United Zürich ist der Hort der letzten Hoffnung

FUSSBALL ⋅ Die Spielergewerkschaft will vertragslose Spieler über den Promotion-League-Verein United Zürich in den Profifussball führen. Das erste Halbjahr zeigt: Der Klub muss sein Profil schärfen. Morgen (18 Uhr, Gersag) kommt es zum Duell mit Kriens.
13. April 2018, 04:39

Der Weg zu einem der faszinierendsten Experimente im Schweizer Fussball des 21. Jahrhunderts führt hinaus in die Peripherie, an den Waldrand von Zürich-Altstetten. Hier ist United Zürich zu Hause, und doch nicht, weil der Klub keine Wurzeln hat und keine Heimat. Den Verein gibt es unter diesem Namen erst seit 2010, aber die wenigen Jahre des Bestehens sind bewegt: Es gab die vollmundige, per Zeitungsinserat verbreitete Ankündigung, 2018 Schweizer Meister werden zu wollen. Es gab Besitzerwechsel. Und nun kooperiert United seit dem Sommer mit der Spielergewerkschaft Swiss Association of Football Players (SAFP), welche den Promotion-League-Klub als Vehikel nutzen will, um vertragslose Spieler wieder im Profifussball zu platzieren.

Die Idee ist die: Wer durchs Raster fällt, soll bei United Spielpraxis sammeln können und ein Schaufenster erhalten, weil der Moloch Profifussball bei all dem Glitzer und all den Millionen auch Schattenseiten hat und Menschen vom Karussell abwirft. Der Sportplatz Buchlern ist für manche dieser Desperados der Hort der letzten Hoffnung.

Die Idee ist besser als die Ausführung

Das gemäss Eigenwerbung weltweit exklusive Projekt läuft seit knapp zehn Monaten, und bisher fällt das Fazit durchzogen aus; vielleicht lässt es sich so formulieren: Die Idee ist besser als die Ausführung, bisher zumindest, ein bisschen scheint es, als müsse der Klub sein Profil noch schärfen. Weniger, weil United abgeschlagen Tabellenletzter ist. Und mehr, weil das Angebot vom eigentlichen Zielpublikum wenig genutzt wurde, womöglich weil der Bekanntheitsgrad fehlt, vielleicht auch die Akzeptanz, und mit Sicherheit das Geld. United bezahlt kleine Spesenentschädigungen, was eine Ausnahme ist, obwohl die Liga einen Amateurstatus hat. Vielerorts fliesst Geld, offen oder versteckt, manche Vereine organisieren ihren Spielern Nebenjobs. United fiel es in diesem Umfeld lange schwer, Spieler zu finden, jedenfalls solche aus dem Profibereich. Erst im Winter-Transferfenster stiessen mit den Mittelfeldspielern Michael Siegfried (Aarau) und Erhan Yilmaz (Wil) sowie dem Torhüter Andrea Guatelli (ehemals FC Zürich) ein paar bekannte Figuren dazu. Die Fluktuation ist enorm, auf der Kaderliste sind seit dem Start gegen 50 Namen aufgetaucht. Das ist Teil des Konzepts, aber es gibt diesen Schönheitsfehler: dass es noch keiner zurück in den Profifussball geschafft hat. Bisher gab es nur Abgänge in die Promotion League, gen unten, oder in die Arbeitslosigkeit. Am Hort der letzten Hoffnung kann es auch vorkommen, dass Träume platzen.

Derzeit stehen 25 Spieler im Kader, es hat RAV-Bezüger darunter, Lageristen und auch Männer, bei denen man sich fragt, wie sie ins Konzept einer Schweizer Spielergewerkschaft passen, weil sie mit dem hiesigen Fussball keinerlei Berührungspunkte haben. Kürzlich wurden drei Italiener verpflichtet, die nun mehrheitlich auf der Bank sitzen, sofern sie überhaupt im Aufgebot stehen. Dem Klub fehlt es an Geld, er wäre auf Sponsoren angewiesen, auf Goodwill. Er hat keine Zuschauer, keine Tradition, keine Heimat, er ist von der Stadt eher zufällig in Altstetten angesiedelt worden, es waren sonst nirgendwo Plätze frei, die Heimspiele hier sind ein Minusgeschäft. Aber was United hat, ist: eine Idee, diesen sozialen Grundgedanken, den Anspruch, etwas Gutes zu tun für den Schweizer Fussball, für das von Egoismus geprägte Geschäft. Es ist eine Vision, die sich verkaufen lässt, auch gegenüber Sponsoren. Aber wie passen da solche Zuzüge ins Bild? Untergraben sie nicht das, wofür der Klub stehen will?

Es ist Montagnachmittag, die Spieler stapfen zum Training, und am Spielfeldrand steht Claudio Zanini. Zanini ist eigentlich Investmentbanker, aber bei United ist er der Sportchef. Er sagt, der Klub stehe allen offen, man müsse keine Verbindungen in die Schweiz haben, entscheidend sei die Qualität.

Ladner und Chipperfield: Ein prominentes Trainerduo

Auf die gleiche Frage reagiert Andy Ladner (55) kurz darauf mit einem Schulterzucken und sagt, der Präsident habe diese Transfers forciert. Ladner ist der Trainer von United, ein Mann, der sein ganzes Leben im Fussball verbracht hat. Er war in den 1980er-Jahren NLA-Fussballer bei GC und Basel, später betreute er als Agent die Gebrüder Schneuwly, zuletzt war er beim FC Aarau Assistenztrainer von Marco Schällibaum. Nun coacht der Zürcher zusammen mit dem Ex-Basel-Mittelfeldspieler Scott Chipperfield dieses komplexe Puzzle namens United.

Ladner sagt, ihn habe der Ansatz gereizt, das Abenteuer auch. Die Trainer sind die Einzigen, die im Klub ein Salär erhalten, an Ladner bleibt darum viel hängen, weil im Klub die Strukturen fehlen. Die Zukunft ist ungewiss, der Finanzen wegen – und es hiess auch schon, dass die SAFP ihr Engagement im Abstiegsfall zurückziehen würde, weil die 1. Liga classic zur Bühne für Profifussballer nicht taugt. Manager Zanini will das nicht bestätigen, er sagt, es sei alles offen, und ohnehin: Er glaube an den Ligaerhalt: «Wenn wir den Abstieg verhindern können, wäre das ein Märchen.»

Nicola Berger, Zürich

sport@luzernerzeitung.ch


Anzeige: