Eishockey: Paris 1968, Paris 2017 - doppelte Revolution

ANALYSE ⋅ LZ-Sportreporter Klaus Zaugg zur Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft an der WM.
16. Mai 2017, 08:06

Die Schweiz steht bei der WM in den Viertelfinals. Wie weit sie bei dieser WM noch kommt, ist für die Beurteilung aber nicht mehr wichtig. Diese WM 2017 hat so oder so einen besonderen Platz in der Geschichte.

In Paris nahm im Mai 1968 eine Revolution ihren Anfang, die unsere Gesellschaft verändert hat. Nun spricht vieles dafür, dass im Mai 2017 in Paris eine Revolution Fahrt aufgenommen hat, die unser Hockey weiterbringen wird. Mehr noch als bei der Silber-WM 2013 haben die Schweizer hier ihren eigenen Stil entwickelt und erfolgreich umgesetzt. Ja, Patrick Fischer ist ein «Branding» gelungen. Das Wort steht für die Entwicklung einer Marke. Die Schweizer werden auch nach dieser WM noch nicht auf Augenhöhe mit den Grossen (Kanada, USA, Russland, Schweden, Finnland, Tschechien) stehen. Aber sie unterscheiden sich nun von allen vermeintlich «Kleinen», von Norwegen, Dänemark, Lettland und Co. Sie sind als Einzige dazu in der Lage, in jedem Spiel jeden Gegner zu besiegen – und noch immer gegen jeden zu verlieren. Weil sie ihren ganz eigenen Stil entwickelt haben, der drauf und dran ist, auf Weltniveau zu einem Markenzeichen zu werden. Patrick Fischer hat das Lauf- und Tempohockey aus der Liga auf die Nationalmannschaft übertragen. Damit ist er vor einem Jahr in Moskau und im letzten Herbst beim Deutschland-Cup grandios gescheitert. Erst jetzt ist es ihm in Paris im Laufe des Turniers mit Glück gelungen, dieses «Pausenplatz-Hockey» zu strukturieren, zu ordnen und tauglich für die WM zu machen. Es ist jenes Glück, das die Hockey-Götter ihren Lieblingen gewähren.

Die Frage ist nun, ob sich diese Revolution so wie die «68er-Bewegung» durchsetzen wird– oder ob es noch einmal einen Rückfall in die alte Ordnung und Langeweile geben wird. Die Chancen auf ein Gelingen sind gar nicht einmal so schlecht. Denn Patrick Fischer ist ein grosser, charismatischer Kommunikator. Mindestens so sehr Politiker wie Bandengeneral. Er versteht es, sein Programm, seine Revolution zu verkaufen, die in Lugano im Alltag des Klubhockeys noch kläglich gescheitert ist. Mit ihrem riskanten Vorwärtsstil haben die Schweizer bisher in Paris in jeder Partie gepunktet, auch gegen die beiden Vorjahresfinalisten Kanada und Finnland. Aber zugleich gegen Absteiger Slowenien einen Punkt abgegeben. Einst waren die WM-Partien der Schweizer die langweiligsten. Jetzt sind es die besten. Dramen, in atemberaubendem Tempo gespielt. Noch ist dieses «Energie- und Pausenplatzhockey» fragil. Weil wir in Paris nicht die Weltklasseverteidiger haben, um das Spiel in Über- und Unterzahl zu ordnen. Mit Roman Josi wären wir wohl sichere Medaillen-Anwärter. Aber es gibt keinen zweiten und auch nicht einen nächsten Roman Josi.

Wenn uns die Hockey-Götter gnädig sind, hat in diesen Tagen in Paris eine Geschichte begonnen, die im nächsten Februar mit ewigem olympischen Ruhm gekrönt werden kann. Zum ersten Mal seit der Eroberung der NHL sind die Schweizer hier in Paris ohne NHL-Profis in den Viertelfinal gekommen. Denis Malgin, der Einzige, der diese Saison regelmässig in der NHL gespielt hat, sass gegen Finnland sogar auf der Tribüne. Die NHL wird ihre Stars für das olympische Turnier nicht freigeben. Die Leistungsstärke der Schweizer wird durch diesen «Olympia-Boykott» im Vergleich zu Paris nicht beeinträchtigt – die der Grossen hingegen schon. Wir werden deshalb 2018 so grosse Chancen auf eine Olympia-Medaille haben wie seit 1948 nie mehr. Aber am Ende des Tages steht die Wahrheit oben auf der Resultatanzeige. Nur wenn es Fischer gelingt, Paris 2017 beim olympischen Turnier zu bestätigen, kann Paris 2017 auf unser Hockey vielleicht ähnliche Auswirkungen haben wie Paris 1968 im richtigen Leben.

Klaus Zaugg, Sportreporter

sport@luzernerzeitung.ch


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