Kopf des Tages

Erfahrener Fifa-Referee wird zum Sündenbock

VIKTOR KASSAI ⋅ Der ungarische Schiedsrichter sei für das Ausscheiden der Bayern verantwortlich. Kurzzeitig wird er auf Wikipedia als Spieler von Real Madrid verspottet.
20. April 2017, 04:39

Zu später Stunde, beim offiziellen Dinner der Bayern im Anschluss an das Spiel, liess Karl-Heinz Rummenigge jegliche diplomatische Zurückhaltung fahren. «Ich habe zum ersten Mal so etwas wie wahnsinnige Wut in mir», knurrte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, «Wut, weil wir beschissen wurden, wir sind beschissen worden, im wahrsten Sinne des Wortes.» Auf die Schimpftirade folgte lauter Beifall von Team und Staff. Der Schuldige war nach der unglücklichen 2:4-Niederlage nach Verlängerung bei Real Madrid schnell gefunden: Schiedsrichter Viktor Kassai aus Ungarn, ein renommierter Fifa-Referee.

Kassai hatte im Viertelfinalrückspiel der Champions League beim Stand von 2:1 für die Bayern Arturo Vidal in der 84. Minute vom Platz gestellt – wegen einer Aktion, in der sich der Chilene ausnahmsweise mal korrekt verhielt. Dieser redete hinterher gar von einem «Diebstahl», der in der Champions League nie und nimmer passieren dürfe. Und auch in der Folge war das Pech der Münchner nicht aufgebraucht: Beim vorentscheidenden 2:2 in der Verlängerung übersahen der Ungar und dessen Assistenten eine klare Abseitsstellung des dreifachen Torschützen Cristiano Ronaldo, ebenso bei dessen 3:2 in der 110. Minute, bei dem sich Torhüter Manuel Neuer eine Fraktur im linken Fuss zuzog.

Laut spanischen Medienberichten sollen die Bayern-Spieler Lewandowski, Thiago und Vidal nach Schlusspfiff versucht haben, in die Kabine Kassais zu gelangen. Die Polizei musste angeblich einschreiten. Keinen Gefallen tat sich der Gescholtene, als er im Anschluss an das Spiel im «Mesón Txistu» gesichtet wurde, dem Stammlokal von Spielern und Offiziellen von Real. Was allerdings nicht ungewöhnlich ist, da dies viele Delegierte der Uefa jeweils im Bernabeu tun.

Der Wikipedia-Eintrag des ungarischen Referees erhielt am Dienstagabend kurzerhand ein «Update» – offensichtlich von einem Bayern-Sympathisanten vollzogen. Kassai wurde sinngemäss als «amtierender Spieler von Real Madrid» ausgewiesen. Genau genommen hat der 41-Jährige gar nichts am Hut mit dem weissen Ballett. Kassai stammt aus der Stadt Tatabánya im Nordwesten Ungarns und amtet seit 2003 als Fifa-Schiedsrichter. So richtig Fahrt nahm seine Karriere 2010 auf, als er einer von 30 Referees an der Weltmeisterschaft in Südafrika war. Ein Jahr später folgte ein nächster Höhepunkt der Laufbahn, als Kassai den Champions- League-Final 2011 zwischen Barcelona und Manchester United arbitrierte – ohne Nebengeräusche. Er stand an den Europameisterschaften 2012 und 2016 im Einsatz und gehört mit bisher 37 geleiteten Partien in der Champions League zweifellos zu den erfahrensten Unparteiischen. Nur sechsmal verhängte er eine gelb-rote Karte.

Zwar ist der Trost für die Münchner klein, aber sie hatten auch schon glücklichere Begegnungen mit Kassai. Etwa im Champions-League-Halbfinal 2012, als das Team des damaligen Trainers Jupp Heynckes den Einzug in den «Final dahoam» schaffte. Im Penaltyschiessen im Halbfinal setzte man sich gegen Real Madrid durch, im Bernabeu.

 

Claudio Zanini


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