Eine Adler kommt selten allein

VOLLEYBALL ⋅ Die 23-jährigen Zwillinge Alaia und Lisa Adler spielen für Steinhausen in der NLB. Sie haben bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Die ersten Jahre lebten sie in einem fernen Land.
05. Dezember 2017, 09:44

Michael Wyss

sport@zugerzeitung.ch

Die Adler-Zwillinge Alaia und Lisa haben eine Menge zu erzählen in der Turnhalle Sunnegrund, wo sie mit dem VBC Steinhausen trainieren. Aufgewachsen sind die heute 23-Jährigen, die vier Geschwister haben, in Kotmale in Sri Lanka, einem kleinen Dorf im Dschungel. Dort lebten sie bis zum 9. Lebensjahr, bevor sie in die Schweiz zogen.

Ihr Vater, der Deutscher war und vor einigen Jahren verstarb, führte in Kotmale eine Kleiderfabrik. Alaia Adler erinnert sich: «Wir sahen dort die Armut und sassen manchmal am Küchentisch oder im Wohnzimmer bei Kerzenlicht, weil es keinen Strom gab. Doch wir kannten nichts anderes. Uns ging es gut, denn wir wohnten in einem Haus und lernten das einfache Leben schätzen. Wir waren glücklich.» Ihre Zwillingsschwester ergänzt: «Auch wenn wir noch jung waren, hat uns diese Zeit in Kotmale sicher geprägt. Natürlich positiv. Wir waren immer in der Natur. Es war eine wichtige Erfahrung für unser heutiges Leben in der Schweiz. Heute schätzen wir, was wir alles haben.»

Die Adler-Zwillinge sind selbstbewusst und nicht auf den Mund gefallen: «Ich bin ehrlich und sage, wie es ist oder was mir nicht passt. Es stimmt auch, dass ich manchmal dickköpfig bin und stur sein kann. Ich gehe durch die Wand, wenn ich etwas will», sagt Lisa, die im Volleyball mit ihren 1,76 Metern auf der Aussenposition spielt. Die Diagonalspielerin Alaia (1,73 Meter) ist die etwas Ruhigere und wohl Sensiblere der beiden: «Ich habe eine soziale Ader und will immer Gerechtigkeit schaffen. Harmonie ist mir sehr wichtig. Ich verteidige auch meine Schwester, wenn ich das Gefühl habe, dass sie ungerecht behandelt wird», erklärt sie.

In derselben Stadt – aber nicht derselben WG

Beide sind Studentinnen und leben unter der Woche in der Stadt Zürich in verschiedenen Wohngemeinschaften: Lisa studiert Bauingenieurwesen und Alaia Veterinärmedizin. Am Wochenende leben sie bei ihrer Mutter in Wilen bei Wollerau, wo sie ihre spätere Kinder- und Jugendzeit verbrachten. Lisa, die 13 Minuten jünger ist, und Alaia sorgen seit dieser Saison gemeinsam für die Musik im Fanionteam des VBC Steinhausen. «Es ist schön, wenn man im selben Team spielen kann – wir kennen nichts anderes», sagt Lisa. Das stimmt nicht ganz: In der vergangenen Saison waren die Adler-Zwillinge aus sportlicher Sicht erstmals in ihrem Leben getrennt. Alaia war in den Vereinigten Staaten und absolvierte dort ein Zwischenjahr. Lisa, die schon in der Spielzeit 2016/17 in Steinhausen engagiert war, sagt: «Sie fehlte mir schon. Es war eine Umstellung für mich, ohne Alaia zu trainieren und zu spielen. Wir haben uns vor den Trainings und Partien auch immer zusammen eingespielt.» Der Stammverein der Adlers ist der VBC Einsiedeln.

Die Freude an ihrem Hobby entdeckten sie während der Schulzeit in Einsiedeln im Alter von 13 Jahren. «Wir spielten im Turnunterricht und über den Mittag in angebotenen Zusatzlektionen oft Volleyball. Das weckte bei uns das Interesse, und wir bekamen immer mehr Plausch daran», kann sich Lisa genau erinnern. Einer ihrer Sportlehrer war übrigens der 2014 verstorbene ­Werner Küttel, der Vater des ehemaligen Schweizer Skispringers Andreas Küttel.

Mit dem NLB-Team Steinhausens streben die Adler-Zwillinge die Playoffs der besten vier Equipen an. Momentan liegen die Zugerinnen auf dem vierten Rang (siehe Box). «Wir sind sehr zufrieden mit dem bisherigen Erreichten. Wir trainieren dreimal in der Woche für unser grosses Ziel. Das Team ist der Star, unser Kollektiv und die Kameradschaft sind wichtige Erfolgsgaranten», ist Alaia überzeugt. Einen grossen Verdienst hätte auch der Trainer Thomas Böbner, der ein Motivator und Kommunikator sei: «Er lebt mit und für den Volleyballsport. Die Trainings sind sehr gut vorbereitet, und in den Meisterschaftsspielen bekommen wir viele wichtige Inputs. Wir können sehr viel von ihm profitieren. Er ist ein Glücksfall für den VBC Steinhausen», weiss Lisa.

Beachvolleyball zum Ausgleich

Und was machen die Zwillinge im Sommer, wenn die Meisterschaft pausiert? Gibt es Entzugserscheinungen? Lisa sagt lachend: «Ohne Volleyball geht es natürlich nicht in unserem Leben. Wir spielen bei ZuZu-Beach, einer Beachvolleyabteilung des VBC Züri Unterland, und halten uns so fit für die im Oktober startende Hallenmeisterschaft.» Idole hätten die beiden keine. «Wir gehen unseren eigenen Weg und eifern keiner Person nach. Jeder Mensch ist eine Persönlichkeit, ein Individuum», sagt Alaia stellvertretend für beide. Doch Träume haben die Adlers – unterschiedliche: «Reisen schwebt mir vor. Ich möchte gerne Südamerika oder Ostasien bereisen», sagt Alaia. Und Lisa träumt von Reitferien in Island: «Das wäre genial. Dieses Land reizt mich sehr.»

Klar ist: Wohin es sie auch verschlagen wird – anschliessend werden sie wieder zusammenfinden.


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