Der Kampf um die Spielmacherrolle

FUSSBALL ⋅ Filip Ugrinic (17) hat beim 2:1-Sieg des FC Luzern in Thun anstelle von Markus Neumayr (30) im zentralen Mittelfeld gespielt. Durfte sich Neumayr für einmal ausruhen, oder war das schon so etwas wie eine Ablösung auf der Zehner-Position?

28. November 2016, 05:00

Die Überraschung am Samstagabend vor dem Luzerner Gastspiel in Thun war gross: Spielmacher Markus Neumayr (30) musste auf der Ersatzbank Platz nehmen. An seiner Stelle spielte Filip Ugrinic (17) im zentralen Mittelfeld neben Hekuran Kryeziu (23). Nach insgesamt vier Teileinsätzen in der Super League seit dem Debüt am 15. Oktober in Basel (0:3) stand Ugrinic erstmals in der FCL-Anfangsformation.

Trainer Markus Babbel, Assistenzcoach Patrick Rahmen und Sportkoordinator Remo Gaugler erklärten unisono, dass sie dem müden Neumayr nach zuletzt 13 Partien hintereinander eine Pause gönnten. Gegen Thun wurde er erst in der 88. Minute eingewechselt. Rahmen sagte nach dem 2:1-Sieg: «Markus Neumayr hat in allen Spielen dieser Saison hohe Laufwerte erreicht, seinem Körper tat es sicher gut, einmal auszusetzen.» Bis zu 12 Kilometer war der Aufbauer durchschnittlich pro durchgespielten Match gelaufen.

Neumayr mit guter Bilanz beim FC Luzern

Ein weiterer Blick auf die Statistik zeigt, dass der technisch versierte Deutsche beim FCL nach wie vor eine positive persönliche Skorer-Bilanz hat: In dieser Saison schoss er in 14 Spielen vier Tore und gab fünf Assists. Seit der Ankunft in Luzern zu Beginn des Jahres 2016 kommt der einstige Nachwuchsprofi von Manchester United in total 26 Partien auf neun Treffer.

Im Vergleich dazu sind die Zahlen von Ugrinic natürlich bescheiden: Mit den 90 Minuten von Thun hat das FCL-Eigen­gewächs jetzt 173 Minuten in der Super League gespielt. Während er noch kein Tor erzielt hat, ist dem Nachwuchsmann gegen die Berner Oberländer der erste Assist gelungen. Die Freistossflanke schlug er wie ein Routinier, für Tomislav Puljic eine ideale Vorlage zum Kopftor. Auch die Eckbälle von Ugrinic durften sich sehen lassen. Schon eine Woche zuvor, als der Schweiz-Serbe gegen Lugano für Standardspezialist Neumayr eingewechselt worden war, schlug er den Corner, der via Claudio Lustenberger von Puljic zum späten 2:1-Siegtor verwertet wurde.

Weil Ugrinic einen sehr direkten Zug aufs gegnerische Tor hat, über eine herausragende Pass­genauigkeit verfügt und mit einem robusten Körper in die Zweikämpfe steigt, hat er punkto Dynamik und physische Präsenz Vorteile gegenüber von Neumayr. Gerade wenn kampfbetonte Begegnungen anstehen, scheint Ugrinic in der bisherigen Verfassung bessere Karten für einen Startplatz zu besitzen.

Neumayr und Ugrinic im Duo-Pack vorstellbar

Ob der junge Stadtluzerner jetzt schon Neumayr als Spielmacher ablöst, ist aber doch eher unwahrscheinlich. Co-Trainer Rahmen kann sich auch so etwas wie einen Kompromiss zwischen dem Erfahrenen und dem Lehrling vorstellen: «Neumayr und Ugrinic könnten auch miteinander spielen.» Dann müsste allerdings der formstarke Kryeziu über die Klinge springen.

Rahmen, der frühere Assistenztrainer beim Hamburger SV und U-21-Coach des FC Basel, ist sowieso dafür besorgt, dass der Hype um Ugrinic nicht zu gross wird: «Wir begleiten Filip, er kann kleine Schritte machen.»

Das tönt jedoch irgendwie eigenartig, wenn man dessen grosse Fortschritte sieht und die Meinungen der klubexternen Experten hört. Dort sprechen alle ausnahmslos vom Riesenpotenzial des Jungprofis. So schwärmt der frühere FCL-Nachwuchschef Andy Egli von seinem Ex-Schützling: «Filip Ugrinic ist ein echter Strassenfussballer mit einem ausgeprägten Instinkt. Er will den Ball immer auf möglichst direktem Weg ins gegnerische Tor befördern.»

Der sonst sehr zugängliche und offene Neumayr lehnte gestern unsere Interviewanfrage ab. In seinem Namen antwortete FCL-Kommunikationschef Max Fischer: «Markus Neumayr will sich auf die letzten beiden Spiele der Vorrunde fokussieren – und dann ab Januar wieder mit den Medien sprechen.»

Ugrinic würde mit den Journalisten reden, hat aber von Cheftrainer Markus Babbel ein vorläufiges Interviewverbot bekommen. Daran muss sich selbst das Schweizer Fernsehen SRF halten.

Klar ist: Der Youngster wird sich wie Neumayr vornehmen, in den letzten zwei Vorrundenspielen Topleistungen zu zeigen. Babbel und dem FCL kann dies nur recht sein.

Vertrag noch nicht unterschrieben

Ursprünglich hätten Filip Ugrinic und dessen Eltern den Profivertrag mit dem FC Luzern am letzten Freitag unterzeichnen sollen. Doch muss etwas dazwischengekommen sein, dass sich der 17-jährige Teenager und der Innerschweizer Super-League-Klub noch nicht geeinigt haben. FCL-Sportkoordinator Remo Gaugler beruhigt besorgte Fans: «Ich bin in sehr angenehmen und konstruktiven Gesprächen mit Filip und seiner Familie.»

Der erste Profi-Kontrakt des hoffnungsvollen Nachwuchsmannes dürfte bald ausgehandelt sein. Insider rechnen mit einem Vertrag über dreieinhalb Jahre bis 2020. In der Verfassung, in der sich Ugrinic bisher in der Super League präsentiert hat, ist er zusammen mit dem derzeit verletzten Nicolas Haas (20) das Gesicht der neuen FCL-Generation.

Ugrinic ist fest integriert im Verein, er macht ein Praktikum auf der FCL-Geschäftsstelle in der Swissporarena und besucht die Frei’s Handelsschule. 

Daniel Wyrsch


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