Anthony Hodson: «Nicht in Panik ausbrechen»

FUSSBALL ⋅ Auch Neuseelands Nationalelf spielt eine Barrage um die WM-Teilnahme: Am Samstag tritt der Ozeanien-Gruppensieger in Wellington (4.15 Uhr MEZ) zum Hinspiel gegen den Südamerika-Fünften Peru an.
09. November 2017, 08:33

Sissi Stein-Abel, Wellington

sport@luzernerzeitung.ch

Rory Fallon war ein halbes Jahr alt, als sein Vater die erste Sternstunde des neuseeländischen Fussballs mitprägte. Kevin Fallon war Co-Trainer, als sich die «All Whites» genannte Nationalmannschaft zum ersten Mal für die Weltmeisterschaft qualifizierte und sich 1982 in Spanien in ihren drei Gruppenspielen gegen Schottland (2:5), die UdSSR (0:3) und Brasilien (0:5) ... nun, einigermassen achtbar aus der Affäre zog. Der spätere Bundesliga-Superstar Wynton Rufer, Ozeaniens Fussballer des Jahrhunderts, war damals neunzehn und ein Frischling auf der internationalen Bühne.

Rory Fallon war siebenundzwanzig, als er den Ozeanien-Gruppensieger Neuseeland – nach dem 0:0 im Hinspiel – im November 2009 mit seinem Treffer zum 1:0 im Rückspiel gegen Bahrain, den Fünften der langwierigen Asien-Runde, zur WM 2010 nach Südafrika köpfelte. Er war der 1,88 Meter grosse, böse Mann, der nach Meinung der Fans besser als sein Vater ist: «He’s big, he’s bad. He’s better than his dad.» Die Gruppen­spiele in Südafrika (1:1 gegen die Slowakei und Italien, 0:0 gegen Paraguay) überstanden die All Whites ungeschlagen, gegen Italien hätten sie sogar den Sieg verdient gehabt.

Jetzt ist Rory Fallon fünfunddreissig, ein alternder Stürmerstar, der in der englischen Kleinstadt Dorchester nur noch in der siebten Liga kickt. Ein Jahr lang war er bei den All Whites weg vom Fenster, fand erst Mitte Oktober wieder einen Verein. Und doch steht er im Aufgebot der All Whites, die am Samstag (4.15 Uhr MEZ) in Wellington und am folgenden Donnerstag (4.15 Uhr MEZ) in Lima in den Entscheidungsspielen gegen den Südamerika-Fünften Peru wild entschlossen sind, das dritte Fussball-Wunder für die Inselnation im Südpazifik zu vollbringen.

Lächerlich leichte Gruppe mit Fidschi und Vanuatu

Das «Ganz in Weiss»-Team, Nummer 122 der Fifa-Weltrangliste, gegen den Weltranglisten-Zehnten, der zwar schon bei vier Weltmeisterschaften dabei war (letztmals aber 1982): ein Kampf zwischen David und Goliath, sollte man meinen. In der lächerlich leichten Ozeanien-Gruppe hatten es die Neuseeländer mit Fidschi, Vanuatu, Neukaledonien, Papua-Neuguinea und den Solomon-Inseln zu tun, und ihren letzten Sieg gegen ein nicht in Ozeanien beheimatetes Team feierten sie vor zwei Jahren (1:0 gegen Oman); seither gab es sieben Niederlagen und ein Unentschieden. Im Gegensatz dazu musste sich Peru in der riesig schwierigen Südamerika-Ausscheidung, in der sich Brasilien, Uruguay, Argentinien und Kolumbien direkt für die Endrunde in Russland qualifizierten, mit absoluten Topteams der Welt herumschlagen und liess immerhin Chile hauchdünn hinter sich.

Aber aufgrund der vorläufigen Dopingsperre ihres Kapitäns Paolo Guerrero, der nach der Partie gegen Argentinien am 5. Oktober positiv auf ein vermutlich in einem Erkältungsmedikament enthaltenes Stimulanzium getestet wurde, sind die «Inkas» plötzlich gar nicht mehr der haushohe Favorit. «Er ist wohl unersetzlich», sagt Neuseelands Trainer Anthony Hudson über den 33-jährigen Stürmerstar Guerrero, der in seinen acht Jahren in der deutschen Bundesliga (FC Bayern, Hamburger SV) 47 Tore erzielte und jetzt bei Flamengo Rio in Brasilien unter Vertrag steht. «Ich sehe keinen, der bei den Peruanern solch eine physische Präsenz hat wie er, damit sie ihr bevorzugtes Spiel spielen können.»

Hudson, ein 36-jähriger Engländer, der nach der gescheiterten WM-Qualifikation für Brasilien 2014 (1:5 und 2:4 gegen Mexiko) vor etwas mehr als drei Jahren die Nachfolge von Wynton Rufers Weggefährten Ricki Herbert antrat, hat auf der anderen Seite nicht wirklich vor, seinen «grossen, bösen» Stürmer Rory Fallon in die Startelf zu stellen. Die Rolle des Torjägers, der mit 16 Jahren seine Siebensachen packte und nach England flüchtete, weil er die Rugby-Sucht in Neuseeland nicht mehr ertragen konnte, ist eine andere. Für den schweren Kampf seiner Underdogs braucht er jemanden, der die Moral der Truppe hebt, einen, der die Spannung lösen und erzählen kann, wie es ist, ein Fussball-Wunder zu vollbringen, die Herzen einer Nation zu erobern, die auf Rugby, Rugby und nochmals Rugby fixiert ist.

Der Traum, das Land glücklich zu machen

Eine bemerkenswerte Massnahme, denn aus dem Team von 2009/2010 sind noch einige ­Profis dabei, inklusive Kapitän Wins­ton Reid und Stürmer Shane Smeltz. «Rory ist eine herausragende Persönlichkeit», sagt Hudson, der als Spieler keine erwähnenswerte Karriere vorzuweisen hat. Umso mehr träumt er davon, «etwas ganz Besonderes für mein Land zu tun und etwas zu schaffen, was die Leute begeistert und mit Stolz und Glück erfüllt.»

Da die Legionäre aus Europa ihre Verletzungen auskuriert haben und fit am anderen Ende der Welt angekommen sind, kann Hudson erstmals seit langer Zeit aus dem Vollen schöpfen. «Aber der Schlüssel zum Erfolg ist, der Mannschaft und dem Umfeld zu vermitteln, dass wir nicht unter Druck stehen, dass wir nicht in Panik ausbrechen müssen», sagt der Coach. «Wir sind ruhig, gelassen, und wir sind total auf die Dinge fokussiert, die wir tun müssen, um ein gutes Resultat einzufahren.»

Und wenn die «All Whites» in einer Woche das Rückspiel im Hexenkessel von Lima überstehen, dann wird vielleicht sogar der Vertrag von Anthony Hudson verlängert.


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