Wenn das innere Feuer erlischt

EISHOCKEY ⋅ Der Hünenberger Michael Küng hat nach 24 Jahren als Schiedsrichter aufgehört. Mit seiner Meinung zur Zukunft dieses Metiers hält er nicht hinter dem Berg.

27. September 2016, 05:11

Ortstermin: Der 43-jährige Michael Küng steht bei der Wall of Fame des EVZ in der Bos­sard-Arena. Dort stehen Namen von Spielern, die beim Zentralschweizer Eishockey-Klub in der einen oder anderen Weise Geschichte geschrieben haben. Gäbe es ähnliche Einrichtungen für Eishockey-Schiedsrichter, dann hätte Michael Küng darauf sicher einen Platz verdient. Der in Hünenberg See wohnhafte Bankkundenberater hat in den vergangenen 24 Jahren rund 1400 Eishockeyspiele geleitet.

Dabei ist ihm nichts geschenkt worden. Angefangen hat er wie die meisten aus seiner Zunft im Nachwuchsbereich. Dann hat er sich Liga um Liga emporgearbeitet. 2010 erhält Küng die Chance, als Head-Schiedsrichter in der NLA zu pfeifen. Auf diesem Niveau ist er auf 250 Spiele gekommen. Doch er habe «zunehmend den Verleider» bekommen. Das führt dazu, dass er in diesem Sommer Vorteile und Nachteile seines Hobbys – Küng arbeitet weiterhin zu 80 Prozent in seinem angestammten Job bei einer Bank – abzuwägen beginnt. «Ich hätte noch bis zu meinem 50. Lebensjahr weitermachen können», sagt Michael Küng und fügt an: «Es ist zunehmend schwieriger geworden, Familie, Beruf und das Schiedsrichteramt unter einen Hut zu bringen.» Und ohne das «innere Feuer» könne eine solche Tätigkeit, die höchste Konzentration erfordert, nicht erledigt werden. Das habe sich dann so geäussert, dass «ich mich nicht mehr auf die Spiele gefreut» habe. So hat es, wie Küng erzählt, oft Sonntage gegeben, an denen er «wie eine tote Fliege» herumgelegen sei. Und in diesem Zustand hätten seine Frau und seine zwei Kinder (8 und 7 Jahre alt) nichts von ihm gehabt. Deshalb spricht Küng auch von einer grossen Belastung, der ein Schiedsrichter ausgesetzt ist.

Profis und Amateure

Denn es ist längst nicht mehr so, dass die Arbeit der Schiedsrichter, so weiss Küng zu berichten, mit der Schlusssirene zu Ende ist: «Der Job bringt auch viel Bürokratie mit sich. So muss immer ein Spiel-Rapport erstellt werden.» Und längst wird auch auf Schiedsrichterstufe ein Match wie bei den Eishockeyspielern hinterher bis ins kleinste Detail analysiert. «Diese Nachbetrachtung ist sehr wichtig», unterstreicht Küng.

Sie soll auch dazu dienen, herauszufinden, ob die eine oder andere Spielsituation auch anders hätte gelöst werden können. Nicht zu verachten ist auch der Austausch mit den anderen Schiedsrichtern im Team. Hart sind dabei Partien während der Woche, die weit weg von Küngs Wohnsitz Hünenberg See stattgefunden haben. «Nach dem Spiel bist du dann noch nach Hause gefahren und musstest dann am nächsten Tag wie gewohnt wieder aufstehen», sagt Michael Küng. Immerhin habe er Zeit und Musse gefunden, sich auf dem Arbeitsweg die eine oder andere Videosequenz anzuschauen. Da haben es die Profis, so Küng, besser: «Sie können nach dem Matchtag ausschlafen.» Beim Entscheid, seine Karriere auf dem Eis zu beenden, hat auch der Umstand mitgespielt, dass er bei den Schiedsrichtern zunehmend eine Zweiklassengesellschaft ausmacht.

Auf der einen Seite die Profis, auf der anderen Seite die Amateure. Für Küng gibt es nur eine Richtung, die in der Zukunft Segen verspricht: «Das Profitum in diesem Amt muss sich durchsetzen. Jedes andere Modell ist auf Dauer nicht praktikabel. Dies auch, weil von Seiten der Klubs wie auch des Eishockeyverbandes die Ansprüche zunehmend steigen.» Küng wird diese Debatte nunmehr aus dem Off verfolgen. Er weiss aber aus Gesprächen mit Kollegen, dass sich im Schiedsrichterwesen ein «Generationenwechsel» abzeichnet: «Es werden bald auch andere Schiedsrichter aufhören.» Mitunter ein Grund sind laut Küng «Unstimmigkeiten mit dem Verband». An seine Zeit als Schiedsrichter denkt Küng zwar nicht mit Wehmut zurück, doch es sei wie immer: «Das Gute behalte ich im Gedächtnis, das Schlechte vergesse ich.»

Und wie hat er es mit Anfeindungen gehalten, die ja bekanntlich Schiedsrichtern sehr oft entgegenschlagen? «Ich habe mit Kritik immer gut umgehen können. Als Schiedsrichter weisst du unmittelbar nach der Entscheidung, ob sie gut oder schlecht war.» Kritische Worte haben aber nicht nur Zuschauer, Funktionäre und Spieler geäussert, diese seien auch intern gefallen: «Als Schiedsrichter stehst du ja unter Dauerbewachung. Nur so kannst du dich verbessern.» Eine Methode habe sich bewährt: «Fehler werden besprochen, dann ist es vorbei.» Küng ist aber weiterhin vom Eishockey fasziniert: «Ich liebe diesen Sport.» Er hat sich für die EVZ-Spiele in der Bossard-Arena ein Saisonticket gekauft. Nur sitzt er jetzt in der ersten Reihe und fährt nicht mehr auf der Bühne herum: «Ich will die Atmosphäre im Stadion geniessen.» Als Schiedsrichter habe er das nicht gekonnt: «Während des Spieles befindest du dich in einer Art Tunnel.»

Dabei sei er sich immer bewusst gewesen, dass eine «umstrittene Entscheidung in den letzten Spielminuten alles vorher Geleistete in Frage stellt.» Damit muss sich Küng nun nicht mehr auseinandersetzen. Er gibt zu, dass er ab und an zu den Schiedsrichtern in die Kabine gehe: «Ich rede aber nur mit ihnen. Ich kritisiere sie nicht.»

Und er verrät auch noch, wie er Trainer eingeschätzt hat: «Mir waren Coaches lieber, die an der Bande getobt haben, als diejenigen, die ganz ruhig ihre Arbeit erledigten.» Einen Tipp hat er aber für Schiedsrichter und solche, die es noch werden wollen: «Wenn du an die Bande der Spielerbank fährst, hast du schon verloren.» Solche Ratschläge hätte er bereits diese Saison weitergeben können. «Ich hatte eine Anfrage als Supervisor», sagt Michael Küng. Er hat aber vorerst abgesagt und will zuerst einmal seinen Lieblingssport Eishockey ganz einfach geniessen.

Und es ist nicht bei diesem Wechsel geblieben. Küng hat auch den Arbeitgeber gewechselt und arbeitet jetzt wieder im Vollzeitpensum als Bankkundenberater. Die Spiele sieht er übrigens weiterhin mit der «Schiedsrichterbrille», denn er sagt: «Ich ergreife für keine Mannschaft Partei.»

Doch als Zuger dürfte er insgeheim doch auf Siege des EVZ hoffen.

Marco Morosolimarco.morosoli@zugerzeitung.ch


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