«Frauenfussball ist auf dem Höhepunkt»

EUROPAMEISTERSCHAFT ⋅ Während Kicken für Frauen einst gar verboten war, gibt es heute so viele lizenzierte Spielerinnen wie nie zuvor. Ein Historiker und eine Sportpädagogin erklären dieses Phänomen.
15. Juli 2017, 10:03

Yasmin Kunz

Morgen beginnen die Fussballeuropameisterschaften der Frauen in den Niederlanden. Erstmals am Turnier der besten 16 europäischen Teams mit dabei: die Schweizer Nationalmannschaft.

Heute ist es selbstverständlich, dass auch Mädchen und Frauen in Fussballklubs gehen. Zahlen der lizenzierten Spielerinnen bestätigen die immer grössere Beliebtheit von Frauenfussball. Trotz steigender Lizenzzahlen: Noch immer handelt es sich «um eine zu wenig beachtete Sportart», sagt Michael Jucker, Historiker mit Schwerpunkt Sportgeschichte an der Universität Luzern. Im Gegensatz zu den Anfängen ist man heute allerdings schon ein paar Schritte weiter.

Einst erlaubt, dann wieder verboten

Ein Blick zurück: 1894 wurde in England der erste Fussballklub für Frauen gegründet. Es fanden Spiele statt, die mehrere tausend Zuschauer anlockten. Doch schon wenige Jahre später, 1921, wurde diese Sportart im Vereinigten Königreich für Frauen wieder verboten. Erst 1971 durften Frauen in England wieder offiziell kicken. Ähnlich war es in Deutschland: Auch dort gab es von 1955 bis 1970 ein Frauenfussballverbot. In der Schweiz wird der Frauenfussball erstmals 1923 erwähnt. Danach blieb es bis in die 1960er-Jahre ruhig. Ein offizielles Fussballverbot gab es nicht. Dennoch: Der ersten lizenzierten Fussballerin Madeleine Boll wurde die ausgestellte Lizenz Mitte der 60er-Jahre wieder entzogen. Begründung: Nur männliche Spieler sind dazu berechtigt.

Wie kommt es, dass Ende 19. Jahrhundert Fussball für Frauen erlaubt und dann von Anfang bis Mitte 20. Jahrhundert wieder verboten war? Michael Jucker sagt zu dieser Entwicklung: «Grundsätzlich ist es so, dass dank der Emanzipation die Frauen Fussball spielen durften. Bei diesem Emanzipationsprozess handelt es sich aber nicht um eine lineare Angelegenheit.» So seien kurz vor dem Zweiten Weltkrieg die Emanzipationsbestrebungen ausgebremst worden. «Von Männern, die politisch und gesellschaftlich die Deutungshoheit innehatten.»

Für den Rückschritt gibt es mehrere Gründe, wie Jucker weiss. Einer davon ist die damals vorherrschende Vorstellung vom weiblichen Körper. In der Wahrnehmung der Gesellschaft war dieser «insbesondere zur Reproduktion gedacht». Zudem sollten die Frauen sich um den Haushalt und ihre Ehemänner sorgen. Ganz im Gegensatz zur eher liberalen Phase der 1920er-Jahre waren die Jahre danach also deutlich konservativer geprägt. Hinzugekommen sei auch der medizinische Glaube, Sport schade der Fruchtbarkeit der Frau, so Jucker. Gleichzeitig wusste man auch, dass Bewegung die Gesundheit fördert. Das wollte man den Frauen nicht verwehren: Daher sollten sie Gymnastik machen. «Dieser Sport entsprach den gängigen Rollenbildern: Er hatte keinen Wettkampfcharakter und war nicht kampfbetont wie der Fussball.» Ebenfalls wichtig – für die Männer: Sie bekamen keine Konkurrenz. «Die Männer hatten bisweilen Angst, dass Frauen in ihre Domänen eindringen.»

In der Schweiz entstanden im Zuge der Frauenbewegung Ende der 1960er-Jahre die ersten Frauenfussballvereine. Interessant: Ganz vorne mit dabei waren die Welschen. Jucker: «Die Westschweiz ist allgemein etwas progressiver als etwa die Zentralschweiz.» Er weist zudem darauf hin, dass auch das Bündnerland und die Stadt St. Gallen zu den Frühstartern gehörten. Der FC St. Gallen ist der älteste in der obersten Liga noch existierende Verein. Gegründet wurde er 1879, Frauen waren ab 1970 zugelassen.

In der Westschweiz kam Frauenfussball früher auf

Jucker: «Sowohl der Kanton Genf als auch der Kanton Graubünden verfügten über internationale Internate mit englischen Schülern.» Und weil der moderne Fussball ursprünglich aus England kommt, hatte diese Sportart in der Westschweiz früher Fuss gefasst als beispielsweise in der Innerschweiz, wo eher urchige Sportarten angesagt waren. Dennoch: Die Zentralschweiz punkto Frauensport als rückständig zu bezeichnen, wäre falsch. Denn schon im Mittelalter waren Frauen im Schützenwesen zugelassen. Es sollten jedoch noch Jahre vergehen, bis auch die Frauen ihre erste Weltmeisterschaft durchführen konnten. Das war im Jahr 1991 in China. «Damit ist die Entwicklung aber noch nicht beendet», sagt Jucker. Dem pflichtet auch Marianne Meier, Historikerin und Sportpädagogin an der Universität Bern, bei. «Obwohl sich der Frauenfussball derzeit auf einem Höhepunkt befindet, gibt es noch Luft nach oben.» Gemäss Meier könnten die Vereins- und Verbandsstrukturen noch optimiert werden. Will heissen: Man müsste beispielsweise mehr finanzielle Mittel in die Schweizer Ligen investieren. «Man kann nicht nur die Nati fördern, sondern muss auch die Regionalverbände unterstützen, die den Nachwuchs trainieren.»

Dass Frauenfussball heute in der Gesellschaft mehr Beachtung findet, erklärt Meier damit: «Mit Martina Voss-Tecklenburg haben wir eine vierfache Europameisterin als Nationaltrainerin, die für ihre Mannschaft einsteht, den Sport mit Herzblut vermittelt und auch professionell an die Öffentlichkeit tritt.» Des Weiteren bekäme Frauenfussball seit der ersten Live-Übertragung mehr Aufmerksamkeit. Dies war im Schweizer Fernsehen erstmals 2014 bei der WM in Kanada der Fall. Die mediale Berichterstattung sei für die Etablierung eines Sports von zentraler Bedeutung, so Meier. Ferner hätten auch Sportlehrpersonen an den Schulen dazu beigetragen, Fussball für Mädchen zugänglicher zu machen.

Das Ziel, dereinst gleichwertig zu sein wie die Fussballmänner – mit gleichem Ansehen, gleichem Lohn, gleichen Bedingungen –, hat man nicht. «Wir müssen Männer- und Frauenfussball nicht vergleichen. Beide stehen für sich und verkörpern ihre eigenen Werte.» Es dürfe aber keine derart grosse Diskrepanz zwischen den Geschlechtern geben wie etwa beim Lohn. Meier, einst selbst aktive Fussballerin, vermutet, dass die EM dem Schweizer Frauenfussball durch die Medienpräsenz einen erneuten Schub verschafft.


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