«Die letzten 5 km waren extrem hart»

LAUFSPORT ⋅ Am Bieler 100-Kilometer-Lauf wächst die 56-jährige Beatrice Odermatt über sich hinaus. Nachdem sie bereits mehrfach an dieser Herausforderung gescheitert war, gelingt der Eicherin 2017 ein perfektes Rennen.
18. Juni 2017, 12:11

Stefanie Barmet

regionalsport@luzernerzeitung.ch

10 Kilometer, einen Halbmarathon oder gar einen Marathon zu bestreiten, ist heutzutage nichts Aussergewöhnliches mehr. Doch wie kommt man überhaupt auf die Idee, 100 km am Stück zu laufen? «Ein Freund hat mir vom tollen Gefühl nach 100 km im Ziel erzählt. Mit dem Alter wurden meine Marathonzeiten nicht besser. Ich wollte herausfinden, was bei einem 100-km-Lauf in Körper und Geist abgeht. Einen Marathon kann man im Training simulieren, einen 100-km-Lauf jedoch nicht. Zu viele unbekannte Komponenten spielen dabei eine wichtige Rolle», umschreibt die in Eich wohnhafte Beatrice Odermatt ihr Vorhaben. Nachdem die gelernte Pharma-Assistentin, die am Kantonsspital Obwalden arbeitet, jahrelang Marathonrennen bestritten hatte, stand sie 2010 erstmals in Biel hinter der Startlinie.

Sich von den müden Beinen ablenken

Die späte Startzeit um 22 Uhr sowie die 500 Höhenmeter machen den 100-km-Lauf von Biel zur ganz besonderen Herausforderung. In den Vorjahren musste Beatrice Odermatt das Rennen mehrmals aufgeben. Einmal waren Magenprobleme der Grund, ein anderes Mal war sie zu schnell gestartet. 2016 kam sie zwar ins Ziel, jedoch machten ihr die Füsse und der mentale Aspekt mächtig zu schaffen, wodurch sie viel Zeit verlor. 2017 stimmte alles zusammen. Ab Januar absolvierte die ehemalige Trampolinturnerin, die im Alter von 22 Jahren durch den Triathlonclub Sursee zum Laufsport fand, wöchentlich zwischen 80 und 130 km, verteilt auf fünf bis sechs Einheiten. Dabei konnte sie stets auf die Unterstützung ihres Trainers Armin von Rotz zählen. Der Leiter der Laufgruppe am Kantonsspital Obwalden begleitete sie bei langen Läufen – und auch in Biel mit dem Rad. «Eine enorm wichtige Unterstützung», wie Beatrice Odermatt betont. Auch im mentalen sowie ernährungstechnischen Bereich hatte sie aus den Fehlern der Vorjahre gelernt. «Es gelang mir, mich beispielsweise durch das Visualisieren des Zieleinlaufes von den müden Beinen abzulenken. Bis Kilometer 70 trank ich nur Wasser, ehe ich auf Cola ohne Kohlensäure umstieg. Anders als in den Vorjahren ass ich nur Sportriegel, die ich im Training und bei Wettkämpfen getestet hatte und daher kannte.»

Es locken neue Herausforderungen

Bis Kilometer 95 kam die 56-Jährige ohne grössere Krisen durch. «Die letzten 5 Kilometer waren extrem hart, ich musste nochmals auf die Zähne beissen. Umso schöner war der Zieleinlauf nach 9:31 Stunden (5:42 Minuten/pro km; Anm. der Red). Ich konnte es kaum glauben, dass ich als 56-Jährige auf den 6. Rang gelaufen bin.» In der Schweizer Meisterschaftswertung klassierte sich die Eiche­rin auf Rang 4, bei den Frauen 55 gewann sie mit über einer Stunde Vorsprung. «Ohne meinen Velobegleiter sowie die Unterstützung der Familie vor Ort wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen.»

Bereits am Dienstag nach dem Lauf schnürte sie wieder die Laufschuhe. «Ich habe mich sehr gut erholt und hatte einfach Lust, wieder zu laufen.» Nach dem Erfolg in Biel wird sie sich ein neues Ziel setzen. Bis anhin stand der Spass an der Bewegung in der Natur im Vordergrund. «Ich möchte mich am Berg verbessern. Ich habe zwar bereits mehrfach den Jungfrau-Marathon bestritten, in den steilen Passagen verlor ich jedoch immer viel Zeit. Ich möchte spezifisch am Berg trainieren und herausfinden, was möglich ist.»

Hinweis

Rangliste und Bilder vom Lauf in Biel unter: www.datasport.com


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