Charaktertest für die Schweizer

FUSSBALL ⋅ Portugal gegen die Schweiz – Barrage oder direkte WM-Qualifikation: Ein Punkt heute (20.45, SRF zwei) in der Finalissima um den Gruppensieg bringt das Team von Vladimir Petkovic nach Russland.
10. Oktober 2017, 08:38

Christian Brägger, Lissabon

Mit Portugal begann die Gruppenphase der WM-Qualifikation. Mit Portugal hört sie auf, der Kreis schliesst sich. In Lissabon, dieser wunderbaren Stadt am Rand des europäischen Kontinents.

In seinem Werk «Hamlet» schrieb einst William Shakespeare, der englische Literat höchster Klasse: «Sein oder Nicht sein, das ist hier die Frage.» Der Satz ist unterdessen in der Alltagssprache zur Redewendung mutiert, heute wird er oft in einer Situation verwendet, die für jemanden von grosser existenzieller Bedeutung ist. Ganz so bedeutungsschwanger ist die Lage für die Schweiz nicht, es wäre auch eine Verklärung. Und dennoch erhält der Showdown ein immenses Gewicht, weil er einiges mehr erzählen wird als beispielsweise der verlorene EM-Achtelfinal gegen Polen: Wie weit, wie reif, wie gut ist das Team von Vladimir Petkovic tatsächlich nach neun Siegen in der WM-Qualifikation?

Die Rekorde, die Serie, das alles zählt jetzt nicht mehr. Schlimmer noch: Im Rückblick wäre bei einer Niederlage das alles wohl auch nicht mehr viel wert, weil man auf das Team zurückschaute, das in dieser einen wichtigen Partie unterlag. Wie so oft, wenn es sich anschickte, mehr sein zu wollen, und doch immer wieder scheiterte. Gegen Argentinien an der WM 2014, gegen Polen an der EM 2016.

«Ein Team wird einen Fehler machen»

Petkovic sagte, er erwarte gegen Portugal ein grosses Spiel mit vielen Emotionen. Der Coach, der im Moment zu leben und nur in kleinen Schritten zu gehen pflegt, ist keiner, der weit vorausschaut. Das hat er schon nicht getan, als bald einmal klar war, dass es zu diesem Endspiel in Lissabon kommen würde. Und das tut er auch jetzt nicht. Für den Tessiner war und ist immer die nächste Partie die wichtigste. Anders sieht es bei seinen Spielern aus, wenn Granit Xhaka etwa erwähnt, die Partie käme einem WM-Final gleich. «Zwei Teams treffen aufeinander, die bis anhin fast alles richtig gemacht haben. Und dann wird eines davon diesen ­einen Fehler machen. Von solchen ­Spielen träumst du als Fussballer.» Es sei die perfekte Konstellation, dass die Schweiz gegen einen grossen Gegner etwas erreichen könne. «Wir werden parat sein.» Offensivspieler Xherdan Shaqiri spricht vom «Charaktertest», Blerim Dzemaili davon, dass man gar alle Spiele der WM-Qualifikation gewinnen könne. Und selbst Stephan Lichtsteiner, der Captain der Schweiz, der mit Juventus schon so viele Spiele auf höchstem Niveau bestritten hat und auch schon mehrmals gegen Cristiano Ronaldo auflief, gibt der Affiche einen hohen persönlichen Stellenwert. Jedoch überhöht der Verteidiger sie nicht. Der 33-Jährige tut dies mit Recht nicht, zumal es letztlich immer noch nur um ein Fussballspiel geht – und nicht um Weltpolitik oder Shakespeare.

Auf Unentschieden spielen? Oder doch auf Sieg?

Die Frage bleibt, welche Taktik Petkovic seinen Spielern für dieses Fussballspiel zurechtlegt. Zumal sich die DNS der Mannschaft unter diesem Trainer ziemlich verändert hat. Heute will sie auch gegen die Nummer drei der Fifa-Weltrangliste dominieren, den Europameister von Frankreich.

Allerdings befindet sich die Schweiz im Grunde in einer komfortablen Ausgangslage: Sie fährt mit zwei möglichen Resultaten an die WM nach Russland, ein Vorteil, den sie sich seit dem 2:0 zum Auftakt gegen die Portugiesen erarbeitet hat. Und in den folgenden acht Spielen nicht mehr hergab. Mehr noch. Zuletzt spielte sie gegen Andorra, Lettland und Ungarn so beschwingt, so euphorisiert Fussball, dass die Verbannung in die Barrage einem ziemlich heftigen Schlag gleichkäme. Ein Schlag, von dem man nicht wüsste, wie sie sich erholen würde. In jenen Spielen vom 9. und 14. November würden dannzumal keine einfachen Aufgaben warten, doch wenigstens wäre die Schweiz als aktuelle Weltnummer sieben gesetzt. Ein Trost, der keiner sein kann. Zumal dann der Gegner Italien sein könnte, der zuletzt in seinem Parcours schwächelte und in der Weltrangliste noch abrutschen dürfte. Etwas aber wäre gewiss: Noch nie war eine Nation mit einem derart guten Durchschnitt – 2,7 Punkte pro Spiel – nicht direkt für eine Endrunde qualifiziert gewesen.

Hätte, wenn und aber, das alles sind Rechenspiele, die Petkovics Team nicht nötig haben will. Gestern jedenfalls sagte der Trainer an der Pressekonferenz in Lissabon: «Wir sind unfähig, auf ein Unentschieden zu spielen, wir haben das bis jetzt in der Qualifikation gezeigt. Wir wollen auch gegen Portugal gewinnen.» Der Schweizer Nationalcoach will und kann die Spielphilosophie seiner Mannschaft wegen eines Spiels nicht umstellen, er sagt, es wäre ihm gar nicht die Zeit geblieben, alles auf den Kopf zu stellen. Selbst wenn er es gewollt hätte.

29 eingesetzte Spieler, 14 verschiedene Torschützen

Die Schweiz hält die Zügel heute selbst in der Hand. Sie kann auf ein Kollektiv vertrauen, in dem 29 Akteure in der laufenden WM-Qualifikation zum Einsatz kamen. Die 23 Tore, die sie dabei erzielt hat, verteilen sich auf 14 Schultern. Während Portugal eigentlich eine One-Man-Show ist. Petkovic sagte, man werde voller Selbstvertrauen und Überzeugung in die Partie gehen. Er sei stolz auf seine Mannschaft, was sie erreicht habe. Das ist viel, und das ist noch mehr, wenn sie nach dem Schlusspfiff die Gewissheit hat: Wir sind WM-Teilnehmer.

Video: Wie spielt die Schweiz gegen Portugal?

Am Abend spielt die Schweizer Fussballnationalmannschaft ihr entscheidendes WM-Qualifikationsspiel gegen Portugal. Ein Punkt würde für eine Qualifikation reichen. So denken Luzerner über den Ausgang. (Pascal Bloch / SDA, 10.10.2017)




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