Letzter Halt Lissabon

WM-QUALIFIKATION ⋅ Es besitzt nahezu schon eine tragische Note, dass die Schweiz mit dem Punktemaximum aus neun Spielen noch nicht WM-Teilnehmer ist. Doch nach dem 5:2 gegen Ungarn braucht sie Portugal nicht zu fürchten, der Formstand des Teams ist gut.
08. Oktober 2017, 22:20

Christian Brägger, Lissabon

Noch während des Spiels hatte er seiner Mannschaft immer wieder applaudiert. Die fünf Tore und die Statistik mit 28 Torversuchen, 64 Prozent Ballbesitz sowie einer Passquote von 93 Prozent (612 erfolgreiche Pässe) hatten nichts anderes zugelassen. Momente nach dem Schlusspfiff war der Schweizer Nationaltrainer wieder ernst, geradezu tiefsinnig. Vladimir Petkovic sprach nun vom Vertrauen in seine Spieler. Und davon, dass sie dieses stets aufs Neue bestätigen. «Ich erhalte immer wieder zurück, was ich investiere. Wir haben einen so unglaublichen Teamgeist. Genau das brauchen wir auch im letzten Spiel.» Es waren starke Sätze im Presseraum des St.-Jakob-Parks. Vor allem waren es Worte der Ruhe, der Überzeugung, nicht der Euphorie; sie wäre Fehl am Platz gewesen, weil die Schweiz auch nach neun Siegen immer noch nichts in den Händen hält. Gestern am späten Nachmittag nach dem Flug nach Lissabon hinterliess Petkovic noch immer einen gelassenen Eindruck. Doch sowohl Coach als auch Schweizer Spieler redeten nicht mehr viel. Der Fokus galt der Besinnung, der Konzentration auf die Dinge, die auf sie zukommen werden – es wird nicht wenig sein. Und einer, der vielleicht geredet hätte, war gar nicht mehr da: Udinese hatte den verletzten Valon Behrami nach dem Ungarn-Spiel zur Rehabilitation zurückgepfiffen. 

Man kann es drehen und wenden, wie man will, es wartet in jedem Fall eine Herkulesaufgabe. Doch der Blick auf den Formstand jener Spieler im 4-2-3-1-System, die sich gegen Ronaldo und Co. bewähren müssen, zeigt: Die Schweiz hält viele Trümpfe in der Hand.

Der Goalie

Yann Sommer (30 Länderspiele/0 Tore) ist in Gladbach unbestritten, laut Noten des Sportmagazins «Kicker» derzeit der zweitbeste der Bundesliga. Gegen die Ungarn zeigte er sich lange als guter Rückhalt. Doch den zweiten Ehrentreffer der Magyaren musste er sich auf seinen Zettel schreiben lassen. Der 28-Jährige sagt, sein bestes Länderspiel sei an der EM in Frankreich gegen Albanien gewesen. Es würde nicht überraschen, liefe Sommer in Lissabon zur Hochform auf – unter Druck ist er meist am besten. Er sagt: «Es wird eine gute Challenge für uns.»

Die Verteidigung 

Die Defensive ist gesetzt, Stephan Lichtsteiner (93/8) ist ihr Leader. Wer wie der rechte Verteidiger im Champions-League-Final auflief und bei Juventus wie ein Stehaufmännchen über so viele Jahre durchhält, den haut auch die Finalissima gegen Portugal nicht um. Überdies war es gegen Ungarn eine grosse Freude, zu sehen, wie mit Xherdan Shaqiri und ihm zwei sich immer mehr finden. Der Schweizer Captain sagt: «Viele von uns haben ein hohes Level im Club. Aber es ist schon so: Mit neun Siegen wäre man lieber qualifiziert.» Neben Lichtsteiner sind auch Fabian Schär (32/7), Johan Djourou (71/2) und Ricardo Rodriguez (47/2) gesetzt. Sowohl Schär als auch Djourou haben seit dem Vereinswechsel im Sommer in der Innenverteidigung verlorenes Selbstvertrauen wiedergefunden. Djourou ist trotz Stammplatz bei Antalyaspor zwar weiter nicht vor Fehlern gefeit, doch mit seiner Routine macht er viel wett. Und falls es doch Probleme gibt, ist da ja auch noch Rodriguez: Der Milan-Profi ist der Ruhepol des Teams. 

Das defensive Mittelfeld

Ein Mann, viele Worte, viele Taten: Granit Xhaka (56/8). Wenn einer den Rhythmus kennt von Spitzenspielen, dann der Arsenal-Profi. Er sagt: «Wir sind schon lange beisammen, man sieht, dass alle, auch jene, die nicht so oft spielen, parat sind.» Der 25-Jährige wird auch gegen Portugal die Rolle des Vorreiters einnehmen müssen. Gelingt ihm das für einmal nicht, wird es schwer. Zumal sein Partner im defensiven Mittelfeld – Behrami fehlt verletzt – doch eher unerfahren ist: Remo Freuler (5/–). Die italienische Liga steht beim Nationaltrainer hoch im Kurs, der 25-Jährige in Bologna ebenfalls. Freulers Nomination gegen Portugal wäre im Prinzip logisch, noch hat er leichte Vorteile gegenüber Denis Zakaria. 

Die Offensive

«Shaqiri hatte Lust gehabt, darum hat er durchgespielt gegen Ungarn», sagt Petkovic. Xherdan Shaqiri (65/20) zeigte auf der rechten Aussenbahn in der Tat eine starke Partie und strotzte nur so vor Spielfreude. Er sagt, das Beste in seiner Karriere werde noch kommen. Warum nicht gegen Portugal? Hinter den Spitzen dürfte Petkovic wieder auf Blerim Dzemaili (58/8) setzen. In Montreal sind seine 19 Skorerpunkte aus 20 Spielen grandios, aber eben, es ist Montreal, ein Team der Major League Soccer. Weil Petkovic aber ein dankbarer Trainer ist, der Verdiente nicht so schnell tauscht (für Fabian Frei, 11/2), wird Dzemaili gegen Portugal wohl eingesetzt. Links neben ihm hätte es sich Steven Zuber (5/2) verdient, auch wegen seiner beiden Treffer gegen Ungarn. Doch kann sich der Coach dazu überwinden? Zudem hätte die Schweiz mit Zuber auf der Seite nach hinten mehr Absicherung – er spielt diesen Part bei Hoffenheim ausgezeichnet. Doch Petkovic hielt schon immer viel von Admir Mehmedi (55/7) und drückte oft ein Auge zu, wenn dieser, wie jetzt, in einem Tief steckte.

Ganz vorne in der Spitze muss die Schweiz wieder auf Haris Seferovic (44/11) hoffen. Wie eigentlich immer. Was hatte der Stürmer mit fünf Treffern für einen Start in Lissabon, was hatte er aufgetrumpft gegen Andorra und Lettland ... Aber jetzt ist Seferovic wieder der «Alte» und damit der Spieler, der das Tor nicht trifft. Dennoch ist er unbestritten – ein Rackerer wie keiner. Er sagt: «Auch wenn ich dort lebe, ist für mich das Spiel ganz normal. Es wird auch dort wieder Chancen geben für Tore.» Seine Tore?

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Eine Auswahl der Schweizer «Endspiele» der letzten Jahre.


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