Ein Nachtessen neben Buffon

ERLEBNIS ⋅ Zufällige Begegnung mit der italienischen Torhüterlegende.
18. Mai 2017, 08:06

Gianluigi «Gigi» Buffon gehört längst zu den ganz grossen Fussballern. Er ist Weltmeister, mehrfacher italienischer Meister mit Juventus Turin, er wurde viermal zum besten Torhüter der Welt gewählt. Als wir für das Wochenende zu sechst nach Turin reisen, sprechen wir auf der Hinfahrt natürlich auch über den Torhüter und über die Notwendigkeit, diesen Titanen noch einmal live zu sehen. Am Abend dann sitzen wir in einem gehobenen, aber nicht abgehobenen Lokal unweit des Poufers. Wir widmen uns gerade dem Hauptgang, als einer von uns innehält, den Blick starr in Richtung Eingang gerichtet: «Hier kommt Gigi Buffon.» Und tatsächlich: Im nächsten Moment sitzen der italienische Nationaltorhüter und seine Freundin am Nebentisch.

Bis dahin haben wir uns über die Liebe, die Familie und den Tod unterhalten, über die grossen Fragen des Lebens also. Während der nächsten Viertelstunde deklinieren wir eine einzige Frage rauf und runter: Geziemt es sich, diesen Mann, der derzeit derart im Fokus steht, auch noch beim Restaurantbesuch zu stören und ihn um ein Erinnerungsfoto zu bitten? Es ist dann derjenige unter uns, der sich so ganz und gar nicht für Fussball interessiert, der das Heft in die Hand nehmen muss. Allen anderen hätte wohl die Stimme versagt. Buffon setzt sich zu uns, der Fussballmuffel drückt dreimal ab.

Die Bewunderung für den Torhüter speist sich nicht nur aus dessen Leistungen auf dem Feld. Buffon hat offen über seine Depressionen gesprochen. Buffon hat als frisch gekürter Weltmeister mit Juventus den bitteren Gang in die zweithöchste Liga angetreten, in die der Verein im Zuge eines Spielmanipulationsskandals verbannt wurde. Buffon wollte ein marodes italienisches Textilunternehmen und damit Hunderte Arbeitsplätze retten, was ihn Millionen kostete. Vor allem aber ist Buffon ein grosser Sportsmann. Vor Länderspielen gegen Frankreich und Deutschland hat er die Zuschauer aufgefordert, die Pfiffe der eigenen Tifosi während des Abspielens der gegnerischen Nationalhymne mit Applaus zu übertönen. Kurzum: Buffon ist im Gegensatz zu Ronaldo oder Messi ein Weltfussballer, den man mögen kann.

Seine Reflexe sind nach wie vor katzenartig, und das im Alter von 39 Jahren. Dazu kommen die Ruhe und Routine aus der mehr als zwei Jahrzehnte währenden Karriere. Auch dank seiner Leistungen hat Buffon jene Trophäe in Griffweite, die er unbedingt noch gewinnen will: den Pokal der Champions League. Die meisten neutralen Fussballliebhaber dürften am ersten Juniwochenende auf eine Niederlage von Finalgegner Real Madrid hoffen. Es wäre weniger ein Titel für Juventus. Es wäre ein Titel für «Gigi».

So lässt sich erklären, warum uns die kurze Begegnung nachhaltig aus der Fassung bringt. Einer von uns verlässt das Lokal fluchtartig. Nur mit hastigen Zügen an der Zigarette gelingt es ihm, sich wieder zu sammeln. Gleichzeitig bemüht er sich, die eben gewonnene Foto-Trophäe auf allen möglichen digitalen Kanälen zu streuen. So sieht er nicht, wie ihm «Gigi» nach draussen folgt – mutmasslich, um sein Auto umzuparken. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich Buffon hinter der Hausecke selber eine anzündet. Ein Foto, aufgenommen am Tag nach dem Einzug in den Champions-League-Final, zeigt ihn mit Glimmstängel am Steuer. Einer wie Buffon weiss den Spitzensport mit dem Genuss zu vereinbaren. Davon zeugt auch die Flasche Rotwein auf seinem Tisch, zwei Tage vor dem wichtigen Auswärtsspiel in Rom.

Das Spiel geht verloren, Buffon muss dreimal hinter sich greifen, die Meisterfeier von Juventus ist vertagt. Wichtiger ist aber der anstehende Final gegen Real Madrid. Auch der Fussballmuffel aus unserer Runde hofft nun, Buffon möge diesen gewinnen. Und inzwischen bereut er es, dass er sich als Fotograf anerboten hat und nicht auf dem Bild zu sehen ist. Jetzt, wo er weiss, wer dieser «Gigi» Buffon ist.

Tobias Bär, Bundeshaus- Redaktor


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