Mehr Teamgeist geht nicht

NATIONALTEAM ⋅ Das Pfeifkonzert des Schweizer Publikums gegen Haris Seferovic ist auch am Tag danach das dominierende Medienthema. Dabei hätte doch jetzt die Vorbereitung der WM bereits begonnen.
14. November 2017, 04:39

Christian Brägger, Basel

Die Pfiffe gegen Haris Seferovic sind ein Ärgernis. Laut Yann Sommer «ein No-Go, unverständlich». Dem Schweizer Goalie fehlen in der Nacht des Erfolgs die Worte, Breel Embolo ist «fassungslos». Und Verbandschef ­Peter Gilliéron sagt später, «die Schweizer Zuschauer brauchen wahrscheinlich etwas Erziehung. Aber ich weiss nicht wie.»

Im Grunde lohnte es sich nicht, über das Thema weiter zu reden. Die vierte WM-Teilnahme in Serie hat den Raum verdient, nicht ein Misstritt des Publikums. Doch etwas Wunderbares ereignete sich auf dem Platz in den Momenten nach dem Schlusspfiff, als Seferovic nicht wusste, ob er vor Seelenschmerz weinen oder mit den Teamgefährten ­jubeln sollte. Der verletzte Valon Behrami umarmte den Stürmer, später Embolo, irgendwann der Captain Stephan Lichtsteiner. Oder Fabian Schär. Jung und alt, Routiniers und solche, die es einmal werden, vereint mit einem vermeintlichen Sündenbock. Mehr Teamgeist geht nicht, es ist eines der Verdienste von Trainer Vladimir Petkovic und eine Waffe, mit der diese Schweizer ins WM-Turnier ziehen werden.

Rückblick: Die Ausgangslage als Hypothek

Der Fussball vergisst bekanntlich schnell, schon ein paar Tage später besteht meist die Möglichkeit, Resultate und Ereignisse zu revidieren. Bis zum nächsten Länderspiel der Nationalmannschaft aber dauert es Monate, für Seferovic eine lange Zeit. Dabei war doch die Schweiz zuletzt sportlich und emotional genug gefordert: Nach dem EM-Aus in Frankreich gegen Polen und nach der Niederlage gegen Portugal – notabene der einzigen im zehnten und letzten WM-Qualifikationsspiel. Die Kräfte wieder zu bündeln, sich neu zu sortieren, positiv und hungrig zu bleiben und weiter hart an sich zu arbeiten, das ist nicht einfach. Rückschläge sind Hypotheken, Störfeuer, an denen Teams Schaden nehmen können. Die Schweiz hat es dennoch geschafft, das Scheitern in Frankreich und in Lissabon beiseite­zuwischen. Mit dem zweiten 0:0-Spiel unter Petkovic erreichte sie jetzt ebenso Grosses wie mit dem ersten, als sie an der EM gegen den Gastgeber den Achtelfinaleinzug sicherstellte. Doch wie wird sie mit den Pfiffen umgehen? Gut möglich, dass sie noch mehr zusammenrückt.

Petkovic jedenfalls fordert mehr Weitsicht des Publikums, wie seine Spieler müsse es mit beiden Füssen auf dem Boden und realistisch bleiben. Wenn der Tessiner solche Ratschläge gibt, sagt dies nicht irgendwer. Sondern der statistisch beste Nationaltrainer, den der Verband je hatte. Im Gegensatz zum Publikum sehen hier die beiden Parteien, was sie aneinander haben. Sie erkennen ihre fruchtbare Beziehung, zu der auch die Spieler gehören. So spürt auch Gilliéron eine Reife im Team und spricht davon, selten eine so starke Gruppe gesehen zu haben. «Sie ist solidarisch und hat die Mentalität der kleinen Schweiz abgelegt.»

Ausblick: Alles noch besser machen

Am 1. Dezember wird die Schweiz ihre Gruppengegner kennen. Weil sie im Lostopf zwei ist, könnte es ein schwieriges Unterfangen werden, die Vorrunde zu überstehen. Zumal wohl aus Topf eins ein Hochkaräter droht. «Wir sind hungrig, der Gedanke, wie weit wir kommen können, interessiert uns nicht. Wir wollen vieles besser machen und als Konsequenz daraus so viel wie möglich erreichen», sagt Petkovic.

Der Verband belohnt die Spieler für die Qualifikation mit insgesamt etwa 2 Millionen Franken. Einer wie Seferovic, der im Parcours nach Russland immer zum Einsatz kam, erhält so rund 180000 Franken an Prämien. Der SFV kann es sich leisten, ihm sind 8,1 Millionen Euro gewiss: So viel schüttet die Fifa jedem WM-Teilnehmer aus.


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