Marcel Hug ist Doppel-Weltmeister

BEHINDERTENSPORT ⋅ Der Nottwiler Marcel Hug dominiert das wegen eines Massensturzes am Montag neu angesetzte 800-m-Rennen. Wie an den Paralympics in Rio 2016 durch einen Start-Ziel-Sieg.
21. Juli 2017, 22:09

Urs Huwyler, London

sport@luzernerzeitung.ch

Die Überlegenheit erstaunte. Der vierte Rang über 400 m nach einem selbst verschuldeten Fehler in der zweiten Kurve am Vortag ärgerte den enttäuschten Doppelweltmeister, und die Annullierung des ersten 800-m–Triumphes kostete Nerven, weil es auch Stimmen gab, Marcel Hug habe den Massensturz verursacht. «Natürlich macht man sich Gedanken. Aber als klar war, dass es ein Wiederholungsrennen gibt, war das Thema für mich erledigt.»

Mit dem Titel über 800 m hat der zweifache Paralympicssieger über 400 m, 800 m, 1500 m, 5000 m, 10000 m und im Marathon während seiner Karriere auf allen Distanzen WM-Gold gewinnen können. Was dem weltbesten Allrounder nicht bewusst war: «Eigentlich ist es unwichtig. Es geht um die jetzigen Erfolge und nicht um jene in der Vergangenheit. Aber die Statistik zeigt vielleicht, dass ich über alle Distanzen recht gut bin.» Was einer Untertreibung gleichkommt.

Vor dem Jubel auf den Grossbildschirm geschaut

Trainer, Coach und Mechaniker Paul Odermatt hatte nach der Machtdemonstration seines Modell-Athleten leicht feuchte Augen. «Marcel ist mindestens so stark wie in Rio. Was er jetzt gezeigt hat, ist grosse Klasse. Er hat alles richtig gemacht, obwohl die letzten Tage nicht einfach waren», fasste der langjährige Wegbegleiter das zusammen, was nicht nur in der Schweizer Delegation alle dachten. «Ich habe mich jeweils rasch auf den Grossbildschirmen im Stadion orientiert, was sich hinter mir abspielt. Als Yassine Ghabri auf der Aussenbahn angriff, habe ich das Tempo erhöht. Es reichte», analysierte Hug die beiden Stadionrunden.

Es sah wie schon über 1500 m bei jenem Mann, der 2004 in Athen seine erste Paralympics-Medaille geholt hatte, alles spielerisch leicht aus. Er tat instinktiv das Richtige. «Es ist nicht zuletzt eine Frage der Erfahrung, dass ich mich in schwierigen Situationen sofort neu orientieren kann. Früher war dies nicht immer der Fall.» Einige bittere Niederlagen basierten auf einer nicht aufgegangenen Taktik. Nun scheint sich alles auszugleichen.

Die beiden Goldmedaillen in Rio – nebst zweimal Silber– lösten beim «Silver Bullet» teilweise die Verkrampfung, endlich Paralympicssieger werden zu müssen. «Andererseits», hält der 31-jährige gebürtige Thurgauer fest, «steigt dadurch die Erwartungshaltung. Eine Bronzemedaille wird schon fast als knapp erfüllt betrachtet. Der eine Druck wird kleiner, der andere eher grösser.» Aber das gehöre zum Sport, ist Marcel Hug überzeugt.

Am Sonntag könnte drittes Gold folgen

Über 5000 m wird er zum Abschluss der WM (live auf SRF am Sonntag um 19.20 Uhr) erneut als Kronfavorit starten. «Ich werde mich unabhängig von den beiden bisherigen Titeln intensiv vorbereiten und möchte das Rennen gewinnen», sagt der Schweizer Teamleader. «Aber jedes Rennen muss zuerst gefahren werden. Es kann immer etwas passieren.»

Wie über 800 m. Vielleicht war die Wiederholung einer der grössten Prestigeerfolge von Marcel Hug überhaupt. Paul Odermatt sah es ähnlich, als er dort, wo in zwei Wochen Usain Bolt Red und Antwort stehen wird, auf seinen physisch und psychisch überlegenen Athleten wartete.


Leserkommentare

Anzeige: