Wladimir Putin drängt Baustellen zur Eile

WM-AUSLOSUNG ⋅ Der WM-Pokal glänzt schon im Scheinwerferlicht. Die Urnen für die Auslosung stehen auf der Bühne im Moskauer Kremlpalast bereit.
30. November 2017, 13:19

Wenn am Freitag (16.00 Uhr MEZ) die Ziehung der WM-Gruppen als Hochglanz-Gala in alle Welt übertragen wird, will Präsident Wladimir Putin sein Russland als modernen und freundlichen Gastgeber für die WM-Endrunde 2018 präsentieren.

Knapp 200 Tage bleiben bis zum Anpfiff des Turniers am 14. Juni des kommenden Jahres. Damit das Fussballfest für Organisator Russland ein Erfolg wird, muss fernab der Fernsehkameras aber noch einiges geschehen. Auch Putin weiss das und drängt zur Eile.

Samara nicht im Zeitplan

"Eine Verzögerung bei der Vorbereitung der WM-Endrunde ist nicht akzeptabel", sagte er bei einem Treffen mit Sportfunktionären im Oktober. Es gebe noch Kleinigkeiten zu tun, nichts Gravierendes. "Aber wenn wir nachlassen, bringen wir sie auch nicht zu Ende", sagte Putin.

Vor allem in der Wolgastadt Samara hängt der Bau des Stadions hinter dem Zeitplan. Putin will keine Baulücken, Pfützen oder Halden mit Bauschutt sehen, "alles soll angenehm für die Leute sein".

Die WM ist für die stolze Sportnation Russland, die durch die jüngsten Doping-Enthüllungen weiter unter Druck geraten ist, Staatsangelegenheit auf höchstem Level. Die Regierung investiert umgerechnet rund zehn Milliarden Euro in das Fussballfest. Experten zufolge könnten die Kosten gar doppelt bis dreimal so hoch ausfallen - ein immenses Konjunkturprogramm für die Wirtschaft nach Jahren der Rezession.

Vor allem die russische Provinz sieht sich als Nutzniesser der WM. Beispiel: Saransk. International kaum bekannt, gilt die Hauptstadt der Teilrepublik Mordwinien rund 650 Kilometer südöstlich von Moskau als besonders lebenswerte Stadt in Russland. Zahlreiche Baumassnahmen sollen auch über die WM hinaus den 300'000 Einwohnern den Alltag verschönern. Am Ufer des Flusses Insar wurden 1,3 Kilometer Promenade gebaut. Ein grosses Hotel soll nach dem Turnier teils zu Sozialwohnungen umgebaut werden, wie örtliche Medien berichten.

In jeder Provinzstadt soll die WM ihre Spuren hinterlassen: Im südrussischen Rostow am Don ist ein neuer Flughafen entstanden. In der Ostseemetropole Kaliningrad (ehemals Königsberg) wurde brachliegendes Land für ein Stadion und Parkanlagen erschlossen. In Nischnij Nowgorod haben die Behörden in diesem Jahr umgerechnet rund 32 Millionen Euro für den Strassenbau bekommen.

Doch Korruptionsvorwürfe trüben die glanzvollen Pläne. Nicht nur rund um das Stadion in St. Petersburg gab es Skandale von Unterschlagung. Auch in der Provinz haben Beobachter Zweifel, dass das viele Geld am richtigen Ort ankommt.

Sportlich überschaubarer WM-Gastgeber

Und auch sportlich prasselt immer wieder Kritik auf die Organisatoren ein. Ob die Sbornaja unter Teamchef Stanislaw Tschertschessow die Gruppenphase überstehen kann, wird in der Moskauer Fachpresse heftig diskutiert. In ausländischen Medien kommen Doping-Debatten rund um das russische WM-Team von 2014 auf. Doch Russlands Sport-Multifunktionär Witali Mutko lässt die Vorwürfe mit Witz abtropfen: "Wenn wir unter Doping so spielen, dann stellen Sie sich vor, wie wir ohne spielen würden." Damit bezog er sich auf die fortwährende Kritik an der Leistung der Sbornaja.

Trotz aller Kritik ist Russlands Führung überzeugt, dass das Milliardenprojekt WM das Land nachhaltig verändern kann. "Das wichtigste Ziel eines grossen internationalen Sportevents ist, eine Grundlage für die Zukunft zu schaffen", sagte Putin. "Die Menschen aufmerksam machen auf den Sport, auf eine gesunde Lebensführung, auf eine effektive und langfristige Nutzung von Gebäuden und Infrastruktur", das sei die Aufgabe, betonte der Kremlchef. (sda/apa/dpa)


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