Der Perlenfischer des Scheichs

FUSSBALL ⋅ Der FC Basel spielt heute (20.45) in Paris. Er trifft auf einen harten Gegner: Der Präsident des Spitzenklubs Paris Saint-Germain, Nasser Al-Khelaifi, will endlich den grossen Erfolg in der Champions League.

19. Oktober 2016, 06:46

Stefan Brändle/Paris

Nasser al-Khelaifi hat gute Manieren und eine Vielzahl von Funktionen: Er leitet als Präsident die Fussballer von Paris Saint-Germain (PSG), den internationalen Sportmedienkonzern BeIn, den milliardenschweren Staatsfonds Qatar Sports Investment und dazu die asiatische Tennisföderation; seit neustem ist er auch Minister der katarischen Regierung.

In Wahrheit verfolgt der 42-jährige Sportmanager aber nur ein Ziel: Al-Khelaifi will die Trophäe der Champions League. Dafür scheut er keinen Aufwand, nimmt er keine Rücksicht. Das Ziel ist seine Obsession, und er verfolgt sie seit fünf Jahren, methodisch, geradlinig und, was die Entschlossenheit nur noch verstärkt, bisher erfolglos. Nach einem Startunentschieden gegen Arsenal gibt es deshalb für ihn heute nur eins – einen undiskutablen Heimsieg gegen den FC Basel.

Wer seine Motivation nachvollziehen will, muss nur einen Blick in seine Biografie werfen. Nasser al-Khelaifi stammt aus einfachen Verhältnissen in Katar. Sein Vater und sein Grossvater waren Perlenfischer.

Mit dem Sohn des Landesmonarchen angefreundet

Dem jungen Nasser wäre wohl das gleiche Schicksal beschieden gewesen, hätte er sich im Tennisklub von Doha nicht mit einem sechsjährigen Partner namens Tamim bin-Hamad al-Thani angefreundet. Es war der Sohn des Landesmonarchen. Heute ist al-Thani der Emir von Katar, und damit einer der einfluss- und auch sonst reichsten Männer der Welt. Als der Scheich 2011 ganz nebenbei den französischen Fussballklub PSG kaufte, setzte er seinen alten Freund Nasser al-Khelaifi an die Spitze.

Der Fischersohn vom Persischen Golf, der nicht einmal Französisch konnte, stiess in Paris zuerst auf Ablehnung. Doch mit seiner professionellen, höflichen und eleganten Art etablierte sich der Master-of-Business-Absolvent rasch, zumal er sich inzwischen mit der Sprache Voltaires abmüht. Hinter seinem Lächeln verbirgt sich zwar, wie ein Berater sagt, ein «vulkanisches Temperament». Al-Khelaifi hat es wie alles unter Kontrolle: «Wenn Sie ihn kritisieren, sagt er kein Wort und bleibt ganz Gentleman», meint ein Bekannter von ihm. «Danach bricht er jeden Kontakt unwiderruflich ab.»

Dass sich al-Khelaifi stets im Zaun hält, ohne Machtallüren an den Tag zu legen, hat auch mit seiner Position in Katar zu tun: Während er in Paris nur mit den Fingern zu schnippen braucht, um das Gewünschte zu erhalten, wird er am Hof des Emirs in Doha noch heute wie der kleine Fischersohn behandelt, der einzig die Aufträge des grossen Scheichs im fernen Paris auszuführen hat.

Mit dem Slogan «Je suis Charlie» demonstriert

Einen Scheich-Umhang trägt er dort nie. Der gemässigte Muslim spricht ungern über die rigiden wahhabitischen Bräuche in seinem Land, wo er seine Frau und vier Kinder gelassen hat. Das wäre zu heikel für einen Klub, der besonders viele maghrebinische Jugendliche aus den Banlieue-Zonen zu seinen Fans zählt. Nach den Terroranschlägen 2015 demonstrierte Al-Khelaifi in Paris mit Millionen von Franzosen zum Slogan «Je suis Charlie»; auf das Attentat von Nizza in diesem Sommer drückte er den Opfern ungefragt seine Solidarität aus.

Diplomatisch zeigt sich der PSG-Patron im Parc des Princes einmal neben der linken Bürgermeisterin Anne Hidalgo, dann wieder mit dem konservativen Oppositionschef Nicolas Sarkozy. Oder besser, die zeigen sich neben al-Khelaifi. Aber viel Zeit hat er nicht zum Smalltalk. Wenn der Workaholic nicht gerade mit seinen drei Handys und seinem Privatjet um die Welt jettet, kümmert er sich persönlich um die kleinen und grossen Wünsche seiner Starspieler.

Sein katarischer Sportfonds QSI hat über 500 Millionen Euro in die erste Mannschaft von PSG gesteckt. Dort spielen heute neun der zehn teuersten Spieler Frankreichs. Mit Stars wie Edinson Cavani, Angel Di Maria, Thiago Silva oder zuvor Zlatan Ibrahimovic und David Luiz gewann der Pariser Stadtklub die letzten vier Frankreich-Meisterschaften seit 2013.

Der Vorstoss in den Final ist ein Muss

Das war aber nur die Vorspeise für Al-Khelaifi. Im vergangenen Jahr hatte PSG-Trainer Laurent Blanc gleich vier nationale Titel eingeheimst – eine Premiere für Frankreich. Als seine Stars jedoch einmal mehr im Achtelfinal der Champions League ausschieden, entliess al-Khelaifi den Trainer mit kalter Wut. Klarer konnte er nicht zeigen, worum es ihm – das heisst dem Emir von Katar – wirklich geht. Die Champions League bedeutet Geld und internationales Renommee, all das, worauf Katar so erpicht ist. Wenn al-Khelaifi 2017 nicht mindestens in den Final vorstösst, dürften auch seine Tage in Paris gezählt sein.


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