Analyse

Zum Medaillenanwärter reicht es noch nicht

Klaus Zaug zur aktuellen Lage der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft.
13. November 2017, 07:50

Stell dir vor, es wird olympisches Eishockey gespielt, und kein Zuger fährt hin. Ist dieses Szenario nach dem Karalaja-Cup denkbar? Auf den ersten Blick könnte es tatsächlich so kommen. Kein Zuger war in Helsinki gegen Tschechien (2:3) und Russland (2:6) dabei. Aber es ist erst einmal die besondere Ausgangslage für dieses Turnier, die die Zuger an den Katzentisch der Nationalmannschaft gesetzt hat: Da sie am Dienstagabend noch in der Champions Hockey League engagiert waren, sind Raphael Diaz, Reto Suri und Lino Martschini nur für die erste Partie vom Mittwoch in Biel aufgeboten worden.

Die olympische Wetterprognose ist für Raphael Diaz und Reto Suri aber weiterhin recht heiter. Beide haben sich bei Titelturnieren bereits bewährt, sind Silber-Helden von 2013 und gehörten zum WM-Team von 2017. Suri hatte zwar in Patrick Fischers erstem WM-Team von 2016 keinen Platz mehr, spielte bei der WM 2017 aber seine Rolle als Ergänzungsspieler so überzeugend, dass er Olympiakandidat bleibt. Martschinis olympische Chancen tendieren hingegen gegen null – obwohl er gegen Kanada ein Tor vorbereitet hat. Er ist von Fischer bereits 2016 bei der WM gewogen und für weitere Titelturniere als zu leicht befunden worden.

Der Nationaltrainer lässt sich nicht auf die Äste einer Einzelkritik hinaus. Immerhin kündigt er an, dass beim Spengler-Cup zwei neue Torhüter eingesetzt werden. Das könnte die Chance für Zugs Tobias Stephan sein, sich als Nummer zwei hinter Leonardo Genoni aufzudrängen. Es wäre seine dritte olympische Nomination.

So oder so werden die Zuger beim olympischen Abenteuer keine zentrale Rolle spielen. Die Zielsetzung ist olympischer Ruhm. Alle Teams müssen ohne NHL-Profis auskommen. Eine «Jahrhundertchance» der Schweiz! Oder doch nicht? Beim Karjala-Cup sind die Schweizer gegen Kanada während 30, gegen Tschechien während 25 und gegen Russland während 40 Minuten wie ein Medaillenanwärter aufgetreten. So reicht es bei weitem nicht. Gegen Russland gab es sogar einen Rückfall ins «Pausenplatz-Hockey»: Die Russen machten im Schlussdrittel aus einen 1:2 ein 6:2. 0:5 im letzten Drittel! So hoch hat die Schweiz in der Neuzeit noch nie einen Schlussabschnitt verloren. Aber traditionell sind im Herbst die Probleme mit der Anpassung an die internationale Regelauslegung und an internationales Tempo am grössten.

Letzte Saison setzte es beim Deutschland-Cup im November gegen Kanada, Deutschland und die Slowakei drei Niederlagen ab. Anschliessend gewann die Schweiz bis zur WM in Paris 10 von 13 Partien. Es ist also noch zu früh für ein Urteil. Allerdings tritt der Ernstfall diesmal bereits im Februar beim olympischen Turnier ein. Als Vorbereitung bleibt nur noch der Spengler-Cup. Und dessen Testwert schränkt Fischer schon ein: «Das Tempo wird weniger hoch sein als beim Karjala-Cup.»

Kann er die Nationalmannschaft rechtzeitig olympia-tauglich machen? Es liegt nicht alles in seiner Macht. Die drei Partien haben nämlich wieder einmal bestätigt, dass wir nur mit einem Torhüter eine Chance haben, der gegen die Grossen mindestens 93 Prozent der Schüsse abzuwehren vermag. Dazu waren Jonas Hiller und Gilles Senn bei weitem nicht in der Lage. Wir werden mit Genoni stehen und fallen.

Der Karjala-Cup hat aber auch Mängel in der Vorbereitung und im Coaching offenbart. Die Spieler waren nicht auf die strengere Regelauslegung vorbereitet. Gegen Russland verlor Bandengeneral Fischer im Pulverdampf des Schlussdrittels die Übersicht, und Power- wie Boxplay waren ungenügend. Seine Fähigkeiten als Motivator und Kommunikator sind unbestritten. Die letzte WM hat gezeigt, dass die Zusammenarbeit mit Assistent und «Taktik­lehrer» Tommy Albelin in lichten Momenten so funktioniert wie einst jene zwischen Charismatiker Jürgen Klinsmann und Taktiker Jogi Löw bei der deutschen Nationalmannschaft. Aber nach wie vor fehlt Fischer die Akribie bei der Vorbereitung und die Führung der Mannschaft und die Übersicht an der Bande. Die Schweiz hat beim olympischen Turnier nur eine Chance, wenn alles stimmt. Die Torhüterleistung und das Coaching. Beim Karjala-Cup stimmte beides noch nicht.


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