Alles andere als eine ruhige Kugel

BOCCIA ⋅ Franco Serino (68) aus Emmenbrücke gehört zur nationalen Spitze. Und das in einer Randsportart mit einer bewegten Geschichte.

29. November 2016, 05:00

Boccia ist die italienische Variante des Boule-Spiels, bei dem es darum geht, seine eigenen Kugeln möglichst nah an eine kleinere Zielkugel (Pallino) zu platzieren oder dann die gegnerischen Kugeln vom Pallino weg­zuschiessen.

Diese Sportart scheint schon seit Jahrhunderten Menschen zu faszinieren. Dabei sind verschiedene Spielformen entstanden. Erste Anfänge können bis in die Steinzeit zurückverfolgt werden. Im 13. Jahrhundert spielte man in ganz Europa «a Bocce». Die grosse Beliebtheit des Spiels führte dazu, dass Karl der IV. von Frankreich 1319 das Boccia-Spiel verbot, denn das Volk sollte sich mit strategisch wertvollen Spielen wie Bogen- und Armbrustschiessen unterhalten. Um das Boccia rankt sich viel Geschichte und viele Geschichtchen: So soll Sir Francis Drake noch am 20. Juli 1588 erst eine Partie Boccia beendet haben, bevor er die spanische Armada versenkte, und Ludwig der XIII. verbot 1638 das Spielen im Stadtzentrum von Paris, um die öffentliche Ordnung nicht zu gefährden. Konnte doch aus der Menschenansammlung schnell ein aufständischer Haufen werden.

Nachwuchs lässt sich nicht begeistern

Von solcher Aufmerksamkeit können die Boccia-Spieler von heute bloss träumen. Im kleinen Rahmen fand am Samstag der 5. Meister-Cup mit 16 Teilnehmern im Bocciodromo auf der Luzerner Allmend statt. Die Luzerner wurden durch Franco Serino vertreten. Der 68-Jährige machte seine Sache gut. Er schob alles andere als eine ruhige Kugel, stand sogar mit einem Fuss im Final. Gegen den Berner Patrick Cosenza lag er zuerst mit 0:5 zurück, ehe er mit 11:5 in Führung ging. Ein Punkt fehlte zum Finaleinzug. Doch die Routine setzte sich in diesem Fall nicht durch: Der 38-jährige Cosenza siegte noch mit 12:11. «Solche Spielsituationen gibt es immer wieder. Manchmal gehört auch ein wenig Glück dazu», sagte Serino.

Der Emmenbrücker stammt aus Avellino in der Nähe von Neapel und ist gelernter Coiffeur. In Emmenbrücke arbeitete er bis zu seiner Pensionierung in der damaligen Viscosuisse. Er ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und einen Sohn. Für den Bocciasport konnte Franco Serino die beiden indes (noch) nicht begeistern. «Sie spielt Handball und er Fussball. Ich fing allerdings auch erst 43-jährig mit Boccia an. Vorher interessierte mich nur der Fussball.» Serino wurde 2014 sogar Schweizer Meister. Bei seiner ersten Meister-Cup-Teilnahme schaffte er es bis in den Final, diesmal war im Halbfinal Schluss. Fünf Spiele von morgens um 9 Uhr bis nachmittags um 16 Uhr, «das spüre ich nun in den Beinen. Sieben Stunden Geduld und Konzentration, der Kopf und die Arme müssen dabei harmonieren», erklärte Serino, worauf es im Boccia ankommt. «Dieser Tag hat aber Spass gemacht.» Für Anfänger hat er einen wichtigen Tipp: «Zu Beginn häufig und seriös trainieren. Ich beobachte immer wieder, dass Anfänger diesen Sport zu leger angehen.» Der Nachwuchs fehlt, das ist in Boccia-Kreisen immer wieder zu hören.

Trotzdem siegte am Samstag die Jugend über die Routine: Der Freiburger Thierry Roldan (30), der Titelverteidiger, gewann den Final gegen den Berner Cosenza klar mit 12:2. Beide Finalisten spielen für den BC Gümligen.

René Barmettler


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