Dieses Duo kann der Türöffner sein

FUSSBALL ⋅ Am Sonntag beginnt die EM der Frauen in Holland. Die Schweizerinnen starten am Dienstag gegen Österreich. Lara Dickenmann und Ramona Bachmann analysierten vor der Abreise die Ausgangslage und ihre persönlichen Situationen.
16. Juli 2017, 09:03

René Barmettler, Bad Zurzach

Es war so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Im idyllisch gelegenen Bad Zurzach absolvierte die Schweizer Nationalmannschaft ihren letzten Teil der Vorbereitung für die Europameisterschaft. In diese Wohlfühloase wurden die Journalisten am vergangenen Donnerstag eingeladen. Die Stühle in einem Raum des Parkhotels waren fast alle besetzt. Das Medieninteresse an der Frauen-Nationalauswahl ist spürbar gewachsen. Aber die Berichterstattung darüber befindet sich noch immer fest in Männerhand: Die einzige Frau musste sich wie die «Henne im Korb» vorgekommen sein. Am Tisch des gastgebenden Schweizerischen Fussballverbands sassen Coach Martina Voss-Tecklenburg, die Krienserin Lara Dickenmann (31), Ramona Bachmann (26) aus Malters sowie Matthias Röthlisberger, der Presseverantwortliche.

Dass die beiden Luzernerinnen dort Platz nahmen, überraschte nicht. Sie gehören zu den Teamleaderinnen. Nebst der kollektiven Leistung kann dieses Duo den Unterschied ausmachen, ob es die Schweiz in die Viertel- oder sogar in die Halbfinals schaffen wird. Und doch waren die beiden bis fast zuletzt Sorgenkinder von Voss-Tecklenburg. Stürmerin Ramona Bachmann plagte eine Oberschenkelverletzung, die sie während der intensiven Vorbereitungszeit in Magglingen erlitten hatte. «Ich hatte Angst, dass ich die EM verpassen könnte», sagte die ehemalige Spielerin des VfL Wolfsburg. Sie begab sich nach dem Vorfall nach London zu ihrem neuen Klub Chelsea FC und begann mit der Rehabili­tation. Auch Dickenmann plagte eine Verletzung, «zum Glück war sie nur muskulär, also weniger schlimm als befürchtet», wie sie sagte.

Vierfach-Belastung laugte Dickenmann aus

Dazu kam, dass Dickenmann nach der vergangenen Saison eine mentale Müdigkeit überkam. Die Dreifachbelastung mit Wolfsburg (Meisterschaft, Cup, Champions League) und die EM-Qualifikationsspiele mit der Schweiz raubten der Mittelfeldspielerin die Kräfte. Aber gerade rechtzeitig vor dieser EM konnte sie ihre leeren Speicher wieder auffüllen. Die Vorfreude und Anspannung auf die kommenden Aufgaben waren ihr deutlich anzumerken. Auch Bachmann ist inzwischen wieder fit – und Voss-Tecklenburg froh, die beiden wieder im Team zu haben. Denn als sie sagte: «Nun sind die Schlüsselspielerinnen gefordert», fühlte sich dieses Duo durchaus angesprochen. Damit hat Ramona Bachmann keine Mühe. «Seit zehn Jahren bin ich nun Profi. Ich sehe mich deshalb als Schlüsselspielerin und Teamleaderin.» Auf die Frage, ob sie denn nachts schon von der EM träume, lachte sie und meinte: «Das sind Träume, die ich tagsüber habe. Und ich träume immer vom Grossen.» Will heissen vom EM-Titel. Sie fügt aber schnell hinzu: «Ich bin realistisch. Dazu braucht es auch viel Glück.»

Mit gutem Grund stellen sich die Schweizerinnen trotz EM-Premiere hohe Ansprüche. Die Leistung an der WM 2015 in Kanada, als die Schweizerinnen in den Achtelfinals dem Gastgeber 0:1 unterlagen, wird inzwischen kritischer als noch damals eingeschätzt. Irgendwie wurmt es sie immer noch, nicht das Maximum herausgeholt zu haben. Das soll nun in den Niederlanden nicht mehr passieren. «Wir haben keine Gewissheit, ob es für die Viertel- oder Halbfinals reicht», sagte Dickenmann. «Aber wir haben Vertrauen in uns. Und das Wichtigste ist, dass wir daran glauben.»

Nationalcoach räumte mit Schweizer Mentalität auf

Viel Selbstvertrauen haben die Schweizerinnen auch deshalb, weil sie ihre Gruppe der EM-Qualifikation ohne Verlustpunkt gewannen. «Wenn wir alle gesund sind und unsere bestmögliche Leistung abrufen, sind wir nur schwer zu besiegen», sagte Voss-Tecklenburg. Doch sie ist sich bewusst, wie wichtig das Startspiel gegen die Österreicherinnen sein wird. «Dieses erste Spiel könnte ein Türöffner für dieses Turnier werden.» Die Taktik hat sie im Kopf, die Aufstellung ebenfalls, aber sie weiss auch: «Ich wäre ja blöd, wenn ich nicht noch einen Plan B oder C hätte. Die Spielerinnen kennen diese. Wir haben nun während fünfeinhalb Jahren Prozesse eingeübt und Strategien entwickelt.» «Seit Martina da ist, hat sich viel verändert», so Ramona Bachmann. «Sie brachte die deutsche Mentalität mit. Und räumte mit dem kleinen Denken der Schweizer auf, gab uns den Glauben, Grosses zu erreichen.»

Trotzdem mussten die Schweizerinnen zuletzt Rückschläge einstecken. Zum Auftakt des Jahres setzte es im Testspiel gegen Spanien eine Niederlage ab. Das letzte offizielle Testspiel verloren die Schweizerinnen Anfang Juni gegen England in Biel 0:4. Allerdings waren sie nicht in Bestbesetzung angetreten. Nebst Dickenmann und Bachmann gehören Vanessa Bernauer, Captain Caroline Abbé, Lia Wälti, Ana-Maria Crnogorcevic und Martina Moser zu den Leistungsträgerinnen im 23-Frau-Kader. Sie alle spielen im Ausland.

Dickenmann ist die «Grossmutter» dieses Teams

Gut die Hälfte spielte zuletzt in der heimischen Liga. Ausser beim FC Basel gibt es keine oder kaum Entschädigung. «Auch wegen unserer Nationaltrainerin sind viele Spielerinnen ins Ausland gegangen», sagte Bachmann. Dort seien die Qualität und das Tempo viel höher. Und einige können vom Gehalt leben, andere müssen nur Teilzeit arbeiten, was in der Schweiz praktisch nicht möglich ist. Bachmann, die sich im besten Fussballerinnen-Alter fühlt, kann sich mit den Schweizer Zuständen nicht anfreunden: «Amateurfussball ist für mich unvorstellbar.» Den Wechsel von Wolfsburg nach Chelsea hatte sie vollzogen, weil sie sich mit dem Trainerstaff uneinig war. «Es gab Reibungen wegen meiner Spielposition. Ich fühlte mich in meinen Freiheiten eingeschränkt, dabei bin ich doch eine Instinktfussballerin.» Nebst Chelsea hätten auch noch Manchester City und Paris St-Germain um die Stürmerin gebuhlt. Bachmanns Qualitäten werden in der Schweizer Auswahl geschätzt. Auch Lara Dickenmann fühlt sich dort wohl. Von ihren Kameradinnen wird die Krienserin «Grosle» (Grossmutter) gerufen, weil sie morgens Mühe mit Treppensteigen und -runterlaufen bekundet. «Doch das geht auch jüngeren Spielerinnen so, wenn sie zweimal täglich trainiert haben», verteidigt sie sich.

Zusammen mit Bachmann wird sie am Dienstag auf den Punkt die Spritzigkeit zurückerlangt haben. Denn dieses Duo hat es in den Füssen, für die Schweiz der Türöffner dieser EM zu sein.

Schweizer EM-Team

Das Schweizer Kader für die Frauen-EM 2017 in den Niederlanden (16. Juli bis 6. August). Tor: Seraina Friedli (24 Jahre/FC Zürich/2 Länderspiele/0 Tore), Stenia Michel (29/FC Basel/18/0), Gaëlle Thalmann (31/Verona/ITA/53/0).

Verteidigung: Caroline Abbé (29/FC Zürich/126/10), Sandra Betschart (28/Duisburg/GER/67/2), Jana Brunner (20/FC Basel/4/0), Ana-Maria Crnogorcevic (26/FFC Frankfurt/GER/89/47), Rahel Kiwic (26/Turbine Potsdam/GER/50/8), Noëlle Maritz (21/Wolfsburg/GER/48/1), Rachel Rinast (26/FC Basel/20/1).

Mittelfeld: Vanessa Bernauer (29/Wolfsburg/GER/65/5), Vanessa Bürki (31/Bayern München/78/10), Viola Calligaris (21/Young Boys/6/0), Lara Dickenmann (31/Wolfsburg/GER/119/46), San­drine Mauron (20/FC Zürich/7/2), Martina Moser (31/FC Zürich/126/20), Meriame Terchoun (21/FC Zürich/9/2), Lia Wälti (24/Potsdam/GER/62/4), Cinzia Zehnder (19/FC Zürich/18/0).

Sturm: Eseosa Aigbogun (24/Turbine Potsdam/38/3), Ramona Bachmann (26/Chelsea/ENG/80/42), Fa­bienne Humm (30/FC Zürich/56/21), Géraldine Reuteler (18/FC Luzern/4/2).


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