Ein Dasein in der Spur des Glücks

ROLLSTUHLBASKETBALL ⋅ Ein erfülltes Leben führen trotz eines Handicaps – ein Widerspruch? Keinesfalls. Der Chamer Pascal Bolliger ist ein Beispiel dafür. Seit kurzem ist der erfolgreiche Sportler noch selbstständiger.

29. November 2016, 08:46

Michael Wyss

sport@zugerzeitung.ch

«Ich bin zufrieden und glücklich mit meinem Leben. Es geht mir ja gut. Ich habe auch gelernt, im Leben zu akzeptieren und nicht immer alles zu hinterfragen. Es ist so, wie es ist, und ich mache aus jeder Situation das Beste.» Das sind die Worte von Pascal Bolliger, die er beim Treffen im Schweizer ParaplegikerZentrum in Nottwil (SPZ) äussert. Der 28-jährige Single, der sich als gut gelaunt und fröhlich bezeichnet, ist ein Kämpfer. Seit seiner Geburt ist er an den Rollstuhl gebunden. Der in Cham lebende und aufgewachsene sympathische Bolliger ist mit einer Spina Bifida (angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule; auch «offener Rücken» genannt) geboren. Trotz dieses Schicksalsschlags meisterte der 28-Jährige sein Leben bisher ganz gut. Beruflich machte er seinen Weg. Er ist bei der Stadt Zürich in einem 60-Prozent-Pensum als kaufmännischer Mitarbeiter beschäftigt. Und im Rollstuhlbasketball gehört er zu den erfolgreichsten Athleten des Landes.

Bolliger begann seine Sportlerlaufbahn im Alter von zehn Jahren als Rollstuhlrennsportler. Seit 2006 ist der Ennetseer begeisterter Rollstuhlbasketballer. Die Leidenschaft für diesen Sport entdeckte er beim damaligen Rollstuhlclub Kriens (heute heisst der Verein Rollstuhlclub Zentralschweiz). Mit dem späteren Wechsel zu den Pilatus Dragons, die im SPZ trainieren, erlebte Bolliger seine schönste Zeit als Basketballer auf höchstem Schweizer Niveau. «Ich durfte mehrere Meister- und Cupsiegertitel mit den Dragons feiern. Das sind Momente und Erinnerungen, die bleiben. Jeder Titel war speziell schön.» Auf internationaler Bühne kann sich Bolliger mit den besten Spielern von Europa messen.

Der Chamer, der während der Saison von September bis April wöchentlich bis zu sieben Trainingseinheiten (Halle, Kraft und Fitness) absolviert und am Wochenende ein Spiel bestreitet, gehört seit dem Jahr 2009 der Schweizer Nationalmannschaft an. «Nebst Freundschaftsländerspielen konnte ich an Europameisterschaften teilnehmen. Die grössten Erfolge auf nationaler Ebene waren für mich die beiden Ligaerhalte mit der Schweiz in der A-Division, 2013 in Frankfurt und 2015 im englischen Worchester.» Es gibt bei den Nationalmannschaften eine A-, B- und C-Division, unterteilt nach Stärkeverhältnissen.

Der Traum von den grossen Turnieren

Bolliger träumt derzeit von einer Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Dafür müsste die Schweiz an der nächsten EM im 2017 auf Teneriffa unter die besten sieben Teams kommen: «Das ist unser Ziel und wäre ein super Ding für die Schweiz. Wir werden hart dafür arbeiten, dass wir dieses Unterfangen realisieren können. Es wird nicht einfach, dessen sind wir uns bewusst.» Noch in weiter Ferne ist eine Qualifikation für die Paralympics. Dafür müsste die Schweiz einen Spitzenplatz an einer EM oder WM erreichen. Je nach Austragungsort genügt eine Top-6-Rangierung (wenn die Paralympics in Europa stattfinden) oder ein Top-5-Platz (wenn sie ausserhalb von Europa abgehalten werden). Es gab aber auch Schattenseiten in Bolligers Sportlerdasein. Dazu gehört der Abstieg in die B-Division an der EM 2011 in Israel. «Wir haben in Nazareth sämtliche Spiele verloren. Das war ein Frust und eine riesige Enttäuschung. Da lief alles gegen uns – wirklich alles, was man sich vorstellen kann.» Welche Ziele verfolgt der Chamer mit seinem Verein, den Pilatus Dragons, in der laufenden Saison? «Wir wollen das Double verteidigen – es gibt nur dieses Ziel für uns», zeigt sich Bolliger kämpferisch. Nach dem vierten Spieltag liegen die Dragons auf dem zweiten Rang. Das nächste Heimspiel bestreitet das Team am Samstag, 17. Dezember, gegen den Leader Meyrin (19.00, SPZ Nottwil).

Zurück zu Bolligers Privatleben. Seine Familie spielt darin eine ganz wichtige und zentrale Rolle. «Ohne die Familie wäre ich heute wohl nicht da, wo ich bin. Meine Eltern Alice und Heinz und meine beiden Schwestern, die 33-jährige Martina und die 31-jährige Tatjana, sind mein Rückhalt, geben mir Kraft und Zuversicht.» Bolliger hat aber auch ein kollegiales Umfeld. «Ich treffe mich ab und zu noch mit Freunden aus der Schulzeit. Der Kontakt zu ihnen ist nie abgebrochen.» Er habe allerdings nicht mehr so viele Freunde wie früher. «Vielleicht ist es noch eine Hand voll Menschen, die mir beistehen und mir wichtig sind. Dafür kann ich mich auf sie verlassen, wenn ich sie brauche. Weniger ist mehr.»

Beeindruckt von Martschini

Er ist auch ein grosser Eishockeyfan und verfolgt die NLA-Partien des EV Zug mit, wenn es die Zeit erlaubt: «Ich bin so oft wie möglich in der Bossard-Arena. Momentan bereitet mir der EVZ viel Freude. Speziell freue ich mich auf die Play-off-Zeit, wo es um alles geht.» Besonders angetan ist er von Lino Martschini. «Ich bewundere ihn und bin erstaunt, dass er trotz seiner bescheidenen Körpergrösse seinen Weg zum Eishockeyprofi machte.» Mit einer Länge von 168 Zentimetern und einem Gewicht von 65 Kilogramm bringt Martschini tatsächlich keine Hockeystatur mit. «Das zeigt, dass man im Leben vieles erreichen kann, wenn man es will. Wie bei mir: Ich kann trotz einer körperlichen Beeinträchtigung ein normales Leben führen.»

Seit zwei Monaten fühlt sich Bolliger noch ein Stück freier: «Ich habe den Führerschein gemacht und besitze ein eigenes Auto. Das ist ein Glücksgefühl für mich, unbeschreiblich. Autofahren bedeutet für mich auch Freiheit – einsteigen und los­fah­ren, wohin ich will.» Gerne ist er aber auch in seinen eigenen vier Wänden. Bolliger managt seinen Haushalt seit diesem Frühling in seiner ersten eigenen Wohnung. «Alles ist eine Frage der Einstellung. Der Rollstuhl hindert mich nicht an meiner Selbstständigkeit oder da­ran, ein gutes Leben führen zu können.»


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