Carlos Bernegger: «Ich habe ein ruhiges Gewissen»

FUSSBALL ⋅ Carlos Bernegger (48) empfängt morgen (17.45) als GC-Trainer seinen Ex-Verein FCL. Der Schweiz-Argentinier lebt in Luzern. Diese Stadt bringt den leidenschaftlichen Coach zum Schwärmen.
21. April 2017, 05:00

Interview: Daniel Wyrsch

daniel.wyrsch@luzernerzeitung.ch

Carlos Bernegger, mit Ihnen assoziiert man die Bilder eines feurigen Motivators und gerade jetzt des Feuerwehrmanns, der bereits zum vierten Mal als Interimstrainer bei GC einspringt. Wünschen Sie sich diesen Ruf in der Öffentlichkeit?

Ich weiss, die Medien wollen immer eine Etikettierung. Trainer ist mein Beruf, ich übe diesen Job gerne aus. Es gibt Phasen, in denen ein Team einen bestimmten Trainertyp braucht. Mit dem Alter wird man vielleicht ruhiger und gelassener. Ich bin in gewissen Situationen hoffentlich weniger empfindlich als früher.

Im Vergleich zu den meisten anderen Trainern in der Schweiz sind Sie ein Vulkan.

Ich komme aus Argentinien, in Lateinamerika leben die Trainer ihren Job anders aus, das ist zum Teil unvorstellbar für die Leute hier. Ich weiss, dass ich mich etwas zurückhalten muss. Andererseits will ich zusammen mit den Spielern die emotionalen Momente einer Partie durchleben.

Nach der Entlassung bei Luzern bildeten Sie sich unter anderem bei Atletico Madrid weiter. Haben Sie sich mit Landsmann Diego Simeone besonders gut verstanden?

Bei Atletico ist vom Türsteher bis zum Materialwart jeder einzelne Mitarbeiter mit Leib und Seele ein Fussballangefressener. Vom ersten Blickkontakt an hatte sich dort alles um unsere gemeinsame Leidenschaft Fussball gedreht. Nicht umsonst hat sich der Klub zum dritten Mal hintereinander für den Halbfinal der Champions League qualifiziert. Die Art von Simeone gefällt mir, er hat seine Mannschaft in Spanien neben Barcelona und Real Madrid an der Spitze etabliert.

In der Schweiz hatten Sie Luzern aus der Abstiegszone zurück in die Top 4 geführt. Dazu spielte das Team attraktiven Fussball. War der Umbruch vor der Schicksalsaison 2014/15 zu radikal?

Im Nachhinein würde ich einen derart schnellen Umbau des Kaders nicht mehr mitmachen. Elf Abgänge und neun Zuzüge waren schlicht zu viel, um in der Super League gleich wieder ein erfolgreiches Team zu formen. Von den neun Neuen mussten fünf sofort Stammspieler sein, das war sehr heftig und heikel. Als es dann nicht lief, kamen Zweifel auf. Dabei hätten wir Geduld gebraucht. Aber es war eine Erfahrung mehr. Ich war wohl zu blauäugig.

Das war der erste Job als Cheftrainer in der Super League.

Deshalb bin ich dem FC Luzern für immer dankbar. Ohne diese Chance in Luzern wäre ich wohl immer ein Ausbildner geblieben. Ressentiments bestehen keine gegenüber dem FCL. Die drei Phasen, die ich mit Luzern erlebte, haben mich enorm geprägt. Auf allen Ebenen: nicht nur im Beruf, sondern auch als Mensch.

Welche drei Phasen meinen Sie?

Zuerst schaffte ich mit dem Team den Ligaerhalt. Dann kam die Bestätigung in der Vorrunde der folgenden Saison als Zweiter hinter Basel, trotz dem beginnenden Umbruch beendeten wir die Saison schliesslich auf Platz 4 und erreichten das gesteckte Ziel. Die erwähnte Saison 2014/15 war die dritte Phase. Der radikale Umbruch brachte grossen Schaden und viele Missverständnisse.

Machen Sie dem damaligen Sportchef Alex Frei Vorwürfe?

Er war in einer Position, die für ihn ebenfalls neu war. So wie ich mitbekommen habe, musste er das Budget um 700 000 Franken reduzieren. Er versuchte, das Beste zu machen.

Wie schwer nahmen Sie und Ihre Familie die Entlassung?

Das war hart, vor allem, weil Luzern eine Stadt ist, die den Fussball lebt. Viele Freunde und Mitschüler unserer Kinder sind FCL-Fans. Auf einmal war es nicht mehr besonders lustig für meine Frau und die Kinder.

Seit vier Jahren leben Sie mit Ihrer Frau, Ihrem 14-jährigen Sohn Kevin und Ihrer 10-jährigen Tochter Sofia in Luzern. Dachten Sie nach der Entlassung nie an einen Wegzug, eine Flucht aus der Stadt?

Ich hatte für den Klub und die Mannschaft mein Bestes gegeben. Natürlich fragte ich mich später, was ich besser hätte machen können und wo meine Defizite lagen. Während meiner Zeit im Amt versuchte ich alles, um den FCL weiterzubringen. Darum habe ich ein ruhiges Gewissen. Meine Familie rückte in dieser Zeit noch enger zusammen. Die Kinder sind mittlerweile ein Stück weiter, um den Beruf des Vaters zu verstehen.

Wie erwähnt bildeten Sie sich in der Zeit ohne Job bei grossen Klubs weiter. Auf Ihrem WhatsApp-Account haben Sie dagegen ein Bild von sich als Radfahrer. Fuhren Sie oft Velo, unternehmen Sie bis heute auch mal andere Dinge?

Tatsächlich bin ich oft mit dem Rennvelo unterwegs gewesen. In Luzern hat es viele schöne Routen, die meistens am See entlangführen. Zudem habe ich wieder begonnen, Gitarre zu spielen. Ich singe dazu bekannte argentinische und italienische Lieder.

Gibt es bald eine CD des Künstlers Carlos B?

(lacht) Sobald es so weit ist, werde ich Ihnen eine CD schenken.

Das Spiel gegen Luzern findet morgen in Zürich statt, wollen Sie nächste Saison mit GC in die Swisspor-Arena kommen?

Erst Ende Saison besprechen wir, wie es bei GC weitergeht. Trotz den Siegen gegen YB und St. Gallen sowie acht Punkten Vorsprung aufs Schlusslicht Vaduz ist die Abstiegsgefahr nicht gebannt. Aber klar, im FCL-Stadion mit seiner tollen Atmosphäre würde ich gerne immer wieder spielen.

Vielleicht kehren Sie irgendwann zum FCL zurück.

Fussball ist nicht planbar. Als ich von GC zu Basel wechselte, dachte ich, ich arbeite nie wieder für GC. Sag niemals nie im Fussball.


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