Ein halbes Dutzend Probleme

WM-QUALIFIKATION ⋅ Am Samstag trifft die Schweiz in Genf auf Lettland. Die Mannschaft befindet sich mit dem Punktetotal auf Kurs, die Spieler plagen andere Sorgen: ihr Status im Club.
20. März 2017, 07:29

Christian Brägger

Vladimir Petkovic verneint die Frage. Sie lautet, ob er sich als Nationaltrainer der Schweiz nicht zu stark in die Rolle des Tüftlers gedrängt sehe. Zumal im Club die Probleme der Spieler den Jahreswechsel überdauerten, sich gar akzentuierten und Petkovic nun darüber brüten muss, mit welcher Formation es gegen Lettland weitergehen soll.

Er antwortet: «Ich werde meine Spieler nicht bei den ersten Schwierigkeiten im Stich lassen. Vielmehr gebe ich ihnen Support und die Chance, sich zu bestätigen. Sie verdienen mehr, als ihnen der Vereinsalltag derzeit gibt.» Nicht neu bestätigen müssen sich die Goalies, sie sind in der Bundesliga unbestrittene Grössen mit Strahlkraft: Yann Sommer, Roman Bürki und Marwin Hitz. Die Nummer eins, Sommer, hat sich mit Gladbach in der Rückrunde wieder gefangen.

Schär, Djourou, Stocker – alle haben Probleme

Für manch andere Nationalspieler ist der Alltag im Club jedoch ein leidiges Thema. Bereits in der Innenverteidigung wird es ungemütlich, Johan Djourou steckt mit Hamburg im Abstiegskampf – und ist bei Trainer Markus Gisdol mehrheitlich Reservist. Was auch daran liegen könnte, dass der Vertrag des Romands im Sommer ausläuft. Petkovic sagt: «So funktioniert Klubpolitik: Wenn jemand den Verein in drei Monaten sowieso verlässt, setzt der Klub lieber auf neue Kräfte.»

Ein grosses Sorgenkind ist auch Fabian Schär. Ausgerechnet er, der als Innenverteidiger eine prächtige EM in Frankreich gespielt hat. Bei Hoffenheim nimmt er seit längerem nur eine marginale Rolle ein, zu allem Überfluss fiel er zuletzt wegen einer Adduktorenentzündung sechs Wochen aus. Wieder voll belastbar ist er seit dieser Woche. Schär sagt, er habe mit dem Nationaltrainer in den schwierigen Monaten oft Kontakt gehabt. «Ich habe sein Vertrauen immer gespürt, er gibt mir ein gutes Gefühl.»

Die Nationalmannschaft bedeutet Schär viel, die Partien mit der Schweiz bezeichnet er als «Höhepunkte», entsprechend sind seine Auftritte. «Meine Leistungen sehen auch die Mitspieler, bei denen ich einen guten Stellenwert geniesse. In meiner Situation gibt mir die Nationalmannschaft noch mehr Rückhalt, und es ist schön, auf sie zurückzugreifen. Das ist gut für meinen Kopf», sagt der 25-Jährige.

Sieht Petkovic keine Gefahr, dass es bei Schär oder einem anderen Schweizer zu einem zweiten Fall Gökhan Inler kommen könnte? Den Captain bot der Coach im Vorjahr nach dessen Ersatzrolle bei Leicester irgendwann nicht mehr auf, auch um das Gesicht vor den Spielern zu wahren. Petkovic sagt: «Die Lage bei Schär ist anders, er kommt mehr zum Zug als Inler damals. Zudem habe ich Inler immer Chancen gegeben, auch als er in Leicester nicht mehr spielte. Würde sich aber im Nationalteam bei einem Akteur genau dasselbe wiederholen, würde ich wie bei Inler handeln.»

Eigentlich ist es unfair, die aktuellen Schwierigkeiten der Schweizer an Djourou und Schär festzumachen. Denn auch auf den Aussenbahnen und im Sturm hat das Nationalteam Probleme. Ricardo Rodriguez ist verletzt, der Adligenswiler Stephan Lichtsteiner bei Juventus einmal drin, einmal draussen. Die Liste jener Schweizer, die einen unkomplizierten Status suchen im Klub, wäre beliebig zu ergänzen: mit dem Krienser Valentin Stocker, dem Surseer Haris Seferovic sowie mit Admir Mehmedi und Josip Drmic. Petkovics ausdrücklicher Wunsch für 2017 war es, dass seine Spieler in den Vereinen eine tragende Rolle einnehmen. Das erfüllen sie derzeit nicht. Der Coach aber sagt: «Wenn wir die Torhüter anschauen oder wenn wir auf Granit Xhaka blicken, sehe ich eine positive Entwicklung. Ich kann hier Blerim Dzemaili, Eren Derdiyok oder das ganze Mittelfeld nennen, wo wir keine Probleme haben. Und Remo Freuler. Dass es nicht allen läuft, lag auch an Verletzungen.»

Shaqiri hat körperliche Probleme

Dafür plagen Xherdan Shaqiri bei Stoke länger schon körperliche Probleme. Petkovic sagt: «Er hatte gute Phasen, in denen er Spiele entschied. Dann gab es Momente, in denen er zu oft verletzt war, vor allem in diesem Jahr. Seine muskulären Probleme muss er lösen, er muss vorbeugend wirken und wohl versuchen, gewisse Dinge zu ändern.»

Zur Behauptung, dass von aussen der Eindruck entstehen könnte, Shaqiri nehme den Beruf zu wenig ernst, will Petkovic keine Stellung nehmen: «Keiner von uns, auch nicht der Klubtrainer, ist 24 Stunden am Tag mit Xherdan zusammen. Es wäre unseriös, hier ein Urteil abzugeben.» Oft sah man jedoch den besten Shaqiri, wenn dieser mit dem Rücken zur Wand stand.


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