Frank ist die Nummer 2 in der Hierarchie

RAD ⋅ Der Nottwiler Mathias Frank (29) hat eine turbulente Saison hinter sich: Vater geworden, Tour de Suisse abgebrochen, Karriere-Highlight eingefahren. Wenn das nur alles wäre.

Eine Saison kann noch so seriös vorbereitet werden. Gewisse Faktoren sind schlicht nicht zu kontrollieren. Das erfuhr Mathias Frank in diesem Jahr einmal mehr. Der 29-Jährige winkt zwar ab. «Verrückt» würde er nicht sagen. «Aber zweifellos sehr ereignisreich», relativiert er. Als Teamleader des Schweizer Rennstalls IAM hatte er sich vieles vorgenommen für 2016. «Aber vieles ist nicht so gelaufen, wie ich mir es vorgestellt habe.» Sei es bei der Tour de Romandie oder bei der Tour de Suisse. Und nicht zuletzt bei der Tour de France, wo er im vergangenen Jahr Achter wurde und für das beste Schweizer Ergebnis seit dem Jahr 1999 (Alex Zülle) sorgte.

Franks erster Höhepunkt stand Anfang Mai mit der Tour de Romandie an. Er hatte es aufs Gesamtklassement abgesehen. Am Ende der Rundfahrt war er zwar erwartungsgemäss der beste Schweizer. Aber zufrieden konnte er mit dem 8. Rang nicht sein. 43 Sekunden Rückstand hatte er auf das Podest. Ein grober Fehler, ein «Anfängerfehler», wie er selbst sagt, ist ihm in der Königsetappe unterlaufen. Ohne Jacke ausgerüstet, machte er sich bei tiefen Temperaturen an die letzte Abfahrt. Unterkühlt konnte er beim Schlussanstieg nach Villars-sur-Ollon nicht mehr mithalten. Dieser Dämpfer Anfang Mai war aber schnell vergessen. Denn nur einen Tag nach der Tour de Romandie wurde Frank zum zweiten Mal Vater. Vor zwei Jahren kam seine Tochter während der Tour de Suisse auf die Welt. In diesem Jahr war das Timing für den Radprofi etwas günstiger.

Fortan wechselten sich Höhe- und Tiefpunkte ab. Nur wenige Wochen nach der Rundfahrt in der Westschweiz und dem Vaterglück wurde kommuniziert, was sich schon länger abgezeichnet hatte: Franks Team IAM Cycling soll sich bis Ende Jahr auflösen. Gründer und Besitzer Michel Thétaz, der Walliser Unternehmer, wollte für das Budget von 12 Millionen Franken nicht mehr alleine aufkommen. Die Suche nach einem Co-Sponsor verlief ohne Erfolg. Nach vier Saisons war Schluss. Frank konnte sich auf die Suche nach einem neuen Team machen.

Noch vor dem Tour-de-Suisse-Start war das Aus für die Westschweizer Equipe also besiegelt. «Natürlich war das eine schwierige Situation», sagt Frank rückblickend. «Aber diese Unsicherheiten waren wohl für andere Leute grösser als für mich.» Mit seinen Erfolgen und seinem «guten Agenten» musste er sich weniger Sorgen um die Zukunft machen als andere Fahrer.

Bronchitis zum Start in die Tour de Suisse

Es war nicht die ungewisse Situation, die Frank bei der Tour de Suisse im Weg stand. Sondern eine Bronchitis. Am nasskalten Auftaktwochenende in Baar schien der ohnehin schon schmale Frank noch ein wenig fragiler. Eigentlich wollte er die Schweizer Landesrundfahrt gewinnen, daraus machte der Gesamtzweite von 2014 nie ein Geheimnis. Und in diesem Jahr wäre alles angerichtet gewesen. Die dritte Etappe führte an sämtlichen bisherigen Wohnorten des gebürtigen Roggliswilers vorbei. Zwei Tage nach dem Kurs um den Sempachersee brach er die Landesrundfahrt definitiv ab. Es sollte vermieden werden, dass die Krankheit noch weiter in die Saison geschleift wird.

Im Juli wiederholte sich das Szenario. Bei der Tour de France musste Frank wieder aufgeben. Erneut war es eine Krankheit, die ihn aus dem Rennen nahm. Diesmal machten ihm Magenprobleme zu schaffen. Nach der 14. Etappe lag er bereits 44 Minuten hinter dem Leader. «Bei unserer Sportart gehen wir andauernd ans Limit. Man muss damit umgehen können, dass es auf diesem schmalen Grat zu Ausfällen kommt», sagt Frank.

Was Mathias Frank wohl zum Zeitpunkt seiner Aufgabe bei der Tour de France schon wusste, wurde Anfang August offizialisiert: Künftig fährt er für das französische Team AG2R. Dort, wo der diesjährige Tour-Zweite Romain Bardet als Leader fungiert. Frank macht einen zufriedenen Eindruck. Nicht mehr andauernd an vorderster Front einer Mannschaft zu stehen, kommt ihm gerade recht. «Natürlich fällt da ein gewisser Druck ab», sagt er. Viel Verantwortung hatte er bei IAM zu tragen. Nun soll er für Bardet als Helfer in den Bergen eingesetzt werden. «In den grossen Rennen bin ich in der Helferrolle für Romain. In den kleineren Rennen wird es aber Möglichkeiten für mich geben.» Für Bardet zählt vor allem die Tour. An zweiter Stelle der internen Hierarchie steht der Luzerner.

Triumphaler Tagessieg an der Vuelta

Die Zukunft – zumindest für die Vertragsdauer von zwei Jahren mit AG2R – war also unter Dach und Fach. Schliesslich rettete Frank seine enttäuschende Saison an der Vuelta. Auf der dreiwöchigen Rundfahrt durch Spanien fuhr er angriffig. Was ihm auf dem sechsten Teilstück knapp nicht gelang, holte er auf der 17. Etappe mit dem Tagessieg nach. Es ist der grösste Erfolg in seiner Karriere. «Also sicher der grösste Sieg. Aber nicht mein wichtigstes Resultat», betont Frank. Fakt ist: Seit 1998 hat kein Schweizer eine Bergetappe bei einer Grand Tour (Tour de France/Giro/Vuelta) gewonnen.

Es ist ein letztes Ausrufezeichen im Dress von IAM und ein ebenso grosses Signal in die Richtung seines neuen Teams.

Am 1. Oktober steht für den Nottwiler Mathias Frank noch die Lombardei-Rundfahrt an. Danach gönnt er sich Ferien, bevor Mitte November der erste Teamzusammenzug mit dem neuen Arbeitgeber stattfindet. Wenn die nächste Saison weniger «ereignisreich» abläuft, wird Frank sich wohl kaum beklagen.

Claudio Zanniniclaudio.zannini@luzernerzeitung.ch


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