ Die WM 2017 wird unabhängig vom Ausgang des heutigen Viertelfinals gegen Schweden (20.15, SRF 2) nachhaltigen Einfluss auf das Schweizer Hockey haben. Was passiert mit dem Vertrag von Patrick Fischer?
18. Mai 2017, 08:07

Klaus Zaugg, Paris

sport@luzernerzeitung.ch

Verträge sind nur Buchstaben auf einem Stück Papier. Und doch spielen sie gerade rund um das Schweizer Nationalteam eine nicht zu unterschätzende Rolle. Eine Revolution anzuzetteln, ist eine Sache. Nachhaltige Veränderungen herbeizuführen, eine andere. Ralph Kruegers «defensive Revolution» ab 1998 führte nur zu einer höheren Wertschätzung der Nationalmannschaft, zu einer neuen Ära, weil sein Vertrag im Sommer 2000 vorzeitig um sage und schreibe fünf Jahre bis 2006 verlängert wurde. Er nutzte die Euphorie nach dem «Wunder von St. Petersburg» (3:2-Sieg gegen Russland), um seine Position zu festigen. Die Kritik war damals heftig. Aber ohne diesen langfristigen Vertrag wäre er 2002 gefeuert worden. Erst die Vertragsdauer machte ihn «unentlassbar» und ermöglichte es ihm, seine Mission zu einem guten Ende zu bringen. Er blieb bis zum olympischen Turnier von 2010.

Patrick Fischers Vertrag läuft bis und mit der WM 2018. Auch er hat eine Revolution angezettelt, auch er hat eine WM, die nach einer Niederlage gegen Frankreich zu scheitern drohte wie 2000 in St. Petersburg, auf wundersame Weise in einen Erfolg verwandelt. Noch steht diese «offensive Revolution» auf dünnem Eis. Nur wenn sich Fischer langfristig durchsetzt, bekommt die Nationalmannschaft wieder die Bedeutung, die ihr gebührt. Die Silber-WM von 2013 hatte fast keine verbandspolitischen Auswirkungen gehabt. Dem grantigen «Schmirgelpapier-Kommunikator» Sean Simpson fehlte das Charisma, um den Erfolg zum Wohle der Nationalmannschaft zu nutzen. Verbands-General Florian Kohler musste noch kürzlich einräumen: «Der Verband ist das Dienstleistungszentrum der Klubs.» Der Nationalmannschaft blieb nur der Platz am Katzentisch.

Fischer geniesst viel Goodwill

Das ändert sich nun. Mit dem Zuger Fischer hat der Verband erstmals seit Krueger wieder einen charismatischen «Posterboy», der es versteht, die Nationalmannschaft zu verkaufen. Wünsche von Simpson und seinem Nachfolger Glen Hanlon zu ignorieren, war für die Klubs einfach. Bei Fischer wird es schwieriger sein. Sein Goodwill in der Öffentlichkeit ist – unabhängig vom Ausgang des heutigen Viertelfinals gegen Schweden – gross. Auch bewährte Hockey-Machiavellisten wie Zürichs Peter Zahner und Berns Marc Lüthi werden die Interessen des Nationaltrainers nicht mehr einfach übergehen können. Mit Fischer entsteht in Zug ein Hockey-Machtzentrum.

Eigentlich müsste Verbandsdirektor Kohler, um seinen Nationaltrainer und damit die Nationalmannschaft nachhaltig zu stärken, den Vertrag vorzeitig um fünf Jahre bis 2023 verlängern – so wie es im Sommer 2000 der damalige Verbandsdirektor Peter Zahner mit Krueger getan hat. Kohler hatte den Mut, den gescheiterten Klubtrainer Fischer zum Nationaltrainer zu machen. Aber nun mag er nicht auch noch eine revolutionäre Vertragsverlängerung vornehmen. Er sagt: «Wir stehen nicht unter Druck. Der Vertrag mit Patrick Fischer läuft bis Ende der nächsten Saison. Wer werden voraussichtlich zwischen den Olympischen Spielen und der WM 2018 entsprechende Gespräche führen.»

Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Zuger Daniel Giger ist der vielleicht cleverste Kulissenschieber des Schweizer Hockeys. Er ist Fischers Berater, die beiden stürmten einst in Zug zeitweise in der gleichen Linie. Müsste er nicht alles daransetzen, die Euphorie von Paris für eine vorzeitige Vertragsverlängerung zu nutzen? Er sagt: «Wir sind nicht im Stress.» Und fügt, in Erinnerung an Kruegers Situation nach der WM 2000 in St. Petersburg, an: «St. Petersburg wäre auch was für Patrick Fischer.» Also doch. Das grosse Pokerspiel hat begonnen. Dass Fischer in der russischen Liga bei St. Petersburg ein Thema werden könnte, dort, wo er kurzzeitig auch als Spieler war, ist mehr als nur ein Bluff im Pokerspiel.

 

WM. Viertelfinals. In Köln. Heute, 16.15: USA – Finnland. – 20.15: Kanada – Deutschland. – In Paris. 16.15: Russland – Tschechien. – 20.15: Schweiz – Schweden (SRF 2).


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