Russland ist für die WM bereit

FUSSBALL ⋅ In weniger als 300 Tagen wird in Russland die Weltmeisterschaft angepfiffen. Der Gastgeber fühlt sich bereit – und scheint es trotz aller Kritik aus dem Ausland auch zu sein.
06. September 2017, 05:00

Jan Mies und Jens Diestelkamp, Moskau (SID)

sport@luzernerzeitung.ch

Jekaterinburg feiert schon. Zum 294. Geburtstag der Stadt im Nirgendwo Russlands marschierte Mitte August eine Blaskapelle durch die breiten Strassen der Innenstadt, Bürgermeister Jewgeni Roisman sprach ein paar Worte zu ausgewählten Bewohnern, die auf kleinen Tribünen vor dem Lenin-Denkmal im Takt der Musik fröhlich winken durften. Ein Hauch von Sowjet-Charme lag in der Luft. Doch die viertgrösste Stadt des riesigen Landes denkt längst an die Zukunft. Bald kommt die WM.

Nach der feierlichen Ansprache strömten Dutzende Jungen und Mädchen auf den «Platz von 1905», sie zeigten mit etlichen Fussbällen eingeübte Kunststückchen, die Zuschauer hielten begeistert grosse Papptafeln mit dem roten Logo des Weltereignisses in die Luft. Und Gouverneur Jewgeni Kujwaschew kündigte «das beste Turnier überhaupt» an, das «unvergesslich» werden solle. In allen elf WM-Städten (siehe Grafik) werden dafür Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Wer in Jekaterinburg, Samara, Saransk oder Nischni Nowgorod – den hierzulande weniger unbekannten Spielorten – nach der WM fragt, bekommt auf der Strasse keine kritischen, keine hinterfragenden Antworten, wie sie in weiten Teilen der Welt, vor allem aber in Westeuropa zu hören sind.

Fahren Sie über die Punkte und sehen Sie, wie die einzelnen Stadien aussehen oder im Sommer 2018 aussehen sollen.


In Jekaterinburg wurden allein von der Stadt offiziell 20 Milliarden Rubel investiert, umgerechnet rund 331 Millionen Franken – nur in die Infrastruktur und das Erscheinungsbild der Region. Die Kosten für die Arenen übernimmt mit Ausnahme des vom Verein bezahlten Spartak-Stadions in Moskau der Staat, der diese im Anschluss kostenfrei an die Vereine vermietet. Die neuen oder ausgebauten Flughäfen, an denen im kommenden Jahr Millionen Gäste aus aller Welt landen sollen, werden von privaten Geldgebern gebaut. In Nischni Nowgorod belaufen sich die Gesamtkosten auf 66 Milliarden Rubel (rund 1,1 Milliarden Franken). Im Land selbst wird deshalb viel Gutes in der Weltmeisterschaft gesehen. Trotz des ständigen Verdachts, dass viel Geld nicht für den eigentlichen Zweck verwendet wird.

Im Korruptionswahrnehmungsindex 2016 belegt Russland den geteilten 131. Platz. Neue Verkehrsnetze, beispielsweise in Kaliningrad, Wolgograd und Rostow am Don und moderne Hotels, unter anderem in Sankt Petersburg und Kasan, besänftigen das Volk. Russland versucht, sein Image kräftig aufzupolieren, um im Licht der WM gut dazustehen. Das war schon bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi so, wo ebenfalls ein WM-Stadion steht. Was danach kommt, wird sich zeigen.

«Es gibt hier keine Bären auf der Strasse»

In Brasilien, Austragungsort der WM 2014, werden viele Stadien heute kaum genutzt, sie vermodern. In Russland, das betont jeder Bürgermeister, jeder Gouverneur, soll und kann das nicht passieren. Ein Legacy-Programm, in dem es um das Vermächtnis der WM geht, steht überall ganz oben in den Präsentationen der WM-Pläne. «Als ich in Sowjetzeiten Student war, haben wir Schlange gestanden, um in einem der beiden Restaurants der Stadt einen Tisch zu bekommen», sagte Pjotr Tultajew, Bürgermeister der kleinsten WM-Stadt Saransk. Durch die Endrunde aber «sind wir ein Teil dieser grossen Welt geworden. Hier wird jedes Grossmütterchen in jedem Viertel bereit sein. Jeder ist willkommen. Es gibt hier keine Bären auf den Strassen.» Und selbst die würden an den versprochenen Fussball-Boom glauben.

Die Klubs der ersten russischen Liga kommen aber in der laufenden Saison gerade so auf einen Zuschauerschnitt von 14 000 bis 15 000 Fans. Das kleinste WM-Stadion (in Kaliningrad) fasst rund 35 000 Zuschauer, in die Mega-Arena für Länderspiele in Moskau (Luschniki) passen 81 006 Menschen. In sechs der elf WM-Städten spielen die ortsansässigen Klubs gar nicht in der Premjer Liga, in Saransk und Sotschi sogar nicht einmal in der zweiten Spielklasse. Begeistern kann auch die Nationalmannschaft derzeit nicht. Bei der Generalprobe Confed-Cup gelang der Sbornaja nur ein Sieg – gegen Neuseeland. «Wir haben keine Krise, nur ein paar Probleme, die zu lösen sind», sagte Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow. Für gute Chancen auf die Achtelfinals braucht der Gastgeber am 1. Dezember dennoch Glück – dann werden die Gruppen für die WM ausgelost.

Der Geschäftsführer des WM-Organisationskomitees, Alexej Sorokin, sieht darin kein Problem. «Erstens wird die Weltmeisterschaft einen Fussball-Boom auslösen und zweitens ziehen neue Stadien auch mehr Menschen an», sagte der Funktionär. Während der WM könnten – wie schon beim Confed-Cup – Freikarten dafür sorgen, dass nicht zu viele Plätze leer bleiben. «Ganz normal bei Grossereignissen», meint Sorokin, der gerne über die Effizienz der russischen WM-Vorbereitung spricht. Diese «verläuft sehr gut», sagte er. «Wir hatten keine alarmierenden Signale. Nichts, das uns erschrecken muss.» Tatsächlich werden die Bauarbeiten an den meisten Stadien noch in diesem Jahr beendet sein, was mancherorts erstaunlich ist. In Kaliningrad bestand die Stadionbaustelle vor zwei Jahren aus drei Containern und jeder Menge Sand im Sumpfgebiet. Jetzt steht in der russischen Exklave an der Ostsee eine fast fertige, hochmoderne Arena. Einzig beim Bau des «Ufo»-Stadions in Samara hinken die Arbeiten etwas hinterher. Das Ziel sei aber eine Übergabe Ende Januar, sagte Gouverneur Nikolai Merkuschkin.

Kritik an Arbeitsbedingungen, Fifa kontert

Die Probleme der WM finden sich an anderen Fronten. Als Human Rights Watch (HRW) im Juni einen alarmierenden Bericht veröffentlichte, wonach 17 Arbeiter gestorben seien. Viele seien ausserdem verspätet oder gar nicht bezahlt worden, von unterirdischen Arbeitsbedingungen war die Rede. Die russischen WM-Macher und auch die Fifa hielten und halten dagegen. Bis Ende August hatte der Weltverband 65 Inspektionsreisen unabhängiger Experten durchführen lassen. Auf den Stadionbaustellen seien im Schnitt 75 Prozent aller beteiligten Arbeiter befragt worden, der HRW-Bericht könne keinesfalls bestätigt werden. Nach den Skandalen vergangener Jahre, vor allem auf den Baustellen im 2022er-Gastgeberland Katar, arbeitet die Fifa inzwischen mit verschiedenen Gewerkschaften zusammen.

«Eine zu 100 Prozent sichere WM»

Um überhaupt ins Stadion zu kommen, werden die Fans bei der WM wieder eine sogenannte Fan-ID brauchen, die visafreies Reisen in alle WM-Städte ermöglicht. Bei der Erprobung während des Confed-Cups gab es nur kleinere Probleme, die in den kommenden Monaten gelöst werden sollen. Die Organisatoren versichern, dass keine persönlichen Daten an Dritte weitergegeben werden – nur an die russischen Behörden, die gewaltbereiten Krawallmachern die Einreise verweigern wollen. Die russische Liga hat selbst grosse Probleme mit Hooligans, während der EM 2016 zog eine Horde randalierend durch Marseille. Die Chaoten aus den Arenen zu halten, wird zu den Hauptaufgaben der Sicherheitsbehörden gehören – neben der Verhinderung von Terroranschlägen.

«Unser Sicherheitssystem war von Anfang an eines der stärksten der Welt», sagte Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin in einem seiner seltenen Interviews: «Wir sind davon überzeugt, dass wir eine zu 100 Prozent sichere WM haben werden.» Die Hauptstadt sei stolz auf ihr «einzigartiges» Überwachungssystem. Und Andrej Sorokin, Geschäftsführer des WM-Organisationskomitees, versichert: «Die neue Bedrohung durch den Terror wird sehr ernst genommen.» (sid)


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