Nach Niederlage in Schweden: Italien 90 Minuten vor der Apokalypse

WM-BARRAGE ⋅ Nach dem 0:1 im Hinspiel der WM-Playoffs gegen Schweden steht die Squadra Azzurra beim Rückspiel in Mailand mit dem Rücken zur Wand. Dass der vierfache Weltmeister Italien zum ersten Mal nach sechzig Jahren die Qualifikation für eine WM-Endrunde verpassen könnte, ist für die Spieler und Tifosi irgendwie unvorstellbar.
11. November 2017, 15:14

«Die halbe Apokalypse», titelte der «Corriere della Sera» am Tag nach der kläglichen Niederlage der Azzurri in Schweden. Das Mailänder Blatt spielte dabei auf eine Aussage des italienischen Verbandschefs Carlo Tavecchio an, der die – natürlich nicht ernsthaft in Erwägung gezogene – Möglichkeit, die WM zu verpassen, im Vorfeld der beiden Entscheidungsspiele als Weltuntergang, als Apokalypse eben, bezeichnet hatte.

Die erste Hälfte der Barrage ist nun gespielt, und Italien blickt in den Abgrund. Am Montagabend verbleiben 90 oder maximal 120 Minuten, um das Undenkbare im Mailänder San-Siro-Stadion noch abzuwenden. Für die italienischen Spieler ist die Aussicht, die WM 2018 in Russland eventuell am heimischen Fernseher mitverfolgen zu müssen, ein Albtraum. Es ist auch erst zweimal vorgekommen: 1930 verzichtete der italienische Verband freiwillig auf eine Teilnahme an der WM in Uruguay, 1958 scheiterte Italien das bisher einzige Mal in der Qualifikation. «Wir müssen ganz einfach an die WM fahren; falls wir gegen Schweden ausscheiden sollten, wäre das ein niemals zu tilgender Makel», erklärte der Römer Mittelfeldspieler Daniele De Rossi vor dem Spiel. Der 34-jährige De Rossi ist zusammen mit dem 39-jährigen Torhüter Gianluigi Buffon der letzte Weltmeister von 2006, der immer noch in der Squadra Azzurra dabei ist.

Der Erwartungsdruck, der auf der Mannschaft schon vor dem Hinspiel in Schweden lastete, war enorm – und wirkte sich auf dem Platz aus: Die Italiener liessen sich von den gewohnt körperbetont spielenden schwedischen Hünen jeglichen Schneid abkaufen; sie wirkten unsicher, konfus, richtiggehend blockiert. Nur zwei mickrige Torschüsse brachten die Azzurri in den 90 Minuten zustande – ein Kopfball von Andrea Belotti flog neben das Tor, Matteo Darmian traf den Pfosten. Dass es ausgerechnet der erfahrene De Rossi war, der den einzigen Torschuss der Schweden unglücklich und für Buffon unerreichbar ablenkte, passte zu dem völlig missratenen Auftritt.

Italien braucht Kopf, Wut und den Willen, das Resultat zu drehen

Und nun? «Jetzt muss es San Siro richten», schrieb die «Gazzetta dello Sport» nach der Niederlage. Der Heilige Syrus also, nach dem das Mailänder Stadion benannt ist und in dem am Montagabend zum Rückspiel 70’000 Tifosi erwartet werden. Sie sollen die Spieler zum Sieg tragen – zu einem Sieg mit mindestens zwei Toren Unterschied, um eine Elfmeter-Lotterie zu vermeiden. Nationaltrainer Gian Piero Ventura wird die eine oder andere Position umbesetzen, die Taktik aber nicht grundlegend ändern, wie er sagte: «Wir müssen das machen, was wir im Hinspiel nicht gemacht haben: schnell und in die Tiefe spielen. Wir brauchen Kopf, Wut und den Willen, das Resultat umzukehren. Es gibt tausend Möglichkeiten, das zu tun.»

Es ist gut möglich, dass das Rückspiel gegen die Schweden für den 69-jährigen Ventura zur letzten Partie als Italiens Nationalcoach wird – im Falle einer Niederlage sowieso, aber auch falls die Azzurri die Qualifikation in letzter Sekunde noch schaffen sollten. Venturas Berufung zum Nachfolger von Antonio Conte im Sommer 2016 war angesichts seiner bescheidenen Erfolge als Vereinstrainer eher überraschend erfolgt; es ist dem Genuesen nie gelungen, der Mannschaft seinen Stempel aufzudrücken. Trotz zunächst ansprechender Resultate fehlte ihm nach kurzer Zeit auch der Rückhalt von Verbandsboss Tavecchio – und so mangelte es Ventura in der Mannschaft bald an Autorität. Den jungen Spielern zu erklären, was es bedeutet, das Nationaltrikot zu tragen, das tat nicht der «commissario tecnico» Ventura, sondern das musste der Doyen und unbestrittene Leader der Mannschaft, Gianluigi Buffon, übernehmen.

Für die Torhüter-Legende wäre die Nicht-Qualifikation besonders bitter: Buffon ist neben dem Deutschen Lothar Matthäus und dem Mexikaner Antonio Carbajal einer von weltweit nur drei Fussballern, die an fünf WM-Endrunden teilgenommen haben. Das Turnier in Russland im nächsten Jahr wäre für ihn die Gelegenheit, als einziger Spieler der Fussballgeschichte zum sechsten Mal an Weltmeisterschaften dabei zu sein. «Ein Traum», wie Buffon sagt. Aber dafür müssen er und seine Kollegen erst einmal die zweite Hälfte der Apokalypse verhindern.

Dominik Straub, Rom


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