«Würde gerne ein elegantes Kleid tragen»

ROLLSTUHLRUGBY ⋅ Eine bakterielle Blutvergiftung wurde Silvana Hegglin zum Verhängnis. Trotz Amputationen ist die 18-Jährige aus Nottwil eine optimistische Persönlichkeit, die im Sport eine Herausforderung gefunden hat.
02. Oktober 2016, 05:11

Theres Bühlmann

Schrammen, Stürze, Beulen – Rollstuhlrugby gilt als eine der härtesten Sportarten im Bereich des Behindertensports. Ab Mittwoch geht es in Nottwil zur Sache: Acht Nationalteams kämpfen an der B-EM um die Krone und den Aufstieg in die A-Division. Für die Schweiz ist Silvana Hegglin dabei, die einzige Frau in der Equipe der Gastgeber. «Harte Rollstuhlkontakte und Crashs sind erlaubt. Da gibt es schon mal blaue Flecken», sagt die 18-Jährige. Sie betreibt seit einem Jahr diese Sportart und ist auch bei den Nottwiler Fighting Snakes auf Vereinsebene engagiert.

Silvana Hegglin ist eine aufgestellte, offene Person und hat trotz ihres Schicksals den Optimismus nicht verloren. Im Alter von zwei Jahren erlitt sie einen toxischen Schock, ausgelöst durch eine Blutvergiftung. In der Folge mussten der rechte Unterschenkel, der linke Fuss, die Finger an der rechten und teilweise jene an der linken Hand amputiert werden. «Ich kann mit dieser Situation sehr gut umgehen, bin damit aufgewachsen und kenne ja nichts anderes», sagt die Athletin, die derzeit in Rothenburg eine Lehre (1. Lehrjahr) als Detailhandelsfachfrau absolviert.

Wird als Frau von den Gegnern nicht geschont

Aufgewachsen ist sie in Ballwil, besuchte dort die Primarschule und in Eschenbach die Oberstufe. Sport stand bis vor einem Jahr nicht unbedingt gross in ihrer Agenda – bis sie einen Schnupperkurs in Rollstuhlrugby absolvierte und Gefallen fand. «Es ist eine Sportart, in der ich mich so richtig auspowern kann», sagt sie und schiebt nach: «Nein, die gegnerischen Männer schonen mich nicht.» Gespielt wird in einem Spezialrollstuhl, «der muss schon etwas robuster sein als ein Alltagsrollstuhl». Der Ball ist nicht eiförmig, sondern rund und soft, so kann dieser auch von Athleten mit starken Einschränkungen an den Händen gefangen und gehalten werden. Und erfinderisch ist Silvana Hegglin auch, denn als Handschuhe benutzt sie jene für Gartenarbeit und schneidet einfach die Fingerlinge ab.

Um sich auf diese EM-Fights optimal vorzubereiten, gab es unter anderem für die Schweizer monatlich einen Kaderzusammenzug. Zudem fand im Juli in Nottwil ein Vorbereitungsturnier statt, Platz vier gibt Hoffnungen, sich in den Ernstkämpfen durchsetzen zu können. Weiter wurden Einzel- und Gruppenvideoanalysen vorgenommen. «Ich hoffe, dass wir den Final erreichen, was mit dem Aufstieg in die A-Division gleichkäme», nennt sie die Zielsetzung für diesen Gross­anlass vor heimischem Publikum.

Die Rollstuhlrugby-Spiele an den Paralympics in Rio verfolgte sie am Fernseher mit grossem Interesse, vor allem jene der kanadischen Teams, denn dort spielt ihr grosses Vorbild Zak Madell, einer der besten seines Faches. «Er weist ähnliche Amputationen auf wie ich», sagt Silvana Hegglin, «und ich mag seine Spielweise.»

Sie kann offen über ihre Behinderung sprechen und sagt: «Ab und zu hadere ich schon ein bisschen. Die Spontaneität sei nicht mehr gegeben, «morgens muss ich mir manchmal überlegen, ziehe ich nun die Prothesen über oder bewege ich mich ausschliesslich im Rollstuhl». Und auch Schuhe mit Absätzen würde sie gerne tragen – oder ein elegantes Kleid. «Und manchmal wünsche ich mir, ich könnte meine Nägel lackieren.» Sonst kann Silvana Hegglin vieles machen, was sie sich vornimmt, zurzeit lernt sie Auto fahren.

Eine feste Konstante ist ihre Familie – Mutter Agnes, Vater Hugo und die Geschwister Jasmin und Manuel. Sie werden in Nottwil unter den Zuschauern sein, die Eltern haben ihre Ferien entsprechend terminiert. «Es wirkt unterstützend, wenn meine Familie im Publikum sitzt», erklärt die Sportlerin.

Alles ist angerichtet, einer erfolgreichen EM für Silvana Hegglin steht kaum etwas im Weg.

Ziel: Olympia in Tokio 2020

Anlass Die Schweizer haben sich für die Rollstuhlrugby-Europameisterschaft der B-Division vom 3. bis 9. Oktober in Nottwil (SPZ) ein klares Ziel gesetzt: den Aufstieg in die A-Division. Um dies zu erreichen, muss das Heimteam die EM auf Platz eins oder zwei abschliessen. Mit der Promotion wäre auch die Qualifikation für die A-EM 2017 so gut wie sicher. Der nächste Schritt wäre dann die Teilnahme an der WM in Sydney 2018. Das ganz grosse Ziel ist aber die Qualifikation für die Paralympics 2020 in Tokio.

Rollstuhlrugby ist seit 2000 paralympisch und ist ein Teamsport für Tetraplegiker. Mitmachen können aber auch Athleten mit Einschränkungen an mindestens drei Extremitäten. Jeder Athlet wird aufgrund seiner Behinderung in eine Funktionsklasse eingeteilt. Die Klassifizierung startet bei 0.5 (niedrigste Funktion) und reicht bis 3.5. Die vier Spieler auf dem Feld dürfen maximal acht Punkte aufweisen. (T.B.)

Das Schweizer Team
Spielertrainer:
Adrian Moser (Zürich, Tetraplegie, Snowboardunfall, 1.0). – Kader: Anton Mityukov (Nottwil, Behinderung Tetraplegie, Behinderungsgrund Unfall bei einem Sprung in den See, Wettkampfklasse 2.0). – Edwin Ramirez (Zürich, Cerebralparese, Frühgeburt, 1.5). – David Mzee (Wetzikon, Tetraplegie, Unfall bei der Sportlehrerausbildung, 2,0). Jerwemy Jenal (Samnaun, Tetraplegie, Unfall beim Skifahren, 2.5). – Andreas Brändli (Rapperswil-Jona, Tetraplegie, Blutgerinnsel im Rückenmark, 1.5). – Silvana Hegglin (Nottwil, Amputation, Toxisches Schocksyndrom, 3.0). – Peter Roos (Luzern, Tetraplegie, Sprung ins untiefe Wasser, 0.5).– Christian Hähnel (Rickenbach LU, Tetraplegie, Minitrampolin-Unfall, 1.5). – Toni Schillig (Geuensee, Tetraplegie, Unfall beim Schwingen, 3.0).

Die Teams
Schweiz (Weltrangliste 14). Belgien (13). Finnland (12). Italien (22). Österreich (17). Polen (15). Russland (21). Tschechien (16).

Das Programm
Mittwoch, 17.45: Eröffnungszeremonie. –
Spiele der Schweizer: Mittwoch (18.30): Schweiz - Italien. – Donnerstag (18.00): Schweiz - Österreich. – Freitag (18.00): Schweiz - Belgien. – Samstag: Ab 12.00 Platzierungsspiele. – Sonntag: Ab 9.00 Platzierungsspiele. 13.00 Spiel um Platz 3. 15.00 Finalspiel. – Ort: SPZ Nottwil.

HINWEIS
Mehr zur Rollstuhlrugby-Europameisterschaft unter www.spv.ch


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