Feldzug der ehemaligen Aufseher

FUSSBALL ⋅ Ausgebootete Governance-Mitglieder erhöhen den Druck auf die Fifa-Spitze mit Gianni Infantino. Der Präsident und seine Mitarbeiter scheinen sich offensichtlich wenig um die Regularien im Weltverband zu scheren.
15. September 2017, 08:13

Jörg Mebus (SID)

sport@luzernerzeitung.ch

Als der Weltfussballverband Fifa vor vier Monaten in der hauseigenen Governance-Kommission aufräumte und sich auf einen Schlag gleich mehrerer unbequemer Geister entledigte, glaubte Gianni Infantino noch an einen gelungenen, befreienden Coup. Nun merkt der aus dem Wallis stammende Präsident des Weltfussballverbandes wieder mal, dass er sich zu früh gefreut hat.

Der von ihm abgesägte ehemalige Governance-Chef Miguel Maduro belastete Infantino vor dem britischen Unterhaus schwer. Joseph Weiler, ein weiteres verprelltes Mitglied des unabhängigen Beobachter-Komitees, erstattete unterdessen bei der Fifa-Ethikkommission Anzeige gegen die Führungsspitze um Infantino. Und die ausgebooteten Aufseher sind noch lange nicht fertig mit der Fifa.

«Ernste Zweifel an der Reformfähigkeit»

Sollten die Vorwürfe stimmen, dürfte Weilers Aussage eine Untertreibung sein: «Nach den Erfahrungen, die ich im Governance-Komitee gemacht habe, hege ich ernste Zweifel an der Reformfähigkeit der Fifa unter ihrer jetzigen Führung.»

Weiler war im Mai aus Protest gegen die Demission seines Vorsitzenden Maduro aus der Governance-Kommission zurückgetreten. Seine Anzeige enthält dieselben Vorwürfe, die Maduro am Mittwoch in London vortrug. Demnach haben sich Infantino und dessen Generalsekretärin Fatma Samoura massiv in die Belange der unabhängigen Kommission eingemischt – vor allem, als es wirklich pikant wurde.

Nachdem klar war, dass Maduro die Kandidatur des mächtigen russischen Spitzenpolitikers Witali Mutko zur Wiederwahl im Fifa-Council mit Verweis auf unerlaubte Einflussnahme der Politik auf die Fifa ablehnen würde, zogen Infantino und Samoura alle Register – laut Maduro auch aus Angst um die eigene Position. Infantino sei über die Personalie Mutko «sehr unglücklich» gewesen, sagte Maduro. ­Samoura habe ihn bei einem Treffen in Brüssel gewarnt, «eine Lösung zu finden», weil sonst ­Infantinos Präsidentschaft in Frage gestellt und die WM 2018 in Russland «zum Desaster» werden würde.

Maduro liess sich von der Offensive, die einen Verstoss gegen Fifa-Statuten darstellt, nicht von der Ablehnung Mutkos abbringen. Seitdem habe Infantino nie wieder ein Wort mit ihm gewechselt. Auf Infantinos Betreiben wurde er im Mai nach nur acht Monaten im Amt nicht mehr zur Wiederwahl als Governance-Chef vorgeschlagen. Dasselbe Schicksal ereilte die Ethikchefs Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert. Weiler und drei seiner Kollegen traten aus Protest gegen die Personalentscheidungen zurück. Er hoffe nach seiner Anzeige auf eine «ernsthafte Untersuchung» der Ethikkommission, sagte der amerikanische Rechtsprofessor Weiler der «New York Times». Die Fifa sei über alle beanstandeten Fälle ­detailliert unterrichtet. Nur weil sich bis jetzt nichts tat, wurde er offiziell.

Infantino nimmt Mutko in Schutz

Laut Maduro hat Infantino den russischen Vizepremier Mutko auch gegenüber Vorwürfen im Zuge des Dopingskandals in Schutz genommen. Für dessen Beteiligung am systematischen Staatsbetrug gebe es keine Beweise. Dabei hatte Richard McLaren, Sonderermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, den Dopingbetrug bis zum Sportministerium zurückverfolgt, das Mutko damals leitete. Und die Vorwürfe gehen über unerlaubte Einflussnahme hinaus. So soll in einzelnen Konföderationen die eigens eingeführte Frauenquote unterwandert worden sein. Nach Darstellung Maduros habe sich Infantino längst von einer Good-Governance-Kultur abgewendet – und sich «für sein politisches Überleben» entschieden.

Möglicherweise ist in diesem Lichte auch ein weiterer Umstand zu betrachten: Die britischen Parlamentarier wollten am Mittwoch auch den Schweizer Ex-Ermittler und Anwalt Cornel Borbély befragen. Die Fifa erteilte in einem Brief an das Komitee keine Erlaubnis für den Auftritt, da Borbély Geheimhaltungspflichten unterstellt sei.

Zur Anzeige Weilers lehnte die Fifa auf Anfrage der Sportnachrichtenagentur SID einen Kommentar unter Verweis auf das laufende Verfahren ab. Die Vorstösse Infantinos und Samouras, von denen Maduro berichtet hatte, wertete der Weltverband in einer Stellungnahme nicht als eine unerlaubte Einflussnahme, sondern als «logischen und sogar wünschenswerten Austausch» zwischen Administration und Kommission.

Ausgestanden hat die Fifa den Feldzug der ehemaligen Aufseher längst nicht. In der kommenden Woche berichtet Miguel Maduro nach Informationen der «Süddeutschen Zeitung» vor dem EU-Parlament.


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