Harte Schale – weicher Kern

RUGBY ⋅ Bis vor einem Jahr kannte Sina Willmann (18) ihre bevorzugte Sportart nicht einmal vom Hörensagen. Doch die ersten Versuche gediehen fabelhaft. Jetzt steht die junge Frau aus Malters vor einer schönen Karriere.

18. Oktober 2016, 05:00

Dass Sina Willmann sportlich nie Ballett machen oder auf andere Weise eine ruhige Kugel schieben würde, das deutete sich schon früh an: «Ich war schon als kleines Kind ein Springinsfeld, wollte raus an die frische Luft, mich austoben.» Weil Sina sich bereits damals über erstaunliche Tendenzen auswies, ihre durchaus nicht zu unterschätzende Muskelkraft gezielt und zweckmässig einzusetzen, war es nichts als angebracht, dass «ich mich im sportlichen Wettkampf meist mit den gleichaltrigen Buben mass». Aber Rugby? Das ruhte noch weit hinter dem Mond.

Heute ist Sina Willmann 18 Jahre alt und verkörpert mit 1,75 Metern Körpergrösse und 70 Kilogramm Kampfgewicht die nahezu idealen Voraussetzungen für jene Sportart, die sie vor einigen Monaten durch Zufall entdeckte: «Wie das unsere Generation in der Freizeit halt so tut, habe ich ein bisschen im Internet gestöbert. Dabei bin ich auf ein Video mit Spielsequenzen des Rugby-Clubs Luzern gestossen. Ich war von der ersten Sekunde an fasziniert von dieser lässigen Sportart», an der sie, wie sie selbst eingesteht, nicht zuletzt den «Vollkontakt» in den Zweikämpfen ausserordentlich schätzt: «Das ist mein Revier, das ist meine Stärke. Wenn es im Infight so richtig hart auf hart geht, dann bin ich im Element.»

Ja, Sina Willmann ist eine junge Frau, die gerne die Ärmel hochkrempelt. Und so gesehen passts ja fast perfekt in das Klischee-Bild, dass sie sich beruflich für eine Ausbildung als Gipserin entschieden hat. Aber der erste Eindruck täuscht: «Ich habe ein weiches Herz», betont sie, die als zweite grosse Passion das Springreiten mit ihrem Pferd Dearado nennt: «Ich habe durchaus auch sensible Züge.» Diese werden indes beim Rugbymatch ganz unten in der Schublade verstaut: «Beim Rugby-Ernstkampf», lächelt sie, «gibt es kein Pardon. Da musst du deine Qualitäten einbringen.»

Das besagte Video führte Sina Willmann schnell zu einer Kontaktadresse, und nach den ersten spontanen Trainingslektionen «hat es mir den Ärmel so richtig hereingezogen. Ich spürte, Rugby, das ist mein Ding.» Die Anfängerin, die als Wing – so nennt sich ihre Position – auf der rechten Flanke fräst und die zentimetergenauen Zuspiele letztlich über die Mal-Markierung zu tragen hat, mutierte zur Senkrechtstarterin. Kaum ein halbes Jahr nach ihrem ersten Kontakt mit dem Rugby-Ei hinterliess die Spielerin der Luzern Dangels, dem Frauenteam des Rugby-Clubs Luzern, beim Bishops-Cup in St. Gallen einen derart überzeugenden Eindruck, dass sie als beste Spielerin des Turniers ausgezeichnet wurde. «Ich war enorm stolz», berichtet die ins Rampenlicht gerückte Sportlerin, «und im ersten Moment wusste ich gar nicht, was da mit mir passiert.»

Ihre starken Rugby-Tugenden war den Experten nicht verborgen geblieben: Wer in diesem Sport kräftig ist, zulangen kann und obendrein noch so schnell wie die Windsbraut in die freien Zonen prescht – ja, der macht sich schnell einen Namen. Doch die aufstrebende Willmann bleibt mit beiden Füssen am Boden: «Ich bin vernünftig genug, um zu wissen, dass ich keine Überfliegerin bin. Und ich weiss, dass ich diese Auszeichnung in erster Linie meinen Trainern und meinen Teamkolleginnen zu verdanken habe. Ich fühle mich in diesem Team einfach wohl.» Immerhin, schon fast andächtig-bescheiden, schiebt Willmann nach: «Ich habe mittlerweile schon mitbekommen, dass ich nicht ganz untalentiert bin. Und weil ich ehrgeizig bin, habe ich mir zum Ziel gesetzt, mich irgendeinmal für das Nationalteam zu empfehlen. Wenn mir das gelingt, geht ein grosser Traum in Erfüllung.»

Die Aufmerksamkeit für den Rugby-Sport wecken

Sina Willmann hat den Narren am Rugby «gefressen». Einer Sportart, die – so argumentiert sie – leider in der Schweiz immer noch einen zu geringen Bekanntheitsgrad hat. Und zwar deshalb, weil die feinen Facetten oft unterschätzt oder nicht bemerkt werden. Genau an dieser Rekrutierung junger Kräfte männlichen und weiblichen Geschlechts will der Rugby-Club Luzern arbeiten. Und wer – wie vor kurzer Zeit Sina Willmann – die Internet-Auskünfte des Vereins aufruft, der spürt schnell einmal: Ja, die wollen mich, hier könnte ich eine Sportart entdecken, die ein bisschen alternative Züge trägt. «Wir trainieren am Dienstag und am Donnerstag auf dem Fliegerschuppen der Allmend. Wer Lust hat, mitzumachen, der gibt am Morgen unserer Info-Zentrale ein Telefon – und am Abend ist er dabei.» Und das im Kreise einer lässigen Truppe, wie Sina betont. So «hurry», um im Rugby-Slang zu sprechen, geht das.

Und wie lautet ihr Leitfaden im Leben? «Was ich anpacke, das will ich sauber und gut zu Ende führen.» Ihre Gegnerinnen auf dem Rugby-Feld können ein Liedchen davon singen.

Roland Bucher

Jugendförderung wird ausgebaut

Der Rugby Club Luzern hat sein Angebot massiv ausgebaut und investiert vermehrt in die Jugendförderung. So ist auch Sina Willmann eine von mehreren  Neuzugängen, die seit kurzem bei den Dangels, der Frauenmannschaft des Rugby Clubs Luzern (RCL), spielen. Die Kleinsten, Mädchen und Buben zwischen 5 und 12 Jahren, trainieren jeweils am Sonntagmorgen von 10.30 bis 12 Uhr beim Kids Rugby auf der Sportanlage Allmend Süd. Für Jugendliche ab 13 Jahren gibt es ebenfalls ein Training, jeweils donnerstags von 18 bis 19 Uhr, ebenfalls auf der Allmend. Mit «Rugby for School» und einem Unisport-Angebot ist der Verein auch an Schulen und an der Universität Luzern präsent.
Auf nationaler Ebene gibt es betreffend Frauenförderung ein neues Projekt: Seit diesem September werden Förderturniere gespielt, bei denen Frauenteams, die – wie beispielsweise Zug oder Winterthur – sonst zu wenig Mitglieder für die reguläre 15er-Liga haben, zu Spielpraxis kommen. Auch neue Spielerinnen können dort Erfahrungen sammeln. Dadurch sollen dereinst mehr Teams um den Meistertitel spielen. Aktuell sind es derzeit mit Luzern, Bern, Zürich, Genf und Nyon-Monthey lediglich deren fünf.

Den Meistertitel in der 15er-Liga zurückholen

Die Rugby-Saison hat im September wieder angefangen. Die Dangels haben bereits ihren ersten Sieg gegen die Cern Wildcats aus Genf eingefahren. Als Nächstes wartet das Team aus Zürich auf die Luzernerinnen. Das nächste Heimspiel bestreiten die Dangels am 19. November (13.00) auf der Allmend gegen Nyon-Monthey. Erklärtes Ziel der Luzernerinnen ist, den Schweizer-Meister-Titel in der 15er-Liga, den sie letztes Jahr an Bern verloren, zurück nach Luzern zu holen. In der 7er-Rugby-Liga sind die Dangels aber nach wie vor vorne dabei. Hier gilt es, den Titel zu verteidigen. Die 7er-Turniere finden jeweils im Frühling statt.
In den vergangenen zwei Wochen waren zudem vier Dangels-Spielerinnen mit der Nationalmannschaft in Madrid, wo die europäische Rugby-Frauenmeisterschaft ausgetragen wurde, engagiert. Dabei wurde die Schweiz im Teilnehmerfeld von sechs Mannschaften Fünfte. Spanien, der Sieger dieses Turniers, wird gegen Schottland antreten und den letzten europäischen Platz an der Weltmeisterschaft ausspielen.
Die Männer des Rugby Clubs Luzern sind letztes Jahr in die NLB aufgestiegen. Das nächste Spiel findet am 29. Oktober (15.00) auf der Allmend Luzern statt. (bev)

Hinweis

Weitere Informationen auf www.rcl.ch und www.suisserugby.com


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