Schweizer Challenge im Windsor Park

WM-PLAYOFFS ⋅ WM-Playoffs sind per se unberechenbar. Die Schweizer sind in Belfast darum bemüht, die nordirischen Unwägbarkeiten auf ein Minimum zu reduzieren.
09. November 2017, 05:46

Ein riesiger Fight sei angesagt, die totale Bereitschaft sei unverzichtbar, alles eine Frage der Mentalität. Vladimir Petkovic erhielt seit der Auslosung im Home of FIFA zahllose Gratistipps. Ob die gut gemeinten Ratschläge hilfreich sind, ist eine andere Frage. Einige Exponenten der letzten Playoff-Generation äusserten sich in den letzten Wochen zum Thema. 2005, Istanbul, Schikanen, Übergriffe. Zuberbühler und Co. haben am Bosporus gelitten und bis heute nichts vergessen.

Die aktuelle Ausgangslage ist allerdings nur schwer mit jener vor zwölf Jahren zu vergleichen. Im Windsor Park spielen politische Ressentiments keine Rolle, ein Spiel ohne (Fairness-)Grenzen ist nicht zu befürchten. Die Rollen sind 2017 klar verteilt: Die SFV-Auswahl hat sich in verschiedenen internationalen Rankings eine erstklassige Positionierung erarbeitet, die Nordiren sind erst seit der letzten EM-Kampagne wieder auf dem europäischen Radar aufgetaucht.

Aus der Optik des Favoriten entspricht der Vorstoss an eine Endrunde schon fast dem Courant normal. Das Publikum ist anspruchsvoll, die Erwartungshaltung der Mannschaft ist kaum geringer. Die SFV-Vertreter sind in grossen Fussball-Nationen mit flächendeckender medialer Begleitung beschäftigt: in Italien, England, Deutschland. Für Professionals wie Stephan Lichtsteiner, Granit Xhaka oder Yann Sommer gehören Druck und Leistungskultur mit allen Facetten zum Alltag.

Ihren Statements im Vorfeld der wichtigsten Partien seit dem EM-Achtelfinal gegen Polen (5:6 n.P.) ist zu entnehmen, dass den Leadern die Tragweite der anstehenden Aufgabe hundertprozentig bewusst ist. An der Balance zwischen Selbstbewusstsein und Respekt vor dem Kontrahenten ist nicht zu zweifeln. Jedem ist im Detail klar, dass in den kommenden 180 Minuten die Arbeit von rund 2,5 Jahren auf dem Spiel steht.

"Was war, interessiert niemanden mehr. Vor uns liegt eine neue Aufgabe, eine neue Challenge", arbeitet Keeper Sommer die Ausgangslage ausgesprochen nüchtern auf. Man müsse Präsenz markieren und zugleich Geduld aufbringen. Cleverness sei gefragt und das richtige Mass an Adrenalin: "Die Geschichte hier muss man ruhig angehen, mit klarem Kopf."

Stress, Intensität, Passion

Gegen die Nordiren muss ein Ensemble, dem angesichts seiner Entwicklung und seiner Begabung ein WM-Viertelfinal zugetraut wird, den Nachweis erbringen, schon vor dem eigentlichen Turnier eine Knock-out-Challenge schadlos zu überstehen. Bis anhin hat der Kern der Gruppe sowohl auf WM- als auch auf EM-Ebene prekäre Momente souverän bewältigt - in Brasilien 2014 gegen Honduras (3:0) und im Sommer 2016 gegen Albanien (1:0).

Stress, Intensität, Passion - im Windsor Park dürfte der normale Bausatz der Auswahl von Petkovic nicht genügen. Mehr Ballbesitz ist programmiert, entscheidend dürfte sein, wie souverän die Schweizer mit der Kontrolle des Spiels umgehen, wie sie auf den zuweilen wilden Stil des technisch limitierten, aber beseelten Herausforderers reagieren, wie wenig gegnerische Euphorie sie zulassen.

"Wir dürfen die Beine nicht zurückziehen. Jeder Zweikampf, jeder Fehlpass des Gegners wird von den Zuschauern wie ein Tor gefeiert", platzierte Vladimir Petkovic am ersten SFV-Camptag eine deutliche Botschaft, wie er sich den Auftritt in der rauen nordirischen Hauptstadt vorstellt. Und der Selektionär stellte auch klar, wie die schwierige Pflicht unabhängig vom Gegenüber zu lösen ist: "Wenn wir unseren Stil umsetzen, ist das entscheidend."

Die Warnung

Vor seinem Anhang ist Michael O'Neills Team schwierig auszumanövrieren. Neun seiner letzten zehn Qualifikations-Heimspiele hat der letztjährige EM-Debütant nicht verloren. "Ich erkenne gewisse Parallelen zu Island", erklärte Nordirlands Nationalcoach am Montag vor einer Woche im kleinen Kreis. Seine Feststellung hörte sich wie eine Warnung an. (sda)


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