«Wir müssen immer am Anschlag sein»

FUSSBALL ⋅ Der FC Luzern reist mit breiter Brust nach Thun, wo er heute, Samstag (17.45), gegen den Tabellenneunten spielt. FCL-Trainer Markus Babbel spricht nach fünf Pflichtspielen der Ungeschlagenheit in Serie von der Entwicklung einer Siegermentalität.

26. November 2016, 11:13

Markus Babbel, geniessen Sie diese fulminanten und von späten Toren gekrönten Schlussphasen wie in den letzten drei Spielen, oder würden Sie als Trainer einen sicheren Spielverlauf zu Ihren Gunsten bevorzugen?

Natürlich freue ich mich über diese wichtigen späten Tore, dank diesen haben wir gegen Lausanne, die Young Boys und Lugano sieben Punkte holen können. Die Jungs betreiben viel Aufwand, glauben bis zum Schluss daran. Diese Erfolgserlebnisse sind wichtig. Wir haben es ja schon anders erlebt. Als ich hierher kam, haben wir sehr viele Punkte gerade in der Schluss­phase verloren, weil wir nicht in der Lage waren, bis zum Schluss zu marschieren und den inneren Schweinehund zu überwinden.

Der FC Luzern besinnt sich auf sein Kämpferherz zurück.

Wenn man sieht, was für eine Mannschaft wir sind, dann wird klar: Wir sind keine Truppe, die mit 80 Prozent unseres Leistungsvermögens die Gegner schlagen kann. Also müssen wir immer am Anschlag sein. Deshalb hoffe ich, dass die Jungs verstehen, warum wir so akribisch arbeiten und nicht lockerlassen.

Bei Ihrer Ankunft vor zwei Jahren hat man gehofft, dass Sie das Bayern-Gen und die deutsche Siegermentalität mitbringen. Langsam glauben Beobachter, dass diese Mentalität in Luzern angekommen ist.

Wenn es so ist, dann ist das schön. Für die Trainerarbeit bin ich nicht allein zuständig. Wenn ich meine Trainerkollegen anschaue, dann könnte man meinen, dass die auch bei Bayern waren. Mein Assistent Patrick Rahmen hat vier Jahre beim Hamburger SV gearbeitet, vielleicht hat er seine Einstellung von dort. Michael Silberbauer war dänischer Nationalspieler, und Konditionstrainer Christian Schmidt hat Erfahrungen von Topvereinen in Frankreich mitnehmen können. Wir sprechen die gleiche Sprache, ziehen an einem Strang, das erleichtert meine Arbeit sehr.

Aber diesen Siegeswillen haben nicht alle Spieler?

Alle werden diesen unbedingten Willen nicht kriegen, dafür sind die Typen viel zu unterschiedlich. Man darf eines nicht vergessen: Beim Betrachten der Karrieren unserer Spieler wird klar: Die haben nicht auf dem höchsten Niveau gespielt und sind es nicht gewohnt, Woche für Woche Topleistungen zeigen zu müssen. Ich habe zu meiner Aktivzeit etwas anderes erlebt. Aber dieser Prozess geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen dahin kommen, dass der gesamte Verein so tickt, dass wir schon bei den Nachwuchsspielern beginnen.

Herrschte, als Sie mit zehn Jahren beim FC Bayern spielten, bereits Erfolgsdruck?

Wenn wir Zweiter wurden, war das schlecht. Aber das wurde im Verein so gelebt, es ist von allen so vermittelt worden. Ich schüttelte nur den Kopf, als es selbst in Deutschland hiess, dass die individuelle Ausbildung der Spieler wichtiger sei als der Erfolg. Das war Schwachsinn! Gewinnen zu müssen, ist auch ein Teil der Ausbildung. Die richtige Mentalität zu vermitteln, ist für mich ein ganz wichtiger Baustein einer Jugendausbildung neben den technischen, taktischen und physischen Bereichen. Auf den Platz zu gehen und gewinnen zu wollen, alles für den Sieg zu tun und sich zu ärgern, wenn es nicht funktioniert, das ist für mich die elementare Grundeinstellung.

Wie sieht es damit heute beim FCL aus?

Bis wir im ganzen Verein so weit sind, braucht es Jahre. Dieses Denken wird sich wahrscheinlich erst in einigen Jahren auszahlen. Die Ersten kommen jetzt schon, die haben das Gen bereits ganz gut eingeimpft, aber wir sind noch längst nicht am Ende.

Die talentierten Jungprofis wie Filip Ugrinic, João Oli­veira, Remo Arnold und der derzeit verletzte Nicolas Haas arbeiten oft länger auf dem Trainingsplatz, zeigen Willen.

Ja, fleissig sind sie. Trotzdem können wir noch mehr Siegeshunger entwickeln. Zum Beispiel müssen sie auch Trainingsspiele gewinnen wollen, sie dürfen nichts herschenken. Auch gegen einen übermächtigen Gegner müssen wir zwingend die Mentalität an den Tag legen, dass jede Partie erst gespielt werden muss.

Was halten Sie vom nächsten Gegner Thun?

Das ist ein schwieriger Gegner. Gegen Thun ist es ähnlich kompliziert zu spielen wie gegen Lugano – beide Teams haben ein gutes Umschaltspiel. Thun hat sich aus meiner Sicht spielerisch weiterentwickelt, auch wenn die Punkteausbeute diesen Eindruck noch nicht bestätigt hat. Zudem verteidigt das Team kompakt.

Wie gehen Ihre Spieler damit um, in Thun auf Kunstrasen zu spielen?

Das ist nicht ganz so einfach, obwohl wir die ganze Woche auf Kunstrasen trainiert haben. Ein Pflichtspiel ist natürlich etwas anderes als das Training. Wir müssen die Unterlage annehmen und sie als Ansporn nutzen. Eigentlich ist Kunstrasen für technisch beschlagene Spieler besser als Naturrasen, weil es auf der Plastikunterlage keine Ausreden gibt. Denn der Ball verspringt nur relativ selten. Wenn wir es schaffen, sauber zu spielen, ist der Kunstrasen für uns positiv.

Interview: Daniel Wyrsch


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