Anschauungsunterricht in Orange

KOMMENTAR ⋅ Sportredaktor Turi Bucher über den EM-Sieg der Frauenfussballerinnen aus Holland.
07. August 2017, 05:01

Die Deutschen enttäuschten, die Französinnen schwächelten, die Schwedinnen und Norwegerinnen versagten – trotzdem: Die Niederlande sind dank eines dreiwöchigen Offensivspektakels hochverdienter Europameister im Frauenfussball.

Die Niederländer schafften es (mit den Männern) zweimal in den WM-Final (1974 und 1978) und prägten mit Ajax Amsterdam sowie Johan Cruyff (als Spieler und Trainer) zumindest auf europäischer Ebene jahrzehntelang den taktischen und technischen Fussball. Zuletzt mussten die Oranjes vor allem leiden: Die EM in Frankreich fand ohne sie statt, auch die WM in Russland könnte ohne Holland stattfinden. Nun gibt es für den Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond (Königlicher Niederländischer Fussballbund) endlich einen Titel zu feiern. Dass es aber ausgerechnet die Frauen sind, die diesen Pokal holten, birgt nur auf den ersten Blick Ironie: Denn die Niederländerinnen zelebrierten an ihrer Heim-EM genau jenen «Voetbal totaal», wie er seinerzeit von Cruyff und Trainerlegende Rinus Michels proklamiert worden war. Ballbesitz ist alles, das Verteidigen beginnt mit dem Angreifen: «Wenn wir den Ball haben, hat ihn der Gegner nicht, und dann können wir auch kein Tor kassieren», hat Cruyff einst philosophiert.

Mit technisch begabten und clever auftretenden Spielerinnen wie Daniëlle van de Donk, Lieke Martens, Jackie Groenen, Shanice van de Sanden oder Vivianne Miedema hatte die Frauen-Elftal an der EM 2017 die Mittel für ein solches Offensivspektakel vor eigenem Publikum.

In Holland dürfen die Juniorinnen bis zum Alter von 17 Jahren in den Knabenteams mitspielen. So können sie sich Steh- und Durchsetzungsvermögen aneignen. Das war der Knackpunkt im Halbfinal, als die Niederländerinnen über ihre technischen und taktischen Fähigkeiten hinaus noch einen Schritt weiter gingen, sich dem teilweise groben Kraftfussball der Engländerinnen stellten und das Duell auch im kämpferischen Bereich auf Augenhöhe austrugen.

Und wo steht die Schweiz im Frauenfussball? Technisch nicht so stark wie Holland, taktisch nicht so clever wie Dänemark, kämpferisch nicht so druckvoll wie England, auf der Torlinie nicht so stilsicher wie Österreich. Druckvoll sind die Schweizerinnen eigentlich erst nach der EM mit ihren Forderungen an den Verband aufgetreten. Mit Verlaub: Als Nächstes stehen für Voss-Tecklenburg, Bachmann, Dickenmann und Co. viele Stunden Anschauungsunterricht in Orange auf dem Programm. Das Videostudium aller EM-Partien der Holländerinnen muss für die Schweizerinnen auf dem Weg an die WM 2019 in Frankreich im Pflichtenheft an erster Stelle stehen.

Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch


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