Mohamed Salah – Retter der Reds

FUSSBALL ⋅ Er ist zurzeit einer der spektakulärsten Spieler überhaupt: Der Ägypter Mohamed Salah (25) führte den FC Liverpool in die Halbfinals der Champions League.
13. April 2018, 06:55

Raphael Honigstein, London

sport@luzernerzeitung.ch

Er stand da mit ausgebreiteten Armen: Mohamed Salah präsentierte sich nach seinem eleganten Lupfer zum 1:1 im Etihad-Stadion am Dienstagabend im Stile eines Erlösers, und als solcher wurde der Ägypter von den mitgereisten Liverpool-Fans auch gehuldigt. Seine Mannschaft hatte gegen Manchester City lange Zeit kein Land gesehen und im Anschluss an das frühe 0:1 durch Gabriel Jesus (2.) nur mit sehr viel Glück einen grösseren Rückstand vermieden.

Doch dann kam, zehn Minuten nach dem Seitenwechsel, «Mo» Salah, der Retter der Reds. Wieder einmal. Sein 39. Saisontor ebnete der Elf von Jürgen Klopp den Weg in die Champions-League-Halbfinals.

Liverpools 2:1-Sieg über die «beste Mannschaft der Welt» (Klopp) war ähnlich wie der rauschhafte 3:0-Erfolg vor acht Tagen an der Anfield Road ein Triumph des Kollektivs, der unermüdlichen Arbeit, der taktischen Disziplin, der Hingabe. Vollendet wurde er erst durch ­Salahs individuelle Brillanz. Der 25-Jährige war nach einer Leistenverletzung aus dem Hinspiel angeschlagen in die Partie gegangen und bis zu seinem Tor kaum in Erscheinung getreten. Liverpools erster gefährlicher Angriff auf den Kasten von Man City aber brachte dank dem traumhaft sicheren Abschluss des ehemaligen Basel-Stürmers aus schwierigem Winkel die Entscheidung. Pep Guardiolas Mannschaft erholte sich nicht mehr von diesem Gegentreffer.

«König von Ägypten» mit irrwitziger Geschwindigkeit

Salah wird aufgrund seiner überragenden Leistungen in seiner Debütsaison an der Mersey seit Monaten als «The Egyptian King» gefeiert, aber sein Königreich wird von Woche zu Woche grösser; längst erstreckt es sich über weite Teile Grossbritanniens. Ende des Monats wird er mit grosser Wahrscheinlichkeit zum «Spieler des Jahres» in England gewählt.

Seine irrwitzige Geschwindigkeit im Antritt und seine furchtlosen Dribblings im Strafraum begeistern das fachkundige Publikum auf der Insel noch eine Spur mehr als die strategischen Qualitäten von Kevin De Bruyne, dem Schlüsselspieler in Guardiolas Manchester-Meistermannschaft. Im Gegensatz zu der hellblauen Kurzpass-Kombo fühlt sich Liverpool am wohlsten, wenn es mit Salah und dessen Sturmkollegen Roberto Firmino sowie Sadio Mané aus der Tiefe des Raumes auf gegnerische Abwehrreihen zurennt. Salah, der in zwölf Monaten unter José Mourinho beim FC Chelsea (2014–2015) nie über den Status eines Ergänzungsspielers hinausgekommen war, hat sich nach seiner Rückkehr in die Premier League als richtiger Goalgetter entpuppt. Die Zuschauer jauchzen erwartungsvoll auf, wenn er mit dem Ball am Fuss die rechte Seite hinunterwetzt.

Scouting-Abteilung brachte Salah zum FC Liverpool

Klopp hätte es nicht für möglich gehalten. Er hatte vor der Saison für den Kauf von Leverkusens Flügelspieler Julian Brandt plädiert, doch die Scouting-Abteilung des englischen Vereins machte sich für Salah stark. «Sie lagen mir jeden Tag in den Ohren», erinnert sich Klopp, der am Ende dem 42-Millionen-Transfer des Ägypters von der AS Roma zustimmte. Der deutsche Trainer hatte Bedenken gehabt, dass Salah die nötige Robustheit für die Premier League besitzt. «Er sah im Fernsehen sehr dünn aus, doch in Person war er zäher als vermutet.» Salah selbst glaubt, dass er dank seiner sehr offensiven Position im Klopp’schen 4-3-3 besser zum Zug kommt. «Ich bin näher am Tor und komme so öfters zum Abschluss», erklärte der Spieler der Stadionzeitung. Nach anfänglichen Schwächen im Abschluss trifft er mittlerweile auch aus unmöglichen Lagen. «Er ist im Moment einer der besten Spieler der Welt», sagte der ägyptische Nationaltrainer Hector Cuper, nachdem Salah «die Pharaonen» mit einem verwandelten Elfmeter gegen Kongo zur ersten Weltmeisterschaft seit 1990 geschossen hatte.

Eine Million Stimmzettel in der Heimat ungültig

Salah, der aus einem Nildelta-Städtchen namens Nagrig stammt, ist in seinem Heimatland so populär, dass bei der Präsidentschaftswahl Ende März rund eine Million seiner Landsmänner ihre Stimmzettel ungültig machten, weil sie für ihn votierten.

Wenn Mohamed Salah in den maximal noch neun ausstehenden Partien sein unwirkliches Pensum hält, könnte er sogar den 34 Jahre alten Rekord von Liverpool-Ikone Ian Rush brechen. Der Waliser erzielte 1983/84 47 Tore. Die Reds gewannen damals übrigens den Europacup.


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